Was wir aus dem Schlechtschreibreform-Affentheater lernen können

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Jetzt da nicht alle Bundesländer dreist genug waren, die Schlechtschreibreform gegen den erklärten Willen einer weit überwiegenden Mehrheit "verbindlich" zu machen ist also das Reformkind endgültig in den Brunnen gefallen. Was aber noch lange nicht bedeutet daß man endlich den Mut aufbringt zuzugeben, daß eine undemokratisch zustandegekommende Reform, die möglicherweise sogar auf Nazi-Vorbilder zurückgeht, gründlicher nicht scheitern könnte. Aber das absurde Reformtheater weist über sich selbst hinaus und offenbart – möglicherweise ohne Willen und sogar ohne Wissen der Akteure – die Schwächen des provinziellen deutschen Systems.

Hatten sich 1996 noch 16 deutsche Bundesländer, Österreich, die Schweiz und Luxemburg auf eine gemeinsame Reform einigen können, die freilich selbst gegen eine Volksabstimmung in Schleswig-Holstein durchgesetzt werden sollte, konnte man die Schlechtschreibreform in ihrer Volks- und Realitätsferne also damals noch mit Europa vergleichen, so haben sich die Zeiten geändert: Europa ist ins Schlingern gekommen, weil man den Fehler gemacht hat, das Volk zu beteiligen, und auch bei der Schlechtschreibreform hat man sich nicht gegen den Volkswillen durchsetzen können. Nur daß sich hier Politiker wie Stoiber zu Reformgegnern aufwerfen, die einst die Einführung bedingungslos unterzeichnet haben.

In ihrer Kleinlichkeit und Absurdität offenbart die gescheiterte Reform aber auch, wie überflüssig und unzeitgemäß die deutsche Bildungskleinstaaterei ist, denn 16 Kultusministerien und 16 untereinander weitgehend inkompatible Bildungskonzepte sind nicht gerade ein Rezept, Deutschland wieder international wettbewerbsfähig zu machen: nirgendwo auf der Welt kann ein Umzug über nur ein paar Kilometer Schüler vor so ernsthafte Probleme stellen wie in Deutschland mit seinen Provinzleerplänen. Wir haben aber offensichtlich selbst angesichts des gegenwärtigen Affentheaters noch immer nicht den Mut, die Kleinstaaterei, die einst die Siegermächte ins Grundgesetz schrieben, aus selbigem wieder zu entfernen. Was vielleicht auch erwünscht ist, denn Pisa hilft, genau wie Europa, einen unerwünschten und unbeliebten Konkurrenten kleinzuhalten.

Eine zentrale Steuerung der Bildungspolitik tut dringend not, und wird von anderen Staaten, die eine ungebrochene Vergangenheit haben, mit Erfolg praktiziert. Das ist, was wir aus der gegenwärtigen Posse lernen können. Und wollten wir aus der Geschichte lernen so wüßten wir, daß es einst auch bei uns so war, und nicht zum Schaden der Schüler: Ein Volk der Dichter und Denker seien die Deutschen einst gewesen, heißt es, in Zeiten des Kaiserreiches, und Deutsch wäre fast eine Weltsprache geworden, beinahe sogar die zweite Staatssprache der Vereinigten Staaten. Wollte man zu dieser alten Größe zurück, wäre die sofortige Abschaffung der Kultusministerkonferenz ein guter Anfang, und der ist vielleicht schon bald gemacht, denn dieses Gremium wackelt ja ohnehin schon. Ruhe in Frieden, oder, Requiescat in pacem. Nur Latein lernt man ja auch nicht mehr.

Es gibt eigentlich keine Alternative zum sofortigen Einstieg in den Ausstieg. Die Wirtschaft hat das längst erkannt, und große Zeitungen wie Bild und Welt sind dem Beispiel der FAZ gefolgt und zur alten Schreibweise zurückgekehrt. Aber große Teile des Volkes können nicht zur alten Schreibweise zurückkehren, weil sie die neue nie praktiziert haben. Den dringend fälligen Befreiungsschlag gegen die Bevormundung durch verblendete Zwangsreformer könnte man zugleich für eine umfassende Schulreform nutzen, anstatt die Fehler der 70er Jahre zu wiederholen. Daß dieses Land aber noch genug Bumms für eine so große Reorganisation seines Sandkastens hat, bezweifele ich bis zum Beweis des Gegenteils.

Dem Leser wird aufgefallen sein, daß auch der BWL-Bote gelegentlich Schreibfehler macht. Diese wird er aber weiterhin nach den seit über hundert Jahren bewährten alten Regeln machen und sich die Freiheit nicht nehmen lassen, selbst zu denken und das Ergebnis auch noch öffentlich niederzuschreiben.

Links zum Thema: Geht die Schlechtschreibreform auf ein Nazi-Projekt zurück? | Schavan warnt vor "Kleinstaaterei" in der Bildungspolitik | EU-Osterweiterung: nichts zu feiern | Kultusministerkonferenz: Wulff macht seine Drohung wahr | Latein in der Schule: vom modernen Nutzen einer alten Sprache | Notprogramm und Gegenrevolution: alternative Vorschläge zur Schulreform | Rot-Grün will zehnjährige Gesamtschule für alle (interne Links)

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