Technischer Betriebswirt: Erste Erfahrungen mit der neuen Verordnung

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Seit dem 22. November 2004 gibt es die neue Prüfungsverordnung zum "Geprüften Technischen Betriebswirt", wie die Veranstaltung nunmehr offiziell heißt, und inzwischen auch die ersten Absolventen. Natürlich haben wir den Markt sorgfältig beobachtet, und fassen hier einige Erfahrungen zusammen.

Weniger Stunden für mehr Inhalte

Hatte die Gesamtveranstaltung einst 650 Unterrichtsstunden, sind es jetzt nur noch 620 Lehreinheiten. Der Unterschied mag nicht sehr spektakulär erscheinen, aber man möge nicht vergessen, daß der Teil A "Volks- und Betriebswirtschaft" nicht nur in "Wirtschaftliches Handeln und betrieblicher Leistungsprozeß" umbenannt wurde, sondern auch von 350 auf 300 Stunden gekürzt wurde. Die Fächer "Rechnungswesen" und "Finanzierung und Investition", die besonders oft den Untergang bedeuten, haben aber zugleich mehr Inhalte – die Gangart ist also deutlich härter geworden. Daß "Steuern" nicht mehr im Titel hinter "Finanzierung und Investition" steht ist insofern nicht relevant, da erhebliche steuerrechtliche Grundkenntnisse überall im Rechnungswesen erforderlich sind.

"Management und Führung"

Der qualitative Teil ist zwar um 20 Stunden von bisher 280 auf nunmehr 300 Stunden angewachsen, aber das dürfte kaum einen großen Unterschied ausmachen. Immerhin hat man das Fach "Informations- und Kommunikationstechniken" endlich von Uraltballast wie "Bloedschirmtext" (oder wie das richtig hieß) befreit. Die Schwerpunkte sind jetzt weniger technisch und konzentrieren sich auf das Management der Informationstechniken – von Zugriffsschutz über Datensicherung bis hin zu Auswahl und Beschaffung von IT-Systemen. Das sollte einem Techniker nicht schwerfallen. Die wirklichen Hämmer hängen aber ohnehin woanders.

Wo die Knallschoten drohen

Beispielsweise im Rechnungswesen. Dort nämlich werden jetzt weiter als bisher Fähigkeiten in Bilanzierung, Bewertung und Analyse verlangt – eine große Anforderung, bedenkt man, daß es Technikern traditionell schwer fällt, in bilanziellen Begriffen zu denken. Waren Bilanzanalysen schon immer Prüfungskatastrophen – jetzt haben sie ein noch höheres Potential dazu.

Längst überfälliger Übergang

Und man verschließt sich nicht den Neuerungen, die bekanntlich im Rechnungswesen zahlreich sind – etwa in Richtung IAS/IFRS. Wird zwar noch keine vertiefte Kenntnis des internationalen Rechnungswesens verlangt, so müssen doch die Grundprinzipien des Frameworks und des IAS 1 bekannt sein – und selbst US-GAAP fehlt nicht in der Themenliste. Das ist gewiß sinnvoll, denn das HGB ist nun mal ein Auslaufmodell – aber im Rahmen des Stoffplanes doch ein Knallkörper. Langfristig ist dies übrigens ein klares Signal an alle Unterrichtenden, wohin der Hase läuft: frühzeitige Vorbereitung auch des Dozenten zahlt sich aus, wie so oft.

Viel schwerere Prüfung

Hauptaspekt dürfte aber die nach Aussage vieler Teilnehmer jetzt noch schwerere Prüfung sein. War schon seit Jahren ein langsames Ansteigen des Schwierigkeitsniveaus zu beobachten, hat die "Waschkorb-Prüfung" doch die Daumenschrauben noch deutlich angezogen: nach der neuen Verordnung darf nämlich alles, was kein Betriebssystem hat, zur Prüfung mitgebracht werden. Konnte man sich einst auf Schreibzeug, Papier und das Handelsgesetzbuch verlassen, laufen jetzt manche Teilnehmer mit kiloweise Büchern und IHK-Skripten auf. Das aber ist schlecht.

Krrrchchrrpft!

So nervt es viele Teilnehmer vermutlich zu Recht, wenn ringsum nicht mehr nur im HGB geblättert wird, sondern mit wachsender Panik Bücher konsultiert werden – eine entnervende Geräuschkulisse, die die Konzentration nicht gerade erleichtert. Schließlich hat sich sogar schon mal jemand bei der Prüfungsaufsicht über das "Krrrchchrrpft!" beschwert: dieses Geräusch entstand, als der Nachbar in einen Apfel biß. Insgesamt aber scheint eine alte Erkenntnis aus dem altsprachlichen Unterricht zu greifen: läßt man im Latein- oder Sanskritunterricht Wörterbücher zu, so gehen die Prüfungsergebnisse in den Keller, denn alle verlassen sich auf die Nachschlagewerke – und sind verlassen, wenn es drauf ankommt. Auch hier deshalb die Prüfungsergebnisse jetzt schlechter zu sein als früher. Absicht?

Klotzen, nicht kleckern

Insgesamt kann man eine einfache Folgerung ziehen: ohne Fleiß kein Preis. Wie wahr: Zum Erfolg gibt es keinen Lift, man muß immer die Treppe benutzen – die jetzt noch etwas länger geworden ist. Schon früher waren Prüfungsfragen darauf gerichtet, die Auswendiglerner von denen zu trennen, die etwas wirklich verstanden haben. Jetzt gilt das noch viel mehr: wer sich auf schematische Lernmethoden verläßt, der wird vermutlich am Ende verlassen sein. Immer mehr Prüfungsfragen können nicht mehr mit Wissen, noch nichtmal mit Können sondern nur noch mit Erkennen geknackt werden. Das ist eine harte Tatsache, aber am Ende im Interesse der Teilnehmer – wenn der Marktwert des Zertifikates zunimmt.

Persönliches Zeitmanagement immer wichtiger

Das lehrt uns auch, daß der angehende Technische Betriebswirt (pardon, Geprüfte Technische Betriebswirt) zwar Urlaub hat, aber keinen Urlaub macht. So einfach ist das: Anwesenheit reicht nicht, auch geistige Anwesenheit nicht. Wer nur an den Wochenenden die Lehrveranstaltungen besucht, braucht Vertiefungen und Wiederholungen – die der Dozent schon aus Zeitgründen nicht leisten kann, will er alle Themen abhandeln. Der Teilnehmer muß also selbst aktiv werden. Wer das ignoriert, hat im Endspiel ein Problem – so einfach ist das. Statt in den Urlaub also lieber in den Lernzirkel – ja, das fordert Willenskraft. Es vorher zu äußern, ist aber fairer als es am Ende kund und zu wissen zu tun.

Kostenlos, aber nicht umsonst

Kostet zwar der IHK-Lehrgang meist viel Geld, werden wir an dieser Stelle dennoch Fragestrategien und die zugehörigen Lösungen ausplaudern – und zwar kostenlos, aber nicht umsonst. Zwar dürfen wir selbstverständlich keine Prüfungsfragen im Originalwortlaut veröffentlichen, aber sehr wohl auf die ihnen zugrundeliegenden Konzepte und Lösungsansätze eingehen. Allen, die sich fürchten (und auch allen Anderen) werden also gelegentliche Besuche dieser Webseite und des zugehörigen Forums wärmstens ans Herz gelegt.

Links zum Thema

Skript zu IAS/IFRS | Erstens kommt es anders zweitens als man denkt: warum Prüfungen immer schwerer werden | Stöber, Raschel, Blätter: bald mit dem Waschkorb zur IHK-Prüfung? | Wissen, Können und Erkennen, oder von der Treppe, die zum Prüfungserfolg führt | Forum für Betriebswirtschaft (interne Links)

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