Andler, Groff und WWA: Grundlegende Probleme bei der Losgrößen- und Lagerrechnung

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Viele Aus- und Fortbildungsteilnehmer schreiben Facharbeiten über Losgrößenrechnung und Bestellmengenoptimierung. Sie wenden dabei veraltete Verfahren an, die leider noch immer gelehrt werden, und verraten damit ihre oft ungenügende Orientierung im Thema. Die kostentheoretischen Grundlagen werden nämlich leider oft ignoriert.

Grundgedanke der Losgrößen- und Bestellmengenrechnung ist nämlich eine Kostenoptimierung zu betreiben. Die Summe aus Bestell- und Lagerkosten soll minimal werden. Zu selten zu bestellen führt nämlich zu großen Lagermengen und daher zu hohen Lagerkosten, aber öfters kleinere Mengen zu ordern läßt die Einkaufskosten überproportional ansteigen. Ein Optimum in der Mitte ist aufzufinden. Hierzu wird oft die sogenannte andler'sche Methode genutzt (ExcelSkript). Während das Verfahren selbst heute Gegenstand der Kritik ist, zeigt es doch auch durch seine kritiklose Anwendung, wie wenig mancher Nutzer dieser Methode die Zusammenhänge erkennt.

Der Fehler mit den Zins- und Lagerkosten

So werden in der Andler-Formel oft die Zins- und Lagerkosten separat ausgewiesen und im Nenner des Bruches addiert. Leider findet man diesen Unsinn noch immer in den einschlägigen Leerbüchern, deren Autoren wohl ebenfalls unhinterfragt voneinander abschreiben:

 

Die traditionelle Andler-Formel

Dies ist an sich nämlich bereits ein großer Fehler, denn es beweist, daß die hier sogenannten Lagerkosten eben gerade keine Kosten sind. Wenn man die Zinskosten noch addieren muß, sie also in den "Lagerkosten" fehlen, dann sind die Lagerkosten in Wirklichkeit nur Lageraufwendungen. Vor einem Menschenalter machte Kurt Andler noch keinen Unterschied zwischen Aufwendungen und Kosten, aber heute ist das üblich. Und aus den Aufwendungen macht man aber keine Kosten, indem man einfach die Zinsen addiert, sondern nur, indem man alle kalkulatorischen Kosten hinzurechnet, und alle neutralen Aufwendungen ausscheidet. Wer also Andler schon anwendet, muß die zugrundeliegenden Kostendaten hinterfragen. Er muß, jedenfalls für heutige Verhältnisse, den Material-Gemeinkostenzuschlag MGZ im Nenner der Formel ansetzen:

 

Die richtige Andler-Formel

Nur dann entsteht im Ergebnis wirklich eine Kostenrechnung. Wer das ignoriert, sei es aus Unkenntnis oder aus Bequemlichkeit, kriegt nie ein brauchbares Ergebnis, auch nicht bei formal richtiger Rechenweise.

Der Fehler mit dem Einkauf

Hinzu kommt, daß viele Lagerbuchhalter den Einkauf mit Kosten verwechseln. Dieser Fehler wird nicht dadurch richtiger, daß er so oft gemacht wird. Werden aber die Einkäufe sogleich auf Aufwandskonten gebucht, ist die Anwendung der andler'schen Methode wie jeder anderen Optimierungsmethode überhaupt unmöglich, weil die Ausgangsdaten falsch sind. Erste Aufgabe wäre dann, nicht eine Optimierung des Bestellverhaltens durchzuführen, sondern eine der Buchungsmethodik.

Der Fehler mit der Methode

Hinzu kommt, daß die Andler-Methode eine Kenntnis der Jahresbedarfsmengen voraussetzt. Nicht erst seit der Wirtschaftskrise wissen wir aber, daß wir über die Zukunft nichts wissen. Kaum jemand kennt die Marktdaten für mehr als ein paar Wochen im voraus geschweige denn den ganzen Jahresbedarf. Die Andler-Methode hat daher höchstens einen pädagogischen Wert, indem sie die zugrundeliegenden Kostenverläufe demonstriert. Praxistauglich ist sie indes nicht. Hier sollten neuere Verfahren wie die Groff-Methode oder der Wagner-Whitin-Algorithmus verwendet werden. Leider gibt es bis heute viele Lehrbucher, die diese noch nichtmal dem Namen nach kennen.

Die Naivität, mit der Verfahren der Lageroptimierung angewandt werden, ist oft geradezu umwerfend. Das könnte damit zusammenhängen, daß Lager- und Einkaufsprozesse anschaulich sind. Daher werden dahinter wenige theoretische Klippen vermutet. Das ist indes ein großer Fehler. Wer die fachlichen Grundlagen ignoriert, darf nicht auf ein brauchbares Ergebnis hoffen. Das gilt auch im Bereich der Materialwirtschaft.

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