Lernstrategie: »Was zum Teufel ist Synästhesie?«

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Vor Jahren stand ein kleiner Artikel über Synästhesie im BWL-Boten. Synästhesie ist Kopplung von Sinneswahrnehmungen in der Weise, daß eine Wahrnehmung auch zu anderen Sinnesreizen führt. Ich bin davon in der Weise betroffen, daß ich Buchstaben und Zahlen intensiv farbig (und mit einern Zahl anderer Wahrnehmungen kombiniert) wahrnehme. Dies wurde früher für eine Krankheit gehalten, ist inzwischen aber Forschungsgegenstand. Da (zumindestens bei mir) die synästhetische Wahrnehmung eine beträchtliche Lernerleichterung darstellt, ist die Sache möglicherweise auch für Aus- und Fortbildungsteilnehmer, und für Lehrer und Dozenten, von Interesse. Inzwischen ist ein Artikel zu diesem Thema von mir in einem Sammelwerk publiziert worden. Dieser Beitrag wird hier zur Diskussion gestellt. Bibliographische Angaben folgen am Schluß.

Was zum Teufel ist Synästhesie?

Einst hielt ich es für selbstverständlich, daß der Buchstabe "A" intensiv rot sei, Kochsalz natürlich eckig, und die Zahl "24" wie Schokolade aussehe und schmecke, und über die ersten verständnislosen Blicke habe ich mich sehr gewundert. Inzwischen, und eine Zahl intensiver aber gleichwohl auch schon lang zurückliegender Jugenderfahrungen später weiß ich, daß diese Art der Erfahrung jeder machen kann, der bestimmte Rauschdrogen einnimmt, aber diejenigen, die das in gewissem Maße ständig im Alltag ständig erleben, eher gering an Zahl sind: ich bin Synästhetiker, ich reagiere auf jeden Reiz mit allen Sinnen. So haben Buchstaben und Zahlen für mich intensive und unverwechselbare Farben, und die Töne der Musik kann ich mit Händen greifen, im wahrsten Sinne, denn die von einer Geige gespielte Note ist natürlich glatt wie Seide, während man in den Sound eines Orchesters butterweich hineingreifen kann. Wer wüßte das nicht?

Meine ganz persönliche Lernstrategie

Einst attestierte mir ein Schulpsychologe "hochgradige Legasthenie", und daß ich niemals richtig schreiben lernen würde. Anderswo ein guter Anfang, im Leben zu scheitern. Dennoch habe ich das zweitbeste Universitätsexamen meines Jahrganges – und die Synästhesie hat mir dabei ganz sicher geholfen, auch wenn diese damals noch nicht mit Vornamen kannte, denn nichts prägt sich mir so gut ein wie bunte Buchstaben und leuchtende Ziffern. Die synästhetische Wahrnehmung ist dabei unabhängig von der drucktechnischen Gestaltung: das "A" ist immer rot (und das "B" stets braun), ganz gleich, in welcher Farbe es gedruckt im Buche steht – die Farbe ist nicht im Buchstaben, sondern im Inbegriff des Buchstabens. Und das hat Folgen:

Bleiwüsten in Gesetzbüchern, vergessene Formeln und verwechselte Daten? Unmöglich! So erhielt ich kürzlich eine neue Handy-Karte, und nach einem einzigen Blick auf die neue PIN war klar, daß eine so schön stahlblau-kackbraune Nummer unvergeßlich ist. Nie werde ich bei deren Eingabe Fehler machen, nie brauche ich den Entsperrcode nach dreimaliger Falscheingabe, denn die Farben prägen sich sofort ein. Dennoch kenne ich die nur scheinbar endlos lange Super-PIN auswendig, natürlich auch nach einem einzigen Blick. Etwas so Buntes ist unvergeßlich… Das gilt natürlich auch für die Geheimzahl meiner EC-Karte, die nie ein Geldautomat verschluckt hat, unvergessene Paragraphennummern in Gesetzen oder farbenfrohe Hexadezimaladressen in Programmen und Webseiten: alles, was alphanumerisch ist, scheint leuchtend bunt, kann befühlt, betastet, geschmeckt und manchmal sogar gehört werden. So beginnen die Vorschriften zur Buchführungspflicht in einem doch ganz eindeutig gelblichen Zahlenbereich des Handelsgesetzbuches (aber mit leicht blauem Einschlag!), und meine Telefonnummer ist so farbenfroh als wäre sie ein Weihnachtsmarkt. Vergessen unmöglich! Heute weiß ich, daß mich das durch die Schule gebracht hat, aber damals war ich verständnislos, daß andere es nicht auch so machen.

Vielfältige Wahrnehmungen

Aber ich reagiere nicht nur mit (imaginären) Farben auf Buchstaben und Zahlen, sondern oft auch mit Klängen, Tastempfinden oder gar komplexen Wahrnehmungen: so kann ich Worte und Zeichen oft auch hören oder mit scheinbar sinnlosen Alltagsgeräuschen verknüpfen, und Worte haben eine Art "Gefühl": so ist das Wort "Art" hart und kantig, aber das Wort "gelb" wie eine sanfte Berührung am Hals. Warum? Keine Ahnung, es ist halt so – als ob die Grenzen zwischen den Sinnen durchlässig wären. Nur reden kann ich darüber mit niemandem. Synästhetische Geschmackswahrnehmungen sind bei mir übrigens selten (kommen aber vor), nur Geruchssynästhesien habe ich niemals – was aber auch damit zusammenhängen kann, daß ich vor einigen Jahren durch eine Krankheit jeglichen realen Geruchssinn verloren habe, was schade ist, bisweilen aber auch ganz nützlich sein kann.

Synasthesie und Rechtschreibung

In allen meinen Schriftwerken (ich habe diverse Bücher über Betriebswirtschaft und Rechnungswesen verfaßt) wende ich ausschließlich die alte Rechtschreibung an, was natürlich hauptsächlich daran liegt, daß ich die undemokratische Art und Weise, wie die Schlechtschreibreform von 1999 zustandegekommen ist, zutiefst ablehne. Aber das ist nicht der einzige Grund: so ist ein "Delphin" wunderbar weich wie Seite in sanftem Wind, aber ein "Delfin" ist klirrend hart und kalt wie der Stahl eines Schwertes – unterschiedlicher können Wörter kaum sein. Ich lese nämlich nicht (mehr) wie einst in der Grundschule einzelne Buchstaben, und setze hieraus die Wörter zusammen, sondern erkenne ganze Worte auf einen Blick, und dabei spielen die mit den Zeichen und Zeichengruppen verbundenen Wahrnehmungen und Empfindungen eine vermutlich wesentliche Rolle: so bin ich vollkommen außerstande, einen in neuer Schlechtschreibung verfaßten Text laut vorzulesen – ich bleibe meist schon beim ersten Satz hängen, ein peinliches Erlebnis als wäre ich ein Analphabet – ja, was völlig Anderes als ein Analfabet oder gar, welch sinnvolle Trennung, ein Anal-fabet. Mit Texten in der alten Rechtschreibung, oder in English, habe ich kein Problem.

Soweit ich die Argumente der Reformbefürworter verstanden habe, geht die Schlechtschreibreform danach, wie ein Wort gesprochen wird (daher zum Beispiel "Rau" statt "Rauh", welche Geschmacklosigkeit, aber das "h" wird halt nicht ausgesprochen). Ich sehe aber Worte (meist) nicht in Tönen (und niemals in Aussprachen), sondern stets in Farben (oder anderen Empfindungen). "Rauh" und "Rau" sind daher zwei vollkommen verschiedene Dinge, genau wie "Alphabet" oder "Alfabet" – und das ist ein großes Hindernis.

Das gilt insbesondere auch für die Worteinheit, und also für die Frage der Getrennt- oder Zusammenschreibung: so kann ich "kennen lernen" nicht ohne weiteres mit "kennenlernen" verbinden, weil beides durch die Trennung andere Wahrnehmungen auslöst. Ich bleibe also beim Lesen hängen oder mißverstehe den Text.

Synasthesie und Fremdsprachenlernen

Das geht auch umgekehrt, nämlich von der Aussprache zum Buchstaben, was genauso förderlich aber auch ebenso hinderlich sein kann: so habe ich (irgendwann als Kind) das Wort "besch" zum ersten Mal gehört, und mit den Farben oder dem Tastempfinden der Buchstabenfolge "b-e-s-c-h" unlösbar verbunden. Als ich dann zum ersten Mal das Wort "beige" las, verstand ich auf Jahre nicht, daß dies dasselbe bedeuten könne. Ich habe mich daher bislang standhaft geweigert, französisch zu lernen, weil ich es doppelt lernen müßte – Schreibweisen und Aussprachen, die (für meine subjektive Wahrnehmung) miteinander nichts zu tun haben. Ähnlich ist es auch manchmal mit deutsch (ich bin zweisprachig aufgewachsen): eine bekannte Fernsehserie verballhornt in ihrem Titel "know how" zu "knoff hoff". Ich habe lange gebraucht zu verstehen, daß beides dasselbe sein soll, weil "know" und "knoff" so verschiedene Farben haben, daß sie (für mich) vollkommen anders aussehen. Nichts ist aber leichter für mich als das Erlernen von Programmiersprachen: selbst Programmbefehle sind bunt leuchtend und unvergeßlich. Meine erste Maschinensprache (6502-Assembler, vor bald 30 Jahren) lernte ich einst dezimal und ohne (!) Mnemonics (Programmierer wissen, was das bedeutet). Könnte man "169" ($A9) jemals mit "232" ($E8) verwechseln?

Weitere Zusammenhänge?

Der Leser ahnt, daß ich zu denen gehöre, die alles mit der Tastatur machen, und was damit nicht geht, mit der Maus versuchen – oder es verächtlich liegenlassen. Ich lebe mit Zahlen, Daten und Formeln. Ich setze mich abends ein Viertelstündchen an die Rechner, schnell noch was zu programmieren, und wundere mich dann, weshalb es plötzlich hinter mir hell wird. Dennoch sind meine intensivsten Erinnerungen eindeutig nichtdigital: so weiß ich erst seit einiger Zeit, daß man auch schwarzweiß träumen kann. Bislang hielt ich es für selbstverständlich, daß Träume sich in den buntesten und intensivsten Farben abspielen – so heftig, daß der leuchtendste Sonnenuntergang dagegen ziemlich blaß aussieht. In diesen Zusammenhang könnte der Umstand gehören, daß ich manchmal das Tagbewußtsein in den Traum mitnehme, also bewußt weiß, daß ich gerade träume, und im Traum auch bewußt und willentlich handeln kann – eine Praxis, die man übrigens im Buddhismus üben kann [vgl. Literatur]. Manche synästhetischen Verknüpfungen zwischen scheinbar zusammenhanglosen Zeichen und entsprechenden (nicht wirklich existenten) Sinnesreizen scheinen irgendwie mit solchen Klarträumen zusammenzuhängen. Ganz sicher bin ich, daß auch (solche) Träume mir beim Lernen geholfen haben – zum Beispiel einer bestimmten weit entfernt liegenden afrikanischen Sprachen, der eines Landes, in dem ich einmal fast hängengeblieben wäre: die Farben der Träume und die der Wörter hängen irgendwie zusammen und eines befördert das andere. Sprachenlernen nach imaginären Farben – ja, sowas geht! Der Rest ist die berühmte Geschichte mit der Ziege, über die der Leser aber nur auf meiner privaten Homepage die Details erfahren kann, denn hier schweife ich sonst vom Thema ab.

Bleiben emotionale Zusammenhänge, und das sind die aus den Träumen, die manchmal in die Wirklichkeit schwappen. Emotionen scheinen eine weitere synästhetische Dimension zu sein, die gleichwohl nicht mit Buchstaben verknüpft ist – eine Art "komplexe Synästhesie" anscheinend.

Das ist schön oder auch nicht, aber unvermeidlich, ganz so, als wäre die Wirklichkeit nur eine blasse Illusion, die ganz plötzlich zerbrechen kann: das Lautsprechersignal auf einem Flughafen beispielsweise, ein Alltagsgeräusch, das normalerweise nichts bei mir auslöst, denn ich habe viele Flughäfen gesehen, aber dieses eine steckte plötzlich voller Ferne und Freiheit und in einer einzigen Sekunde waren meine Jahre in Afrika ganz unvermittelt akute Wirklichkeit – so, als erlebte ich sie in einer einzigen Sekunde ein zweites Mal, mit aller Lebensfreude aber auch mit allem Schrecken. Nur eine Sekunde unaussprechlicher Fülle, dann war es vorbei. Berühmte Synästhetiker beschreiben anscheinend etwas Ähnliches: Goethe, zum Beispiel, der ganz Italien im Duft einer Zitrone fand. Ob das noch Synästhesie ist, weiß ich freilich nicht – ich bin ein digitaler Mensch, wenn ich sterbe, werde ich hochgeladen. Ich kenne nur die Abstürze und Fehler digitaler Systeme. Vom biologischen Betriebssystem habe ich keine Ahnung.

Der vorstehende Beitrag ist zuerst veröffentlicht in

Prof. Alexandra Dittmar
Synästhesien. Roter Faden durchs Leben?
Verlag DIE BLAUE EULE – Reihe "Psychologie in der Blauen Eule / Bd. 10 – Essen 2007
ISBN 978-3-89924-197-6.

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Alexandra Dittmar (geb. 1961) studierte Ethnologie, Philosophie und Sozialpsychologie und promovierte 1998 in Ethnologie. Ihr besonderes Interesse gilt der Vielfalt menschlicher Denkweisen und "Weltbilder". Sie ist Mitbegründerin der Deutschen Synästhesie-Gesellschaft e.V.

 

Literatur: Norbu, Namkhai, "Dream Yoga and the Practice of Natural Light", Edited and Introduced by Michael Katz, Snow Lion Publications, Ithaca, New York 1992, ISBN 1-55939-007-7.

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