Unfaire Prüfungsfragen: Ein neues Beispiel von der SGD

Teilen

Schon mehrfach haben wir an dieser Stelle Übungsaufgaben der SGD an dieser Stelle untersucht (»Donald Dick« und FIFO, LIFO und die SGD), und die SGD auch auf die festgestellten Mängel aufmerksam gemacht. Jetzt liegt und wieder so eine Knallschote aus dem Gruselkabinett der unfairen Prüfungsfragen vor. Mal sehen, ob die diesmal daraus lernen.

Lernen vollzieht sich in drei Stufen, nämlich Wissen, Können und Erkennen, und zwar in dieser Reihenfolge. Dabei führt kein Lift zum Erfolg, sondern man muß immer die Treppe benutzen, was ein mühsamer Weg ist voll harter Arbeit und langen Nächten. Besonders bei Fernstudenten, die auch noch den inneren Schweinehund überwinden müssen, bekanntlich den größten aller Gegner. Um so wichtiger ist es, fein ziselierte Übungs- und Prüfungsfragen zu zaubern, die voller sorgfältig dosierter Fallen und Überraschungen stecken, die dem Lernenden eigene Erfolgserlebnisse und damit wirksame Lernschritte erlauben. Leider beherrscht man diese zugegebenermaßen schwere Kunst bei der SGD noch nicht immer. Immer noch nicht.

Ein Spion hat mir dankenswerter Weise das SGD-Lehrheft INV01 zugespielt, und ich sitze staunend vor Seite 109. Dort findet sich die folgende wahrlich anspruchsvolle Aufgabe:

1. Erläutern Sie an einem selbstgewählten Beispiel die Vorgehensweise bei
a) der bestimmung kritischer Werte und
b) den Korrekturverfahren

Das freilich ist eine pädagogisch besonders wertvolle Aufgabe, denn der Lernende, also der, der sich etwas aneignen will, soll hier selbst ein Beispiel wählen – wo doch Beispiele normalerweise dazu dienen, etwas zu vermitteln. Der SGD-Teilnehmer soll sich also selbst etwas vermitteln, was eine unorthodoxe Auffassung vom Fernstudium ist. Schlimmer aber ist der Gegenstand, nachdem gefragt wird: "kritische Werte" können alles mögliche sein, aber was hier gesucht wird, erschließt sich dem kundigen Leser nicht. So gibt es kritische Leistungen, Gewinn- und Nutzenschwellen, kritische Pfade oder einfach nur die Krise als Phase der Entscheidung über Leben und Tod – was aber will der Prüfungslyriker hier hören? Nicht anders ist es mit den Korrekturverfahren: empirisch-mathematische Korrektur? Das Machtwort? Um- oder Korrekturbuchungen? Gar der Faustschlag auf den Tisch? Alles und jedes kann hier richtig sein, aber ein Lernschritt, eine Entdeckung, die der Lernende bei Bearbeitung der Aufgabe machen kann, also ein Aha-Effekt, der sich in der Fragestellung verbirgt, ist nicht ersichtlich.

Der Aufgabenautor ("Prüfungslyriker") hatte freilich noch mehr intensive Einfälle, denn noch besser geht es weiter:

2. Geben Sie für ein von Ihnen gewähltes Investitionsvorhaben je zwei
a) monetäre
b) nicht-monetäre
c) sicherheitsorientierte
Bewertungskriterien an.

Dem verständigen Leser erschließt sich sicher ohne weiteres Nachdenken, daß die Investitionsauszahlung eine monetäre Größe ist und Qualitäts- oder Leistungsmaßstäbe des Investitionsgegenstandes nicht-monetäre Entscheidungskriterien darstellen. Das freilich ist eine Platitüde, die wenig praktischen Nutzen mitbringt. Also auch keinen Lernschritt. Was zum Teufel aber sind die "sicherheitsorientierten" Bewertungskriterien? Die Kennwortsicherheit einer EDV-Anlage? Datenschutz und Kryptographie beim Verschicken von Daten über das Internet? Arbeits- oder Umweltschutz oder einfach, der der Bearbeiter sich nicht mit der Maschine ein Loch in die Hand stanzen kann? Au weia!

Investition ist kaufmännische Mittelverwendung, und damit immer in letzter Konsequenz Rentabilitätsrechnung. Sicherheits- wie nichtmonetäre Kriterien können zu Rentabilitätskriterien berechnet werden, und das sollte der Investitionsrechner beherrschen – mit Verfahren wie der Nutzwertmethode oder den diversen entscheidungstheoretischen Konzepten, beispielsweise. Eine solche Wischiwaschi-Frage ist aber alles andere als ein Lernschritt dahin. Spezifischere Arbeitsanweisungen, die fair und objektiv auswertbar sind, und ersichtliche Bezüge auf Konzepte des Stoffgebietes, die strukturiertes Lernen und eigene Erfolgserlebnisse ermöglichen, wären pädagogische Grundlagen bei der Konzipierung solcher Lehrhefte. In INV01 jedenfalls hat das nicht gewirkt.

Ob die SGD ein Qualitätsmanagementsystem besitzt, ist mir nicht bekannt. An dieser Stelle jedenfalls hat sie einen Qualitätsmangel – und hoffentlich jemanden, der solche Knallschoten zeitnah beseitigt.

Wir haben an dieser Stelle übrigens auch die nicht immer fehlerfreien Prüfungsfragen der IHK kritisiert (Beispiel). Immerhin schaffen es die Kämmerlinge aber Fragen zu stellen, über die man verschärft nachdenken muß, die einen klardefinierten Lösungsweg besitzen und die das tatsächliche Verständnis des Prüfungsteilnehmers (und nicht nur seine Fähigkeit zum Auswendiglernen) ausloten (zum Bleistift das hierdiese Knallschote oder der Hauer). An solchen Übungen kann man wachsen oder verzweifeln, je nachdem. An den SGD-Knallkörpern, die ich bislang so gesehen habe, kann man bisweilen aber nur verzweifeln. Das ist schade, und vielleicht für den zahlenden Fernstudenten rausgeworfenes Geld.

Links zum Thema»Donald Dick«: Porno-Sprache in Übungsaufgaben! | FIFO, LIFO und die SGD: veraltete Aufgaben, falsche Lösungen | Kleine Typologie unfairer Prüfungsfragen | Wie aus Lernen Erfolg gemacht wird | Kundenzufriedenheit und Qualitätsmanagement im Bildungsbetrieb | Fehler in IHK-Prüfungen: Das Ding mit der kalkulatorischen Abschreibung | Knallharte Prüfungsfragen zur Break Even Rechnung, Teil 1 von 3 | Teil 2 von 3 | Teil 3 von 3 | Interner Zinsfuß: eine hammerharte Prüfungs-Knallschote (interne Links)

Ähnliche Themen, die Ihnen gefallen könnten