Der geprüfte Taschenrechner, oder von mangelndem mathematischen Verständnis in Prüfungsaufgaben

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Fragestrategien und Aufgabentypen in Klausuren und Prüfungen hinken oft der Wirklichkeit meilenweit hinterher. Das gilt auch für die Betriebswirtschaft im allgemeinen und das Rechnungswesen im besonderen. Und es betrifft beiweitem nicht nur die Prüfungen der Industrie- und Handelskammern, sondern ist ein generelles Phänomen: viele Prüfungsaufgaben und Klausurfragen sind dringend sanierungsbedürftig. Manche prüfen nicht den Prüfling, sondern nur dessen Taschenrechner.

So werden programmierbare Taschenrechner bis heute in aller Regel nicht in Prüfungen zugelassen, was besonders bei Prüfungen, in denen Skripte und Unterlagen verwendet werden dürfen, kaum noch sinnvoll ist. Aber selbst wenn man davon ausgeht, daß im Taschenrechner keine Lösungswege versteckt werden sollen, ist die Frage, was denn ein "programmierbarer" Taschenrechner überhaupt sei, immer zweifelhafter.

Schauen wir uns mal diese Aufgabe an: es soll die Stückzahl berechnet werden, bei der eine bestimmte Rentabilität erzielt wird. Die wesentliche vom Teilnehmer verlangte Leistung ist also, eine Formel umzustellen – eigentlich Schulmathematik. Sollte man so was einen Erwachsenen fragen, der u.U. schon viele Jahre Berufs- und Praxiserfahrung hat? Und schlimmer noch, Taschenrechner mit CAS (Computer Algebra System) sind zwar nicht im eigentlichen Sinne programmierbar, können aber mit Formeln hantieren:

 

 

Der offizielle Lösungsweg in der Prüfung:

 

 

0,16 · 36 · X = 36 · X – 80000 – 20 · X
5,76 · X = 16 · X – 80000
0 = 10,24 · X – 80000
80000 = 10,24 · X
X = 7812,5

 

So macht es der Taschenrechner:

Es ist möglicherweise bei Studenten bedeutsam, ihre mathematischen Fähigkeiten zu prüfen, denn von den Studis wird erwartet, daß sie Formeln umstellen, ableiten und integrieren können, aber sie können es eben meistens doch nicht. Doch was in eine Erstausbildung paßt, ist in der Erwachsenenbildung vermutlich kaum sinnvoll: wer schon als Führungskraft gelernt hat, daß es betriebliche Spezialisten gibt, die mit so was hantieren müssen (und dies auch perfekt können), wird kaum mehr fürs Leben Algebra lernen, sondern nur noch für die Prüfung. Aber nicht für die Schule lernen wir, sondern für die Katz (sehr frei nach Seneca).

Es gibt nichts dem Grunde nach gegen schwierige Prüfungen einzuwenden, nur etwas gegen sinnlose Prüfungen. Je mehr von den Industrie- und Handelskammern solche Lösungswege verlangt werden, desto sinnloser wird das. Aus wohlinformierten Kreisen, die ich gleichwohl nicht nenne weiß ich aber, daß die Prüfungen "Geprüfter Betriebswirt" und "Geprüfter Technischer Betriebswirt" noch schwerer werden sollen als sie ohnehin schon sind. Hoffen wir, daß man sich wenigstens ein paar sinnvolle Fragen ausdenkt, und aus der Mathematik der siebten Schulklasse keine Barrikaden für Erwachsene baut. Das nämlich verbessert nicht den Ruf und die Wertigkeit des Abschlusses, sondern erhöht nur die Anzahl der Anläufe, bis es endlich klappt.

Daß sie es besser können, haben die Kammern übrigens schon längst bewiesen: in dieser Knallschote steckt nämlich ein Konzept, das nicht einfach per CAS-Taschenrechner aufzulösen ist. Hier muß der Teilnehmer verstehen. Wer nach einem Zweitage-Kurzseminar nur etwas auswendig gelernt hat, oder es mit einer automatischen Formelumstellung versucht, der scheitert. Nur wer das Prinzip verstanden hat, der kommt hier zur richtigen Lösung. Leider sind so gestellte Prüfungsaufgaben bisher nur sehr selten. Daß die bisweilen mangelhafte Qualität der Prüfungsfragen im Gleichschritt mit dem Schwierigkeitsgrad verbessert wird, vermag ich daher erst zu glauben, wenn ich es gesehen habe.

Links zum Thema: Break Even, Umsatzrentabilität und andere Prüfungsknaller | Interner Zinsfuß: eine hammerharte Prüfungs-Knallschote | Geprüfter Technischer Betriebswirt: gravierende fachliche Fehler in Prüfung »Rechnungswesen« (interne Links)

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