Jeder ist ein Autodidakt – wenn er denn darf. Aber wer darf?

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Kinder lernen bekanntlich ziemlich mühelos auch die kompliziertesten Sprachen, ohne dafür je eine Sprachschule besuchen zu müssen – eine kaum zu überschätzende Leistung, wie jeder weiß, der schon mal versucht hat, sich als Erwachsener eine Fremdsprache anzueignen. Physiologisch gesagt bilden Kinder spontan neuronale Netzwerke im Gehirn, die dem Spracherwerb dienen – eine Fähigkeit, die angeblich im Jugendalter langsam verlorengeht, so daß Erwachsene angeblich schwerer lernen. Dies aber bezweifele ich, zumindestens teilweise.

In einem früheren Artikel haben wir Liebe zur Sache und nutzenstiftende Anwendung im eigenen Lebens als zentrale Erfolgsvoraussetzungen identifiziert. Wer diese beiden Voraussetzungen mitbringt, eignet sich Lerninhalte mühelos an. Ein weiterer Faktor kann hier möglicherweise hinzugefügt werden: Lernen zu lernen.

Aus physischer Ebene besteht Lernen wie schon angedeutet in der Organisation neuronaler Strukturen, also in der Bildung neuronaler Netze – eine Leistung, die eben nicht mit heutigen Computern vergleichbar ist. Wie andere Leistungen des Körpers ist auch diese trainingsabhängig: wer Lernen stets als "Spießig" und Fleiß als "Uncool" erlebt hat, oder von Eltern oder Bezugspersonen oder Freunden vorgelebt bekam, der übt das Lernen nicht, und verlernt es tatsächlich. Da der Trend zum Zweitbuch langsam abebbt, verlieren sich auch die Fähigkeiten zur Nutzung von Büchern – und bei "Mainstream-Pädagogen" hat sich bis heute die Erkenntnis noch nicht manifestiert, daß auch die Nutzung von Computern das Lernen lehrt, denn nirgendwo sonst können durch logisches Denken und Kombinieren Erfolge erzielt werden. Es wundert daher nicht, daß sich noch immer so viele Anwender im Dateisystem verirren. Leider trägt aber auch der Staat dazu bei, das Lernen nicht mehr zu lehren – und das möglicherweise geplant und beabsichtigt.

So vermittelte die Schule einst eine Grundausbildung insbesondere in altsprachlicher Hinsicht, denn viele Lernprozesse benutzen die Sprache als Instrument. Heute sind die alten Sprachen aus den Lehrplänen verschwunden, so daß die Schüler nicht mehr die zugrundeliegenden lateinischen oder griechischen Begriffe kennen und lebende Fremdsprachen viel schwerer lernen – und viele Texte nur mit Fremdwörterbüchern verstehen. Kein Wunder also, daß heute niemand mehr von selbst versteht, was antizipative oder transistorische Posten sind.

Ähnlich ist es mit der Mathematik: Aufgabentypen wie dieser hier (Knallschote!), der da (Hammer!) oder jener dort (noch besser!) eignen sich hervorragend, Lehrgangsteilnehmer zu kippen, weil ihnen die Grundlagen im Umstellen von Formeln und oft sogar schon die Prozentrechnung fehlen. Von linearen Gleichungssystemen und Optimierungsmodellen mal ganz zu schweigen. Spitzenleistungen wie die eines Technikers, der zwar von Break Even Rechnung keiner Ahnung hatte, aber die heftigsten Prüfungsaufgaben spielend leicht mit Winkelfunktionen richtig löste, werden daher immer seltener. Vereinfacht aber dafür auf den Punkt gebracht kann man sagen, daß wir mit Mengenlehre und anderen sozialistischern Schulexperimenten der 70er Jahre, die zum Teil bis heute fortgeschrieben werden, die einstmals großartige naturwissenschaftliche Tradition dieses Landes gekappt haben.

Natürlich spielt auch die allgemeine Wirtschafts- und Sozialkrise dieses Landes eine Rolle, die Lehre und Lernen in die Nähe des Arbeitsamtes rückt und damit im öffentlichen Bewußtsein als Zwangsveranstaltung verankert. Kaum jemand ist daher bereit (und/oder fähig), für seine eigene (!) Qualifikation finanzielle Mittel aufzuwenden – aber alle jammern über die Kürzungen des Staates. Kein Wunder also, daß eine generelle Geringschätzung von Lernen und Ausbildung zu beobachten ist, die auch durch besonders häufiges Schwafeln über Milliarden für die Bildung nicht kompensiert werden kann.

Oben haben wir Lust und Liebe als Erfolgsfaktor identifiziert, und das ist es, was in einer Gesellschaft fehlt, die Erfolgserlebnisse auf Fußballplätzen oder Antragsformularen vermittelt, nicht mehr aber durch Fleiß, harte Arbeit und Verzicht. Kein Wunder also, daß niemand sich mehr genötigt sieht, die grauen Zellen zu betätigen – was ich an der zunehmenden Bildungsresistenz auch Erwachsener deutlich feststellen kann.

Aber auch die CDU hat schon vor ihrem Antritt angekündigt, die Bildung kürzen zu wollen – eine maschendrahtzaunübergreifende Kontinuität, sozusagen. Der Thüringer Ministerpräsident Althaus lobt jetzt schon öffentlich den "Kreationismus", der dann wohl bald offizieller Lehrgegenstand im Biologieunterricht wird, was vielleicht mit diesen Sparmaßnahmen zusammenhängt. Und das bringt uns zu einem bösen Verdacht, den wir hier schon an anderer Stelle geäußert haben, denn wer über Fähigkeiten und Können verfügt, ist auch für das System gefährlich, denn er durchschaut verborgene Zusammenhänge wie zum Beispiel den zwischen dem sogenannten Umweltschutz und dem Finanzmarkt. Und besonders Autodidakten sind gefährlich, denn sie lernen spontan und damit unkontrollierbar. Das aber kann kein System wie auch immer es heißen mag wirklich wollen, denn nur dumme Schafe wählen ihre eigenen Metzger. Wissen und geistige Wachsamkeit sind nämlich inhärent systemgefährdend und damit in Wirklichkeit unerwünscht, auch wenn in der Öffentlichkeit natürlich ständig das Gegenteil beteuert wird. Da man mit den sozialistischen Bildungsexperimenten der 70er Jahre durch Mengenlehre, "Sprache der Werbung" als Inhalt des Deutschunterrichts und die Gesamtschule die offenbar gewollte Verdummung noch immer nicht endgültig erreicht hat, versucht man es heute auf zeitgemäßere Art durch Radikalkürzung staatlicher Mittel.

Was sagte nicht einst der Minister zum Bischof? "Halt' du sie dumm, ich halt sie arm". Könnte auch ein Gespräch zwischen Bildungsminister und Finanzminister gewesen sein.

Links zum Thema: Der Autodidakt an der Maus, oder wie eine gute Prüfungsvorbereitung aussieht | Klick-klick oder die Didaktik des Dateisystems | Latein in der Schule: vom modernen Nutzen einer alten Sprache | Knallharte Prüfungsfragen zur Break Even Rechnung, Teil 1 von 3 | Teil 1 von 3 | Teil 1 von 3 | Skript zur Simplex-Methode | Schröder: »Milliarden für die Bildung« | Auch die CDU will die Bildung kürzen – aber warum? | Wahlkrampf: nur dumme Schafe… (interne Links)

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