IFRS-Formelsammlung: wie ist das mit der Kapitalrentabilität?

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Die ersten Exemplare meiner neuen IFRS-Bücher haben ihre Leser erreicht, und die ersten Feedbacks den Verlag und den Autoren. So schreibt ein Leser zu der IFRS-Formelsammlung, daß auf Seite 76 unten und 77 oben eine "unhaltbare Minderheitenmeinung" vertreten werde. Daß dies eine abweichende Ansicht ist, wird ja klar zu erkennen gegeben; daß diese "unhaltbar" sei, sehe ich als Autor (und Vertreter dieser Ansicht) naturgemäß anders.

Die IFRS-FormelsammlungDas Buch enthält ab Seite 75 in Kapitel 6.1 eine Vielzahl von Rechenmethoden im Zusammenhang mit der Rentabilitätsrechnung. Streitpunkt ist die Berechnung der Gesamtkapitalrentabilität. Die auf S. 77 dargestellte Mehrheitsmeinung behauptet, man müsse bei der Berechnung die Fremdkapitalzinsen zum Gewinn der Unternehmung addieren, und dürfe erst dieses Ergebnis durch eine Bemessungsgrundlage wie z.B. das eingesetzte Kapital dividieren:

Die traditionelle Rechenmethode

Hauptargument der Vertreter dieser (zugegebenermaßen verbreiteten) Rechenmethode ist, daß die Fremdkapitalzinsen eine Art vorweggenommene Produzentenrente der Banken seien, und addiert werden müssen, um die "wahre" Leistungsfähigkeit des eingesetzten Kapitals ermessen zu können. Da man aber zuvor bei der Gewinnermittlung die Fremdkapitalzinsen bereits vom Ertrag der Unternehmung subtrahiert hat, müsse man sie jetzt wieder addieren, um die Fremdkapitalzinsen insgesamt aus der Berechnung zu entfernen. Dem widerspreche ich grundsätzlich.

Ich vertrete daher in der IFRS-Formelsammlung (und in allen meinen anderen Schriftwerken) konsequent die Ansicht, daß der Gewinn direkt durch die Bemessungsgrundlage zu teilen sei, und nichts zum Gewinn addiert werden dürfe. Die grundsätzliche Formel, die ich daher zunächst in dem Buch darstelle, kennt lediglich den Gewinnbegriff, wie auch immer man den definieren mag:

Die im Buch vorgeschlagene alternative Rechenmethode

Hierfür gibt es mehrere Gründe. Fangen wir mal mit der grundsätzlichen Absurdität der Addition der Fremdkapitalkosten an: folgte man dieser Logik, müßte man ja auch die Mietaufwendungen addieren, weil diese sozusagen eine Art vorweggenommene Produzentenrente des Grundeigentümers wären. Geht man weiter, müßte man die Versicherungsaufwendungen als vorweggenommene Produzentenrente der Versicherungen addieren und die Kostensteuern als Vorwegrentabilität des Staates undsoweiter – kurz: der Gewinnbegriff als solcher wird durch diese Mentalität ad absurdum geführt. Kein Wunder also, daß derselbe Leser, der mir meine Minderheitenmeinung vorhält, meinen Gewinnbegriff "unpräzise" findet.

Genau da liegt ein weiterer Hase im sprichwörtlichen Pfeffer: so dient die Rentabilitätsrechnung der Ermittlung der Leistungsfähigkeit des eingesetzten Produktionsfaktors "Kapital". Dies ist dem Wesen nach eine Kostendiskussion, weil Kosten bewerteter, periodisierter Güterverzehr für Leistungserstellung oder Bereitschaftserhaltung sind, also gerade nicht die Fremdkapital"kosten" der GuV – denn diese enthält nur Fremdkapitalaufwendungen, welche aber in der Kostenrechnung nichts zu suchen haben. Das sollte man nicht verwechseln! Addiert man zum Gewinn also Aufwendungen, um den Einsatz eines Faktors zu bewerten, vermischt man Begriffe, die nicht verwirrt werden dürfen. Das ist zwar leider häufig, aber das macht es mE nach nicht richtiger.

Das bringt uns zum dritten Kritikpunkt, nämlich der Leistungsbetrachtung. Die Leistung des Faktors "Kapital" bemißt sich nach dem Ergebnis, das der Kapitalverwalter erzielt. Dieses Ergebnis wird auch durch Aufwendungen geschwächt – zu, Beispiel solche, die man an Banken zahlen muß. Das ist ja gerade der grund, weshalb der Gewinn (in der GuV) aus Erträgen und Aufwendungen (und nicht aus Kosten und Leistungen) definiert ist – oder, weniger theoretisch ausgedrückt: was ich der Bank zahle, kann ich nicht mehr selbst verfrühstücken. Es fehlt in meinem Gewinn. Addiere ich also die Fremdkapitalzinsen, so verzerre ich meine Kapitalerfolgsrechnung, oder knackiger gesagt, betrüge ich mich selbst.

Der Fremdkapitalzins sollte daher mE nach nicht zum Gewinn addiert werden, wenn man die Gesamtkapitalrentabilität ermitteln will.

Diese Ansicht in dem Buch darzustellen, ist übrigens mE nach keine "Verwirrung der Studenten", wie der kritische Leser meint, sondern gerade ein Anreiz zu Debatten – die dem vertieften Verständnis des Sachverhaltes dienen. Die Darstellung mehrerer, konträrer Ansichten ist gerade für die Wissenschaft typisch – und verwirrt nur Auswendiglerner. Wer sich darüber beschwert offenbart, das Auswendiglernen zum Lehrprinzip zu erheben. Keine gute Didaktik, denke ich!

Ach ja: weitere Debatten dieser Art könnten folgen. Wir werden dann jeweils an dieser Stelle Stellung nehmen. Bin mal gespannt, was sich noch so zeigt!

Link zum ThemaZwei neue IFRS-Bücher erschienen! (interne Links)

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