Rechnungswesen in zwei Tagen: der Turbo-Lift zum Erfolg?

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Eine ordentliche Schulausbildung dauert so zwischen zehn und 13 Jahren, eine Lehre zwei Jahre, ein Studium zwischen drei Jahren (Berufsakademie) und fünf Jahren (Universität). Und dann kommen unter Umständen noch ein, zwei weitere Jahre für die Dissertation hinzu. Der Bildungsweg ist vor allem eines: lang. Aber anscheinend nicht für alle: in den Weiten des Netzes finden sich auch Anbieter, die in wenigen Tagen zu den höchsten IHK-Abschlüssen führen wollen. Angeblich mit fast hundertprozentigem Prüfungserfolg.

 

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Der Nürnberger Trichter
Der Nürnberger Trichter: Die Vorstellung des mühelosen Lernens ist trügerisch und war schon immer Anlaß zu Spottbildern. Bild: Postkarte um 1940. Quelle: Wikipedia.

Der kurze Weg zum Erfolg?

So dauern auch berufsbegleitende Fortbildungen bei den Industrie- und Handelskammern in der Regel zwei Jahre, in denen der Teilnehmer kaum Freizeit hat – denn der reine Besuch der Präsenztermine genügt nämlich ganz sicher nicht. Zwischen den Veranstaltungen sind Vor- und Nachbereitungen, Lernzirkel und viel Selbststudium unerläßlich. Und doch bestehen meist nur gut die Hälfte der Kandidaten am Ende auch die Prüfung. Kein Wunder, daß mancher auf unseriöse Werbeversprechen hereinfällt.

Zeichen der Zeit?

So weiß jeder Pädagogikstudent, daß Schnellbesohlungen bei Lehrveranstaltungen in der Regel Leerveranstaltungen sind. Man muß sich im Gegenteil Zeit nehmen, um verborgene Zusammenhänge zu erkennen, Definitionen zu verinnerlichen und die Denkweise der Prüfungslyriker vertieft zu verstehen. Besonders letzteres ist ein offensichtlicher Erfolgsfaktor in Prüfungen. Jeder, der die vielen Artikel des BWL-Boten zu den verschiedensten Prüfungsthemen studiert, weiß ganz genau, wovon ich rede. Sowas schafft man nicht in zwei Tagen. Auch nicht mit den "Erkenntnissen der Hirnforschung", denn über die Funktionsweise des Gehirns bei Lernprozessen wissen wir ungefähr so viel wie man über eine Festplatte erfährt, wenn man ihr mit einem Stethoskop gut zuhört: genau, nichts. Hohle Werbeversprechen, man könne mit wundersamen Erkenntnissen der Lernforschung die ganzen Mühen mit Prüfungsaufgaben und Klausurfallen umgehen, sind daher nicht immer ganz ernst zu nehmen. Sie sind aber ein Zeichen unserer Zeit, die alles immer schneller machen will. Zum Erfolg gibt es indes keinen Lift. Man muß immer die Treppe benutzen. Auch heute noch.

Leicht zu erkennende Indizien

Dabei kann, wer sich nicht blenden läßt, die unseriösen Anbieter leicht erkennen: wer nämlich behauptet, in wenigen Tagen vermitteln zu können was andere nicht in zwei Jahren schaffen, muß seine Werbelügen entsprechend verpacken. Ein genaues Studium der Webseite des Anbieters genügt, um entsprechende Hinweise aufzufinden. Auch nach dem Namen des jeweiligen Anbieters zu googeln und seine möglicherweise andernorts zu findenden Publikationen zu bewerten, ist höchst empfehlenswert. Wer dann der Versprechung, das Fach "Bilanz- und Steuerpolitik der Unternehmung" für die Fortbildung "Geprüfter Betriebswirt/IHK" in ganzen zwei Tagen erschöpfend erlernen zu können noch glaubt, ist vor allem eines: selbst schuld.

Schaden für die ganze Branche

Dabei schaden solche Anbieter nicht nur ihren eigenen Teilnehmern, sondern der ganzen Branche. Die Personaler in den Betrieben haben nämlich schon das böse Wort vom "Ibiza-Betriebswirt" geprägt: Als "Studiengänge" ausgegebene Ferienlehrgänge von wenigen Tagen haben die ganzen IHK-Fortbildungen nachhaltig verunglimpft. "IHK-Niveau" ist inzwischen vielfach zum Schimpfwort verkommen. Die große Mehrheit, die mit sehr viel Anstrengung ehrlich auf den Prüfungserfolg hinarbeitet, hat das indes nicht verdient.

Vorsicht, Titelmühle!

Schließlich wäre noch zu überlegen, ob Schnellangebote aller Art nicht in Wirklichkeit auf versteckte Titelmühlen deuten können. Auch im akademischen Bereich ist das nicht unbekannt; besonders unrealistische Werbeversprechen hinsichtlich der Erfolgsquote in der Prüfung lassen den Verdacht zu, daß nicht alles bei der Prüfung mit rechten Dingen zugeht. Wer also auf solche Anbieter hereinfällt, kann sich auch noch – strafbar machen!

Gesunder Menschenverstand reicht aus

Am Ende ist angehenden Aus- und Fortbildungsteilnehmern nur der einfache Rat zu geben, sich das auserwählte Bildungsinstitut zunächst sorgfältig anzuschauen. Gesunder Menschenverstand und der ausgiebige Gebrauch einer Suchmaschine reichen völlig, die Spreu vom Weizen zu trennen. Leider gibt es eine Menge Leute, die sich durch Arbeitsstreß und Zeitmangel zu unseriösen Angeboten verführen lassen. Die sollten sich möglicherweise einen Doktortitel kaufen, wenn sie das brauchen. Durch unseriöse Scheinzertifikate eine ganze Fortbildung in Verruf zu bringen, ist indes nicht nur dumm, sondern auch unfair.

Links zum Thema: Gibt es Titelmühlen im Bereich nichtakademischer Fortbildungen? | Bestehensquoten in IHK-Prüfungen: Nepper, Schlepper, Bauernfänger… | Vom Wochenende in den Opportunitätskosten, oder die Zeitnöte der berufsbegleitenden Fortbildungen | IHK-Fortbildungen: warum bestehen kaum die Hälfte der Teilnehmer? | Unseriöse Lehrgangsträger: Die »Study-Technology«-Heilsversprechen | Unseriöse Lehrgangsträger: das Bildungs-Pyramidenspiel | Die Qualitätsmängel der Kämmerlinge: Vorschlag für Pflichtakkreditierung von Fortbildungsanbietern (interne Links) Wikipedia-Artikel »Nürnberger Trichter« (externer Link)

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