Betriebswirt/IHK und Technischer Betriebswirt: Unbotmäßige Anmerkungen zum Rahmenstoffplan

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Da haben Sie es also wieder geschafft, jedenfalls die meisten: nach zwei Jahren ohne Wochenenden und voller Prüfungsstreß halten die meisten Kandidaten ihr Zeugnis "IHK Betriebswirt" in den Händen, und das bringt hoffentlich für einige auch einen beruflichen Fortschritt, d.h., eine besserbezahlte Stellung. Aber was bringt es noch?

Immer wieder gab der BWL-Bote Tips und Hinweise zum erfolgreichen Bestehen von Prüfungen. Dabei orientierte er sich eng am Rahmenstoffplan der IHK und früheren und damit bekanntgewordenen Prüfungsfragen. Damit habe ich sicher manchem über die Hürde geholfen – aber über welche Hürde?

Eine Prüfungsveranstaltung erfolgreich zu überstehen ist nämlich nicht alles. Neben Wissen und Kenntnisse sind nämlich auch Fertigkeiten gefragt – und daran fehlt es oft auch nach einer bestandenen Prüfung. Denn das Klavier, das der Betriebswirt heutzutage spielen können muß, hat 105 Tasten und eine Maus: aber der während der ganzen Lehrveranstaltung einzige Computer war meiner. Der Laptop des Dozenten als digitale Anbindung einer IHK-Veranstaltung: zu wenig, denke ich, viel zu wenig.

Eine Deckungsbeitrags- oder Break Even Rechnung, oft überlebenswichtig bei der Festlegung des kurzfristigen Sortiments, macht dem Herrn Geschäftsführer heute nicht mehr immer ein Programmierer oder ein Stabsmitarbeiter, denn beides ist oft nicht vorhanden. So muß der Herr Direktor sein eigenes Boot rudern, d.h., selbst in die Tasten fassen – und wer das nicht kann, der kommt mit theoretischen Kenntnissen, die am Taschenrechner enden, nicht weiter. Und wer einmal erworbene Fähigkeiten nicht übt, der verliert sie wieder – und damit ist für die Katz (oder: geht vor die Hunde), was in zwei mühsamen Jahren voller Lernzirkel und Prüfungsangst endlich erworben wurde.

Liebe Kämmerlinge und Prüfungslyriker, ist das, was ihr wollt? Mit Textbänden wie aus dem 19. Jahrhundert und Prüfungsfragen von Vorgestern (vgl. auch hier) schafft man keine modernen, den digitalen Herausforderungen der Zeit gewachsenen Führungskräfte. Das sollte man auch bei der Industrie- und Handelskammer bzw. den für die Stoffplanung zuständigen Ausschüssen einsehen. Man kann heute keine Wirtschaftsfachleute mehr ohne digitale Kompetenz in die ökonomische Umwelt entlassen – das wird oft schon an den Projektarbeiten geradezu überdeutlich. War früher ein Analphabet, wer nicht (oder nicht richtig) lesen und schreiben konnte, so ist es heute, wer aus einer theoretischen Erkenntnis keine Excel-Tabelle oder Access-Datenbank mit Ergebnissen für den eigenen Betrieb zaubern kann – jedenfalls in den Führungsetagen der Wirtschaft.

Immer wieder begegnen mir im Rahmen meiner Beratungstätigkeit Führungskräfte, die sogar selbst zugeben, von digitalen Techniken nichts zu verstehen. Das ist zwar ehrlich, aber kein dauerhaft tragbarer Zustand. Die Kammer könnte Abhilfe schaffen – tut es aber nicht. Warum? Aus Kostengründen? Aus Trägheit? Weil die Verantwortlichen selbst noch nicht im Informationszeitalter angekommen sind?

Die Herausforderung ist, aus der Informationsgesellschaft eine Wissensgesellschaft zu machen: Informationen sind die Rohstoffe, aus denen mit digitalen Produktionsmitteln und viel Schweiß und Fleiß Wissen, Fähigkeiten und Kompetenz werden. Mittel zu diesem Zweck sind Computer. Wer Angst vor Mäusen hat, und keine Programmiersprache kennt, der scheitert. Da nützt auch das schönste Zeugnis nichts. Das sollte man einsehen und den Stoffplan entsprechend neugestalten. Das wäre sinnvoller, als die IHK-Textbände zwar auf die neue Schlechtschreibung umzustellen, aber ansonsten inhaltlich weitgehend unverändert zu lassen.

Liebe Kämmerlinge, lest Euch diesen Text durch, druckt ihn aus, kopiert in, gebt ihn weiter, und seid Versichert, daß ich bei der Neugestaltung des Stoffplanes für den technischen Betriebswirt und den Betriebswirt IHK helfen werden, wenn man mich läßt. Ob ich dann ein "Profi der Nation" bin oder nicht, weiß ich nicht – und es ist mir auch egal. Aber ich helfe hoffentlich denen, die das hier in der Zukunft noch hinter sich bringen wollen, und das ist der wahre Sinn der ganzen Aktion!

Links zum Thema: Betriebswirt IHK: Bericht zur Herbstprüfung im Fach Qualitätsmanagement | Wie Lieschen Müller sich das Qualitätsmanagement vorstellt | Die IHK-Textbände: Warum sie schlecht sind, weshalb man sie dennoch braucht und wo man sie herkriegt | Gravierende Schwächen in Studien- und Diplomarbeiten: wie man es nicht machen sollte | Wie aus Lernen Erfolg gemacht wird (interne Links)

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