Kleiner Ratgeber für Dozenten: es kann vorkommen, daß die Nachkommen mit dem Einkommen…

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…nicht auskommen und daran umkommen, weiß der so oft Wahrheit verkündende Volksmund, und das gilt natürlich auch für den Lehrstand der Republik, der nämlich durch die anhaltende Verstaatlichung des Bildungswesens und die zunehmende Geringschätzung von Bildung und Wissen in unserer Zeit immer mehr Leerstand hat, Leerstand an Arbeit, Leerstand in der Kasse und also auch Leerstand an Nachwuchs. Wir aber geben an dieser Stelle einen zugegebenermaßen subjektiven, dennoch aber alle Tabus brechenden Überblick.

Der hiermit unzweifelhaft verbundene Tabubruch könnte das zweite Problem sein, denn während in manchem skandinavischen Land der Grundsatz der Steueröffentlichkeit gilt, und man im Internet des Nachbarn Steuererklärung nachgucken kann, wütet in Deutschland der Datenschutz, und das sehr zuungunsten der Arbeit- und Auftragnehmer, die nämlich stets eine Regel im Vertrag stehen haben, daß sie nicht über die Entgelthöhe sprechen dürfen, wollen sie ihren Job nicht form-, frist- und fruchtlos verlieren. Das aber bedeutet nicht nur ein kollektives Tabu, sondern auch, daß die Dienstvertragsnehmer auf diese Weise gegeneinander ausgespielt werden. Was ihnen nicht nützt. Ich aber breche dieses Tabu, denn ich kann kein Arbeitsverhältnis verlieren, weil ich keines habe.

Eines gleich vorweg: solange sich ein Dozent nicht in der Zwangsversicherung und Lohnsteuer befindet, ist sein Geld viel mehr wert als das des Arbeitnehmers, und er kriegt zudem oft noch die Vorsteuer erstattet, lebt also auch in der Hinsicht besser. Verbrechen lohnt sich nicht, arbeiten auch nicht – dieser Satz gilt vorwiegend für Arbeitnehmer. Wer freiberuflich tätig ist, und nicht vom Sozialfallbeil geköpft wird, hat es wesentlich besser. Aufträge freilich muß er auch beschaffen, aber darüber haben wir uns ja schon ausgelassen. Marketing ist bekanntlich nicht alles, aber ohne Marketing ist alles nichts. Reden wir diesmal aber über Geld, denn nur ungern nimmt der Handelsmann, statt baarem Gelde Stuhlgang an:

So betrugen die Honorare im staatlich finanzierten Umschulungsgewerbe in der Zeit nach der Wende so um die 50 DM, bisweilen auch fast das Doppelte. Inzwischen sind sie auf eine Art Standardsatz von um die 15 Euro gesunken, mit Angeboten von sechs bis acht Euro pro Stunde, und zwar ernstgemeint. Das jedenfalls ist der Markt hier in Erfurt, wo es manchen Bildungsfirmen nicht einleuchtet, daß man auf diese Weise nur Armleuchter kriegt und keine Qualität mehr, aber wen interessiert schon Qualität in einem Staatsmarkt, wenn die Teilnehmer der Arbeitsagenturen oft nur aufbewahrt und aus der Statistik ferngehalten anstatt wirklich qualifiziert werden sollen?

Ganz anders ist die Lage hier bei der örtlichen Industrie- und Handelskammer, deren Stundenhonorare nicht nur über 30 Euro pro Stunde liegen (und oft noch deutlich darüber), sondern auch in spätestens zwei Wochen nach Abrechnung rüberkommen, was ein weiteres Problem andeutet, denn man kann jedem Dozenten nur raten, vor Annahme eines Auftrages zu prüfen, ob sich die Bildungsfirma, für die er zu arbeiten sich anbietet, nicht schon in der Insolvenz steckt oder etwa gar nicht mehr rechtlich existiert, mit ins Leere laufenden Mahn- und Vollstreckungsbescheiden. Alles schon dagewesen. Und selbst öffentliche Körperschaften sind keine Garantie:

So ist die Volkshochschule als Auftraggeber kaum empfehlenswert, jedenfalls nicht die hier in Erfurt: mein einziger Einsatz (Ende der 90er Jahre) dort lag unter dreißig D-Mark pro Stunde, schon damals ein Hungerlohn, und ich habe fast zehn Wochen auf das bißchen Geld gewartet. In anderen Städten mag das anders sein, hier sollte man die Finger davon lassen.

Noch deutlich höher sind dafür die Honorare bei nichtöffentlichen Auftraggebern mit Bildungsbedarf, etwa Banken, Versicherungen oder Industriebetriebe. Bei 50 Euro pro Stunde fängt man dort an, auf einer nach oben offenen Honorarskala zu klettern. Eine allerdings vollkommen inoffizielle und gewiß nicht bestätigte Faustregel hierbei scheint zu sein, daß das Stundenhonorar des Dozenten größer als ein Prozent des Bruttogehalts des höchstbezahlten Seminarteilnehmers sein sollte: kriegt man also raus, daß der Abteilungsleiter, der einem da erwartungsfroh gegenübersitzt so um die 5.000 Euro im Monat liegt, so sollte man über 50 Euro pro Stunde fordern. Auch hier aber gilt, daß man vor Unterzeichnung des Vertrages Erkundigungen u.a. beim Amtsgericht einziehen sollte – in Eisenach/Thüringen fällt mir da auch so ein Fall ein, wo das dringend nötig war. Die wollten sogar, daß ich für sie eine Software gegen Erstattung des Geldes erwerbe; zum Glück erfuhr ich vorher, daß sogar schon die Löhne kaum noch rumkommen. Bei Banken hingegen sind solche Vorsichtsmaßnahmen kaum erforderlich, weil sie so korrekt sind – und so sicher. Das gilt aus ganz ähnlichen Gründen übrigens auch für Versicherungen, wenn man eine Mitarbeit dort mit dem Gewissen vereinbaren kann. Leider sind in jedem Fall solche Aufträge in den meisten Bereichen selten, weil auch "reiche" Unternehmen lieber ihre Leute entlassen, sie auf Staatskosten vom Arbeitsamt umschulen lassen und sie nachher wieder einstellen – wobei aus den oben schon geschilderten Gründen kaum Qualität rumkommt, aber wer muß darauf achten, bei dem Arbeitsmarkt?

Differenziert man nach Lehrinhalten, so ist erfahrungsgemäß die direkte Verbindung von betriebswirtschaftlicher Theorie und elektronischer Praxis ein Erfolgsfaktor. Es ist schön, die Einzelwertberichtigung oder die ABC-Analyse erklären zu können, aber noch viel schöner, es sogleich auch in VBA, SQL oder für eines der großen ERP-Systeme programmieren zu können. Insbesondere mit Blick auf die immensen Kosten dieser Softwarepakete sind all die, die etwa C/SIDE, ABAP oder die Microsoft-Programmiersprachen unterrichten können, gesuchte Fachkräfte und entsprechend gut bezahlt. Im Vergleich dazu ist, wer den Stoffplan des Bürokaufmannes auswendig kennt, ganz offensichtlich gering geschätzt und gering bezahlt, was unsere These von der Geringschätzung der Ausbildung unterstützt.

Ob es noch einen wesentlichen Ost-West-Gegensatz gibt, vermag ich nicht zu sagen, aber zu vermuten. Auch wenn die öffentlich geförderten Aufträge sich zwischen Leipzig und Stuttgart vielleicht nicht mehr sehr unterscheiden, die wirklich lukrativen Jobs tun es vermutlich schon – was aber auch an der konsequenten Demontagie hier in den letzten siebzehn Jahren liegen könnte.

Es kann vorkommen, daß die Nachkommen mit dem Einkommen nicht auskommen und daran umkommen: der Dozent sollte sich also überlegen, ob er auch bei weiter fallenden Honoraren noch überleben kann, denn mit einem weiteren Preisverfall muß man wohl rechnen. Meines Erachtens muß man bereits jetzt gut etabliert sein, oder ganz besonders gesuchte Fähigkeiten besitzen, um in diesem harten Markt zu überleben – und besonders mißtrauisch. Im Bildungsteich schwimmen nämlich ziemlich viele bissige Fische. Gegen zwei führe ich derzeit gerichtliche Prozesse, darunter einen Strafprozeß wegen Betruges gegen ein besonders unseriöses Unternehmen in Dresden. Doch das ist ein anderes Thema, über das ich erst nach Verurteilung des Tatverdächtigen berichten werde, denn dann darf ich es mit vollem Namen tun.

Links zum Thema: Ermittlung der wirklichen Abgabenquote bei Arbeitnehmern | Der konspirative Dozent: Wie die BfA Existenzen vernichtet | Kleiner Ratgeber für Dozenten: wie man an Lehraufträge kommt (interne Links)

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