Präsident des EU-Parlamentes hält Olympiaboykott für »gerechtfertigt«

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Der Präsident des EU-Parlamentes, der Deutsche Hans-Gert Pöttering (CDU), hat Medienberichten zufolge China mit einem Boykott der olympischen Spiele gedroht. Er wird mit den Worten zitiert, daß Peking sich entscheiden müsse und endlich mit dem Dalai Lama verhandeln müsse. Ansonsten, so Pöttering, "sollten wir einen Boykott der olympischen Spiele nicht ausschließen".

Die Sache ist aus mehrfacher Sicht interessant. Zunächst ist zu bedenken, wer so was sagt: das EU-Parlament als einziges demokratisches Organ der Europäischen Union ist nämlich ein zahnloser Papiertiger ohne Rechtssetzungsbefugnis. Richtlinien und Verordnungen der EU gehen vom Rat und von der Kommission aus, entstehen also fern vom parlamentarisch organisierten Volkssouverän. Da kann ein Parlamentarier sagen, was er will – entscheiden darf er nichts. Auch keinen Olympiaboykott.

Doch schon daß endlich auch an offizieller Stelle überhaupt darüber nachgedacht wird, ist interessant, wenngleich auch etwas spät. Gab es in Tibet einst über 3.000 Klöster, waren es nach der "Kulturrevolution" kaum mehr ein Dutzend. Einstmals blühende Klosterstädte wie beispielsweise Ganden sahen nach dem chinesischen Feuersturm aus wie nach einem Atomschlag. Das wäre die richtige Zeit gewesen, über das Schicksal des tibetischen Volkes nachzudenken, doch solange ein Maoist Präsident der EU-Kommission ist, hat Europa dazu nicht den Mut. Und vermutlich auch nicht zu einem Olympia-Boykott, doch das wohl auch noch aus einem ganz anderen Grund. Den hat Pöttering nämlich übersehen:

Der Westen boykottierte bekanntlich im Jahre 1980 die Olympiade in Moskau, weil die Russen 1979 völkerrechtswidrig in Afghanistan einmarschiert waren. Jetzt aber sind wir selber dort, natürlich in bestem Einklang mit dem Völkerrecht, denn aus der Geschichte wollten wir ja nichts lernen. Da aber wäre ein neuerlicher Olympiaboykott ein Bruch mit einer historischen Tradition, über den nachzudenken noch keine Bereitschaft zu bestehen scheint.

Daher bleibt die Tibetische Frage wohl weiterhin ungelöst, jedenfalls vorerst. Seine Heiligkeit der Dalai Lama nämlich fordert nur religiöse Unabhängigkeit, nicht aber eine Loslösung aus dem chinesischen Staatsverbund – selbst nach dem, was die Roten Garden Tibet einst antaten. Diese Politik hat die Chinesen nicht daran hindern können, die Tibeter im eigenen Land zur Minderheit zu machen und ihre alte Kultur nahezu völlig zu einer Völkerschau für Touristen zu degradieren. Dagegen, und gegen die als zu lasch empfundene Politik des Dalai Lama, regt sich inzwischen bei jungen Tibetern Widerstand. Den fürchten nicht nur die Chinesen, die mit gewohnter (und leider auch bewährter) Brutalität antworten, sondern auch die Europäer: die haben nämlich selbst Probleme mit sezessionistischen Tendenzen, die gleichwohl viel besser unter der Decke gehalten werden, jedenfalls noch: in Norditalien, in Korsika, im Baskenland und in Nordirland gibt es beträchtliche antieuropäische Tendenzen, und die Deutschen fragt ohnehin keiner. Besonders letzteren geht es auch noch viel zu gut, so daß gewalttätige Proteste kaum zu befürchten sind, noch nicht. Kaum auszudenken, was aber passieren könnte wenn…

Richtig. Brüssel denkt im Grunde genau wie Peking, oder wie einst Moskau es tat. Großmächte und Diktaturen folgen maschendrahtzaunübergreifend gleichen Denk- und Handlungsmustern. Es bleibt also den Tibetern (und uns), auf ein Wunder zu hoffen. Das freilich ist nicht ganz unmöglich: nicht nur der heutige Ostertag verweist auf ein Wunder, das gleichwohl schon 2.000 Jahre zurückliegt, unsere Kultur gleichwohl noch immer bestimmt. Nein, schließlich geschah auch 1989/90 hier in Deutschland ein Wunder ganz ähnlicher Preisklasse. Tibet ist also noch nicht ganz verloren, Deutschland auch nicht…

Links zum Thema: Olympiaboykott: »Wer andern in den Hintern schlüpft…« | Burma und die Deutsche Einheit, oder warum die Mönche sterben müssen | Merkelwürdig: Die saubere Bombe im Rollstuhl | Vorsicht, Satire: wo unsere Politiker sinnvoller beschäftigt werden könnten | Dichloro-diphenyl-trichloro-ethane, oder von der Rückkehr der Menschlichkeit | (interne Links)

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