Hinweise zur Verteidigung von Studien- und Diplomarbeiten

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Die Krönung der Diplomarbeit ist ihre Präsentation und Verteidigung vor dem Prüfungsausschuß. Monatelange Arbeit kann hier durch ein paar unbedachte Äußerungen zunichte gemacht werden, aber Fehler können auch ausgebügelt werden. Selbst wer in der eigentlichen Diplomarbeit Erfolg hatte, versagt oft in der Präsentation – mit den entsprechenden Auswirkungen auf die Note. Wie also präsentiere ich richtig?

Das Grundproblem

Wer sich oftmals monatelang mit einem Thema befaßt, und das vielleicht schon vorher lange mit sich herumgeschleppt hat, kennt jedes Detail. Es ist eine Erscheinungsform (oder Krankheit) unserer Zeit, immer mehr über immer weniger zu wissen. Um so schwerer fällt es aber, in kurzer Zeit das Wesentlich rüberzubringen, denn hierzu muß man Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden – und das unter verschärften Bedingungen, denn Prüfungsangst und Lampenfieber machen die Sache nicht gerade leichter: geordnete Wissensgebiete verwandeln sich in Trümmerfelder, das Hemd klebt am Rücken, man gerät ins Stottern, wird fahrig, die Brille beschlägt von innen – so schnell wird aus einer ordentlichen Diplomarbeit ein Desaster. Die Erfordernis einer klar strukturierten Rede wird oft noch durch die Anforderung verschärft, ein Autorenreferat zu erstellen, das als Thesenpapier die wesentlichen Ergebnisse auf einer einzigen Seite enthält. Das gibt dem Vortragenden aber auch die Chance, sich vertieft auf die Präsentation und ihre Inhalte vorzubereiten.

Formaler Aufbau der Präsentation

Jede Präsentation sollte zunächst mit einer kurzen Begrüßung der Zuhörer beginnen, die aber nicht auswendig gelernt sein sollte, denn das wirkt steif und paßt oft nicht in die Situation. Dann sollte sich der Vortragende kurz vorstellen, wenn er nicht sicher sein kann, allen Zuhörern schon persönlich bekannt zu sein. Schließlich kann mit einer provokativen These, einem Cartoon oder einem ähnlichen "Aufhänger" in das Thema eingeführt werden. Für die Behandlung des eigentlichen Inhaltes wurden eine ganze Zahl von formalen Argumentationstechniken vorgeschlagen, die man wissen und anwenden kann, aber oft zerkrümeln sie in der dicken Luft des überheizten Prüfungsraumes schneller als man gucken kann. Hier zunächst einige Beispiele:

"Standpunktformel":

  • Standpunkt nennen
  • Argument
  • Beispiel
  • Fazit
  • Appell

"Dialektischer Fünfsatz":

  • Thema einführen
  • Pro-Argmente
  • Contra-Argumente
  • Synthese/Urteil
  • Appell

"Problemlösungsformel":

  • Lage und Problemanalyse
  • Ursachenanalyse
  • Die beste Lösung
  • Alternative Lösungen
  • Aufforderung

Sicher ist es nicht falsch, eine solche Grundstruktur anzuwenden, aber es sollte eben auch nur eine Grundstruktur sein. Inkonsistente Anwendung oder Vermischung dieser Techniken ist ein Zeichen mangelhafter Vorbereitung. Sachliche Nähe zum Thema, also eine Harmonie aus Inhalt und Form, ist stets erforderlich: So ist die Standpunktformel sinnvoll für Arbeiten, die einen Wandel vorschlagen, und die Dialektik eher für Arbeiten, die verschiedene mögliche Ergebnisse zulassen. Der Aufbau der Argumentation in der verteidigten Arbeit sollte sich dabei möglichst mit der Argumentationsweise in der Präsentation decken. Was den Aufbau der Kernargumentation angeht, kann man sich übrigens auch an den Grundsätzen und Modellen des Projektmanagements orientierten, denn für den Prüfungsteilnehmer ist die mit der Präsentation endende Arbeit an der Diplomarbeit zweifellos ein Projekt (während sie für den Prüfer eine Kampagne ist).

Der freie Vortrag

Viel hängt an der Art der Präsentation, nicht an ihrem Inhalt. Viele Prüfer achten nur zum Teil darauf, was ihnen geboten wird (denn sie haben die verteidigte Arbeit ja schon gelesen), sondern eher darauf, wie es gesagt wird. Die freie Rede ohne vorgefertigtes Konzept, die auf Zwischenfragen und Anmerkungen des Prüfungsausschusses eingeht, schneidet dabei übrigens deutlich besser ab als der starr nach einem Spickzettel aufgesagte Text. Eine angemessene Sprechweise, deutliche Artikulation und bildhafte, anschauliche Ausdrucksformen können sehr wohl trainiert werden. Der Vortragende soll, knapp gesagt, Souveränität demonstrieren. Er muß über den Dingen stehen und das auch zeigen. Das zeigt er übrigens nicht (nur) mit seiner Körpersprache, sondern auch mit kleinen witzig-lockeren Randbemerkungen zur Sache: auch Prüfer wollen mal lachen, und sie in der Prüfung mit einem wohlgezielten Witzchen dazu zu bringen ist ein Zeichen sicheren Auftretens. Übung vor dem Spiegel oder einem familiären Privatpublikum kurz vor dem großen Termin bringt übrigens etwas, aber nur wenig: der Auswendiglerner, der seinen Text mit kleinen Scherzchen dazwischen locker aufsagt, kann mit einer einzigen gezielten Frage aus dem Konzept geworfen werden. Und das ist peinlich.

Lügen unmöglich

Überhaupt die Begleitumstände, wie viel hängt daran. Das beginnt schon bei dem steifen Anzug oder die unter den Armen kneifende Opa-Unterhose: Das Unwohlsein in der Ausnahmesituation der Prüfung ist einem Erfolg nicht gerade zuträglich. Umso wichtiger ist es, sich auch vor dem Prüfungsausschuß selbst zu leben und nicht zu schauspielern, denn man kann mit Worten lügen, aber nie mit der Körpersprache. Ein erfahrener Prüfer, oder einfach ein guter Menschenkenner, merkt jeden Widerspruch zwischen Thema und Bearbeiter oder Vortrag und Vortragenden sofort. Während man die Technik der freien Rede (Rhetorik) üben kann, ist es fast unmöglich, die eigene Körpersprache (Kinesik) zu kontrollieren. Sehr wohl kann man aber trainieren, der Sache angemessene Bewegungen zu machen, denn Gestik und Mimik sollten die Sachaussage unterstützen: so gehören ausladende Armbewegungen vielleicht in die Verkaufspräsentationen von Maklern und Bauträgern aber kaum in die Verteidigung einer Projektarbeit, und Imponiergehabe kommt ebenso schlecht an wie einer verklemmte Sitzhaltung mit um die Stuhlbeine verknoteten Füßen.

Hinweise zur Präsentationstechnik

Tafel, Flipchart und Overhead-Projektor gehören in nahezu allen Einrichtungen zum Standard, Computer und Videobeamer derzeit leider noch keineswegs. Daß man vorher sicherstellen sollte, welche technischen Hilfsmittel zur Verfügung stehen, und ob diese auch tatsächlich funktionieren, versteht sich von selbst, denn nichts ist tödlicher als mit einer sorgfältig erstellten Präsentation an einer nichtkompatiblen, defekten oder schlicht fehlenden Technik zu scheitern. Mitgebrachte Demonstrationsobjekte und Probestücke, die während der Prüfung von Prüfer zu Prüfer wandern, lockern den Vortrag auf und machen Sachverhalte anschaulich. Komplexe Übersichten, Tabellen oder Zahlenwerke, die nicht zu präsentieren sind, sollten vorher kopiert und bei Beginn der Präsentation an die Zuhörer ausgeteilt werden.

Der Folienleger in Aktion

Viele Kandidaten erstellen Overhead-Folien, die auch in Farbe ausgedruckt und auf dem Projektor präsentiert werden können. Hier unterscheidet man fertige Folien, die aufgelegt und insgesamt gezeigt werden, Auflegefolien, die erst verdeckt und dann gemäß dem Gang der Darstellung nach und nach aufgedeckt werden, Unterlegfolien, die unter einer Schreibfolie liegen, so daß darauf Erläuterungen oder Details handschriftlich vermerkt werden können und Kombinationsfolien, die Grafiken in mehreren Schichten enthalten, die durch Übereinanderlegen nach und nach vervollständigt werden können. Solche Medien können zwar schön vollständig vorbereitet werden, sind aber starr, so daß nicht auf Zwischenfragen eingegangen werden kann. Vorteil des Overheadprojektors ist aber, daß der Vortragende ständig Augenkontakt zum Publikum halten kann.

Am Punkt der Kraft

Microsoft® PowerPoint® ist eine Seuche unserer modernen Zeit, denn es verführt viele Vortragende, die Form über den Inhalt zu stellen. Bunte Folien mit lustigen Animationen, krachenden Soundeffekten und viel typographischer Unruhe passen aber schlecht zu Rechnungswesen oder betriebswirtschaftlicher Optimierung. Weniger ist also oft mehr! Während wir uns bereits an anderer Stelle ausführlich über die Details der Schrift- und Grafikgestaltung verbreitet haben, sei hier nur darauf hingewiesen, daß PowerPoint-Präsentationen noch starrer sind als Folienpräsentationen, weil während der Darstellung noch weniger spontane Änderungen möglich sind. Was man auf einer Transparentfolie schnell mit dem Stift zeichnen kann, erfordert bei PowerPoint einen sackstandigen Eingriff, der sich schlecht mit einer Prüfungssituation verträgt. Auch der Auf- und Abbau möglicherweise noch mitgebrachter eigener Technik verzögert nicht nur den Prüfungsablauf, sondern gibt auch noch prächtige Chancen für private Katastrophen aus abgestürzten Beamern und herunterscheppernden Laptops, was beides mit einer wirkungsvollen Präsentation wenig kompatibel ist, denn Hardware ist, was beim Herunterfallen klappert. Nicht alles, was sich für Verkaufs- oder Vorstandspräsentationen eignet, bekommt also auch mündlichen Prüfungen!

Raschel, Raschel

Nichts wirkt (jedenfalls in einer Prüfung) so professionell wie ein souveräner Vortrag mit Filzstift oder Kreide, denn der Vortragende kann sich am Flipchart nicht an vorgefertigtem Material festhalten. Wer also mit dem Flipchart-Papier raschelt, muß frei vortragen. Er muß selbst und in Echtzeit denken. Und das ist ein Erfolgsfaktor. Zudem kann mit Kreide und Filzstift direkt auf Zwischenfragen reagiert werden, was kaum eine andere Präsentationsform leistet. Die Kunst des Präsentierenden ist dabei die Fertigkeit des Lehrers, kompakte, verständliche und doch übersichtliche Tafelbilder zu zaubern, die wiederum Vertrautheit, Verständnis und Beherrschung des Fachgebietes voraussetzt – etwas, was man auch im Laufe der späteren Karriere oft noch leisten muß.

Der langen Rede kurzer Sinn

Wie kommen Sie in die Symphonie? Richtig: üben, üben, üben. Hier ist es genauso: ohne Fleiß kein Preis, so einfach ist das. Wer ein Thema nur gerade so beherrscht, schafft mit ein paar nichtoffengelegten Quellen vielleicht eine ordentliche Diplomarbeit, stürzt aber in der Präsentation todsicher ab. Um mit der Prüfungsangst fertigzuwerden, sollten Sie auch vorher die freie Rede üben – Arbeitsgemeinschaften, Referate und andere Aktivitäten seit der Schulzeit und erst Recht während des Studiums geben dazu genug Gelegenheit.
Was die Präsentationsmedien angeht, so rate ich ganz entgegen meinen sonstigen Tips von elektronischen Mitteln ab. Präsentieren Sie den Gang Ihrer Argumentation in einer knappen, knackigen Foliengrafik, die während der ganzen Verteidigung als Leitfaden für die Zuhörer auf dem Overhead Projektor liegenbleibt, und stellen Sie Ihr Thema inhaltlich an Tafel oder Flipchart dar. Ja, ich weiß, das stellt viel höhere Anforderungen an die Kunst der Rede, aber genau darauf kommt es ja an. Ihre elektronische Kompetenz sollten Sie schon beim Erstellen Ihrer Arbeit, und der selbstverständlich zugehörigen CD unter Beweis stellen. In der Präsentation haben Computer nur etwas zu suchen, wenn das direkt zum Thema gehört, etwa eine Datenbank oder Software erstellt wurde – aber dann präsentieren Sie, was Sie elektronische zeigen müssen, ebenfalls live und niemals mit vorgefertigten Folien oder Bildern!

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