Sind BWLer überflüssig?

BWL-Spezialisierung
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Oder, um es positiv zu betrachten: Haben Quereinsteiger heute größere Chancen, einen BWL-Job zu bekommen als Bewerber/innen mit einem Abschluss in Betriebswirtschaftslehre? Der Einschätzung von Experten zufolge sieht es ganz danach aus. Zumindest eröffnen sich hier große Chancen für Fachfremde, die mit solch einer Position liebäugeln. 

 

Ein Musikwissenschaftler optimiert als Projektleiter die Steuerung eines Hochofens in einem Stahlwerk. Was exotisch klingt, gehört zur neuen Realität. Es ist ein besonders auffälliges Beispiel von Philipp Jostarndt, Partner und Recruitingchef bei der Boston Consulting Group (BCG), einer der weltweit führenden Unternehmensberatungen. Dort setzt man auf Diversität bei den Teams – aus der Überzeugung heraus, dass auf diese Weise die innovativsten Ideen entstehen. „Daher stellen wir bewusst nicht mehr als 50 Prozent Wirtschaftswissenschaftler in der Beratung ein“, erläuterte der promovierte Betriebswirt in einem Interview gegenüber dem Magazin consulting.de. Demnach ist der absolvierte Studiengang für BCG nicht entscheidend. „Was zählt, sind exzellente akademische Leistungen, Praxis- und Auslandserfahrung und  ,something else‘. Ein Thema oder ein Hobby, für das Kandidaten brennen und das sie geprägt hat.“

Consulting: „Keine BWL-Kenntnisse erforderlich“

Auch Vorkenntnisse in Betriebswirtschaftslehre sind für Jostarndt „nicht zwingend notwendig“. Als wesentliche Voraussetzung nennt er aber das Interesse, den Herausforderungen in der Wirtschaft auf den Grund zu gehen. Neue Mitarbeiter, die bislang nur wenig oder gar keine Berührung mit Wirtschaftsthemen hatten, erhalten bei BCG einen zweiwöchigen „Mini-MBA“, bevor es zum Kunden geht. „In diesem BWL-Crashkurs bekommt man die wichtigsten Grundlagen kompakt vermittelt, etwa in Kostenrechnung und Bilanzanalyse“, so der Personaler.

BWL in 14 Tagen: Ein Crash-Kurs als Vorbereitung

Ein Beispiel dafür, inwiefern Teilnehmer von solch einem Kurs offenbar profitieren können, bringt die Süddeutsche Zeitung in ihrer Onlineausgabe: Saskia Schneider hatte als Psychologin zuvor am Institut für Sexualmedizin der Berliner Charité gearbeitet. Sie wechselte zur BCG, um dort künftig Unternehmen zu optimieren. Auf diese Aufgaben wurde sie im internen BWL-Bootcamp vorbereitet, zusammen mit Ingenieuren, Philosophen und anderen Quereinsteigern. Vierzehn Tage hatten sie alle Zeit, um sich die für den neuen Job erforderlichen Grundprinzipien der Betriebswirtschafslehre anzueignen. Dem Bericht zufolge ist Schneider inzwischen ein „vollwertiges Teammitglied“. Von Nachteil sei ihr fachfremder Hintergrund dabei nie gewesen. Vielmehr seien die Exoten, frisch aus dem Bootcamp kommend, bei manchen Themen sogar fitter als ihre BWL-Kollegen. Denn die wiederum haben inzwischen vieles aus dem oftmals schon länger zurückliegenden Studium vergessen.

BWL-Jobs: Kreative Köpfe sind gefragt

Betriebswirtschaftslehre ist nach wie vor der beliebteste Studiengang. Doch man hört es von beruflich bereits tätigen Betriebswirten immer wieder: Vieles im Studium wurde stur auswendig gelernt, mit dem Ziel die nächste Prüfung zu packen – und anschließend schnell wieder vergessen, galt es doch sich schon auf die nächste Thematik und Prüfung zu konzentrieren. Dabei, da sind sich Experten einig, benötigen Betriebswirte doch außer Fachwissen vor allem Kreativität, analytische Fähigkeiten und Soft Skills. So verwundert es kaum, dass die BWL-Absolventen am Arbeitsmarkt oft mit fachfremden Kollegen konkurrieren, die das Wirtschaftliche quasi „nebenbei“ erlernen.

Rund 500 000 fachfremde „Betriebswirte“

Wie Saskia Schneider als Psychologin in der Unternehmensberatung einzusteigen, ist schon eher ein Normalfall. Doch auch Fachfremde aus anderen Disziplinen sind längst zahlreich in BWL-Jobs vertreten. Nach Zahlen der Bundesagentur für Arbeit üben 2,2 Millionen Arbeitnehmer in Deutschland betriebswirtschaftliche Tätigkeiten aus. Lediglich 1,7 Millionen haben ein betriebswirtschaftliches Studium absolviert. In einigen Unternehmen sind Quereinsteiger gerade wegen ihres speziellen fachlichen Hintergrunds gefragt: So stellen viele Unternehmensberatungen generell auch bevorzugt Geistes- und Sozialwissenschaftler, Ingenieure oder Mediziner ein.

Fachfremde vor allem im Consulting

Und doch scheint sich diese Entwicklung vor allem auf den Bereich Consulting zu konzentrieren. „Eine neue Kultur, dass BWL-Berufe in Deutschland jetzt massenweise von Nicht-BWLern ausgeübt werden, gibt es in meinen Augen nicht“, sagte Michael Hies, Leiter des Karrierenetzwerks E-fellows in dem auf sueddeutsche.de veröffentlichten Artikel (August 2018). Die Unternehmensberatung zähle zu den wenigen Branchen, wo sich eine solche Kultur tatsächlich etabliert habe. In den meisten anderen Sektoren seien die vielen Fachfremden in BWL-Berufen dagegen eher der aktuellen Arbeitsmarktlage geschuldet (Stichwort Fachkräftemangel). Demnach stellen zwar auch andere Firmen Fachfremde für BWLer-Positionen ein. Dies könnte sich laut Hies aber wieder verändern, sobald sich die Lage am Arbeitsmarkt wandelt.

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