»Klick!« gemacht: wie man Digitalkompetenz lehrt (und wie man sie erwirbt)

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Bekanntlich bin ich ein Freak der ersten Stunde: PET 2001, CBM 8032, ZX-81 – ich kenne sie alle, und zwar aus eigener praktischer Erfahrung. Angefangen habe ich übrigens mit einem HP 9810, Gott ist das lange her. Ein guter Einstieg war das aber allemal. Leider fehlt heutigen Studierenden oft die notwendige digitale Kompetenz, was man dann später nicht nur an einer arg geschusterten Diplomarbeit merkt, sondern auch an der schleppend voranschreitenden Karriere: ohne Office, Excel, Datenbanken und dem Rest läuft heute nämlich nur noch auf der Toilette etwas flüssig ab. Auch für Führungskräfte. Die eine oder andere Programmiersprache zu erlernen, ist also notwendige Pflicht des Betriebswirtes, denn das Klavier, das der Unternehmer heute spielen können muß, ist das mit den 105 Tasten.

 

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Wer nix will, der kriegt auch nix

Viele Lehrveranstaltungen, und viele Lernende, scheitern schon an der ersten aller Anforderungen, nämlich selbst etwas zu wollen. Nur eigenes Interesse an der Erreichung eines bestimmten Zieles führt zu dauerhaften Lernerfolgen und damit zu anwendungsbereitem Wissen. Bleibt ein Dozent bei kleinen Lehrbuchbeispielen, oder erkennt ein Student nicht den Nutzen des Lernstoffes, dann ist die Lehrveranstaltung in Wirklichkeit eine Leerveranstaltung. Kann ein Lernender den Lernstoff aber direkt und sofort selbst nutzen, so bedarf er meist nicht mehr der Führung durch den Dozenten. Der Lehrer wird dann zum Trainer, und der Lernende setzt sich selber Ziele – deren Erreichung er früher für völlig unmöglich gehalten hätte. Ein Jobangebot mit digitaler Kompetenz, oder eine erfolgreich vermarktete eigene Shareware, wirken daher Wunder. Viele akademische Lehrveranstaltungen sind in dieser Hinsicht leider noch immer viel zu realitätsfern.

Lizenzprobleme als Hindernis

Aber auch die Softwarehersteller stehen der erfolgreichen Benutzung ihrer eigenen Produkte oft selbst im Wege. Sie wissen nämlich ganz genau, daß Studenten wie Lehrinstitutionen kein Geld haben, also keine "offiziellen" Lizenzen erwerben können. Dabei sind die variablen Kosten im Softwarebereich meist null, d.h. der Deckungsbeitrag entspricht dem Verkaufserlös. Da sollten ein paar Freiexemplare für die Schule oder ihre Schüler schon machbar sein. Leider sehen das viele Hersteller nicht ein und werden statt dessen immer restriktiver. Sie wundern sich dann über ausufernde Softwarepiraterie besonders an Schulen und Universitäten. Auch das ist freilich ein Marketing-Konzept, denn erfolgreiche Absolventen sind später die Entscheider in den Betrieben. Und die erwerben meist, was sie selbst kennen und abschätzen gelernt haben, auch wenn es einst ein illegaler Download war.

Schlaflos im Studentenwohnheim…

Sind diese Voraussetzungen geklärt, dann kann der Studierende damit beginnen, sich mit Objekten, Eigenschaften und Methoden herumzuschlagen. Sich dabei zu Beginn völlig überfordert zu fühlen, ist normal. Manchem ist die Verzweiflung regelrecht anzusehen, denn allzuvielen Steuerelemente stehen allzuwenig Kenntnisse gegenüber. Programmiersprachen erfordern zudem oft eine bestimmte Denkweise: umgekehrte Polnische Notation, Objektorientierung – Programmierer konstruieren die Wirklichkeit anhand theoretischer Modelle (anstatt es andersherum zu machen). Besonders Wirtschaftswissenschaftlern ist das oft ein Hindernis. Wer diese Anfangsphase nicht überwindet, der scheitert.

…und es hat »Klick!« gemacht!

Wer aber genug Frustrationstoleranz und Willenskraft mitbringt, oder einen Dozenten hat, der das Wichtige vom Unwichtigen trennen und die grundlegenden Konzepte alltagstauglich darstellen kann, der entdeckt irgendwann die Zusammenhänge. Das geht meist plötzlich und von einem Moment auf den nächsten fragt man sich, warum das nicht schon immer sonnenklar war. Was bisher absolut unmöglich schien, löst sich auf einmal wie von selbst in Wohlgefallen auf. Aus chaotischen Codezeilen werden funktionierende Programme. Ein Hochgefühl stellt sich ein, und der Kandidat verbringt oft 16 Stunden am Tag vor dem Bildschirm, nur um die anderen acht Stunden des natürlich viel zu kurzen Tages darüber nachzusinnen, warum das so und nicht anders geht, oder wie man dieses oder jenes Problem schneller und eleganter lösen könnte. Spätestens jetzt erkennen die meisten, warum für Computer eigentlich das Betäubungsmittelgesetz gelten sollte. Wesentliche Nebenwirkung ist ein weitgehender Verlust des Zeitgefühls: wer sich am Abend noch mal ein Viertelstündchen an den Rechner setzt wundert sich, warum es plötzlich von draußen hell wird.

Erfolgreiche Integration von Wissen

Wer solcherart digital weichgekocht wird, hat einen kurzen Weg zum Erfolg. Viele kommerzielle Projekte sind ursprünglich mal aus Lehrveranstaltungen erwachsen. Hat der Lernende jetzt nämlich die Möglichkeit, seine sich rapide vervollständigenden Kompetenzen auch unternehmerisch einzubringen, dann werden nicht nur die Klausuren zu einer reinen Formsache; das schon erwähnte Hochgefühl stellt sich auch auf dem Bankkonto ein, denn gute Softwaredesigner werden händeringend gesucht. Im Umfeld von Universität und Studentenwohnheimen entsteht dann eine bunte Ökologie kleiner Unternehmen, an denen sich Computersüchtige austoben und Firmenvertreter ihre künftigen Mitarbeiter finden können, eine lebende Schnittstelle zwischen Theorie und Wirklichkeit. Leider haben viel zu viele Universitäten das noch nicht erkannt und verschanzen sich starrsinnig im theoretischen Elfenbeinturm, bisweilen sehr zuungunsten der Studierenden.

Wie haben längst eine neue Zeit, aber viele Professoren haben das noch immer nicht erkannt. Die digitale Revolution greift tiefer in unsere Art zu denken und zu kommunizieren ein als die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern vor fünfhundert Jahren. Die althergebrachte Lehre ändert sich so langsam, weil nicht nur die Professoren, sondern auch ihre Schüler erst sterben müssen, bevor neue Techniken in den Alltag eindringen. Wer das heute erkennt, hat als Absolvent noch immer einen beträchtlichen Karrierevorteil.

Links zum Thema: Gravierende Schwächen in Studien- und Diplomarbeiten: wie man es nicht machen sollte | Die Sendung ohne Maus, oder wie wir den Anschluß mutwillig verpassen | Kostenartenrechnung in der Telekommunikationsbranche: die Kosten-Flatrate | Die Buchhaltung unter Vormundschaft, oder von harten Sitten im Softwaregewerbe | Klick-klick oder die Didaktik des Dateisystems (interne Links) HP 9810 | Museum of HP Calculators (externe Links)

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