Der Ingenieur am Pümpel, oder wie und warum Existenzen heruntergespült werden

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Immer wieder berichteten wir über die verlorene Generation der Langzeitarbeitslosen: Lehrer beim Spargelstechen, Physiker bei der Gartenpflege und jetzt ein Ingenieur als Toilettenreiniger. Ein neues Urteil des Hamburger Sozialgerichtes könnte solchen entwürdigen Praktiken der Zwangsarbeit einen Riegel vorschieben, läßt aber auch tiefer blicken, als es vermutlich selbst den Richtern klar ist.

"Fördern durch Fordern" war der Grundsatz der Hartz-Reformen, aber vom "Fördern" ist nicht viel verblieben, Nur vom Fordern. Das nämlich besteht u.a. darin, daß viele Langzeitarbeitslose offensichtlich ohne Rücksicht auf ihre Qualifikationen in irgendwelche Ein-Euro-Bundesarbeitsdienstjobs gesteckt werden, oft einer entwürdigender als der andere. So die Hamburger Morgenpost von dem Fall eines arbeitslosen Sozialökonomen, der ohne jedes "Profiling" zum Kloputzen abkommandiert wurde – ein Eingliederungskonzept zu erarbeiten hat sich keiner die Mühe gemacht.

Dahinter aber könnte ein System stecken, denn wer über solch entwürdigender Behandlung abstürzt, also die sozialen Abgrundberührung nicht verkraftet, den wird radikal die Stütze gestrichen – und das könnte der wahre Sinn der Übung sein, denn der Staat spart auf diese Weise Geld: Haushaltssanierung auf Kosten der Selbstachtung. Ein klares Konzept staatlicher Fürsorge, doch.

Das Hamburger Sozialgericht sah das offensichtlich anders und erklärte die blinde Zuweisung nach dem Zufallsprinzip für rechtswidrig. Die Ein-Euro-Jobs sollen eine Hilfestellung sein, wieder auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen – und nicht ein Mittel zur Ausbeutung und Entwürdigung von Langzeitarbeitslosen.

Doch dieses Urteil geht nicht bis auf den Grund des Problem, denn nach wie vor werden millionenschwere Prämien zum Export von Arbeitsplätzen gezahlt. Wir können es uns also offenbar immer noch leisten, Menschen wie den Ingenieur mit der Klobürste ihrer hart erarbeiteten Existenz zu berauben. In unserem auch unter Rot-Schwarz und unter einer Bundeskanzlerin mit naturwissenschaftlicher Ausbildung fortwirkenden ideologischen Hochgefühl führen wir immer noch die Planetenrettung durch Demontage unseres eigenen Landes fort, das einst ein Land der Dichter und Denker war, dann eines der Techniker und Erfinder, jetzt aber vom Millionär zum Tellerwäscher sich zu entwickeln als kollektiven Traum entdeckt.

Wir haben, und das ist die wahre Botschaft des Falles, noch immer nichts dazugelernt. Das Urteil hilft (vielleicht) dem Arbeitslosen über seine Zeit am Pümpel hinweg, aber nicht dem deutschen Volk über seine Zeit der umweltfreundlichen Depression. Nicht (nur) das Arbeitsamt hätten die Richter zu menschenwürdigem Verhalten verurteilen sollen, sondern die Politik zur Einhaltung ihres Amtseides, Schaden vom deutschen Volke abzuwenden. Solange aber der ökologistische Faulbrand weiter wuchert, wird sich in diesem Land nichts wirklich ändern. Ob die Ingenieure nun Toiletten putzen oder nicht, das zugrundeliegende Problem haben wir noch immer nicht angefaßt.

Links zum Thema: Über die Nachhaltigkeit in der Arbeitslosigkeit | Aluminiumindustrie: an der Grenze zum Öko-Tod | Vom Millionär zum Tellerwäscher, ein deutscher (Alp)traum (interne Links) | Hamburger Morgenpost: »Ingenieur muß Klo putzen« (externer Link)

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