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Archiv für die Kategorie ‘Zingel’

Wie Kreativitätstechniken bei Prüfungen helfen

Mittwoch, 06.02.13 20:09

Viele Prüfungskandidaten fallen durch, obwohl sie wissen, was sie wissen sollen, und das liegt nicht immer an Prüfungsangst. Dieser kleine Beitrag untersucht kreative Denkweisen der Autoren von Prüfungsfragen, und wie der Prüfungsteilnehmer darauf reagieren sollte. Obwohl sich dieser Beitrag hauptsächlich auf meine Erfahrungen mit Prüfungen vor einer Berufsakademie und einer IHK beruft, ist der doch allgemeingültig, denn die darin dargestellten Mechanismen sind vermutlich in allen Prüfungen mehr oder weniger ausgeprägt zu finden.

Reproduktive Fragen

Dieser Fragetyp ist auch als Auswendiglernfrage bekannt, und verrufen. Er besteht in der Abfrage gelernten Wissens und setzt die bislang leider noch immer fortgeführte Schultradition des Paukens und mechanischen Anwendens fort. Der Reproduktivfrage kann man mit Fleiß begegnen; etwa wissen die meisten Teilnehmer des erwähnten Betriebswirtelehrganges, was die Abkürzungen der Incoterms bedeuten, oder was Zweipunkteklauseln sind.

Anwendungsfragen

Etwas spannender wird es schon, wenn gelerntes Wissen kombiniert werden muß, etwa in jener Frage, in der die auf den Käufer eines per Seefracht versandten Gutes Versand- und Versicherungskosten aus den Zahlenangaben und der Sachverhaltsschilderung der Aufgabe berechnet werden mußten. Hier muß man die Incoterms nicht nur kennen, sondern auch anwenden - was noch erschwert werden kann, indem man absichtlich überflüssige Daten oder Informationen in die Fallschilderung oder der Frage vorausgehende Datensammlung einfügt. Während bei Reproduktivfragen die Basispunkte gesammelt werden können, machen solche Anwendungsfragen dem Korrektor schon viel weniger Arbeit...

Kreative Prüfungsfragen

Diese bestehen darin, daß primär dem Prüfungsteilnehmer bekannte Sachverhalte in ungewohnter Art und Weise zu kombinieren oder anzuwenden sind, sind also eigentlich Verschärfungen der Anwendungsfrage, von dieser aber dadurch unterschieden, daß die verlangten Denkmuster ungewöhnlich und neuartig sind. Die Break Even Rechnung ist ein gutes Beispiel, denn sie wird normalerweise auf der Basis von Mengendaten veranstaltet ("berechnen Sie die Break Even Stückzahl..."). Was aber tut man, wenn sie plötzlich ohne Mengendaten daherkommt? Hier ist die Verwirrung groß, und die Arbeit des Korrektors oft minimal.

Neue Anwendungen von Begriffen

Kreativität hat etwas damit zu tun, die Wirklichkeit neu zu erfassen, also Dinge zu denken, die keiner zuvor gedacht hat. Das kann in einer Prüfung ganz einfach reproduziert werden, indem man nach dem Projektstrukturplan fragt. Der Auswendiglerner denkt sofort an den Netzplan, oder vielleicht noch an das Gantt-Diagramm. Kreativ wäre es, den Begriff auseinanderzunehmen: Projektstrukturplan ist ein jeder Plan, der die Struktur eines Projektes abbildet, und damit u.U. auch das Organigramm der Projektabteilung, das Prüfungslyriker übrigens gerne auch als Kommunigramm bezeichnen, aber ebenso die Konstruktionszeichnung des Projektgegenstandes, die daraus abgeleiteten Stücklisten oder gar die hierarchische Beschreibung der einzelnen Arbeitsschritte der Projektaufgabe - alles Strukturen!

Querverbindungen und Elaboration

Noch schwerer ist es oft, Anwendungen quer zu Sachgebieten zu produzieren, weil das von Schulzeiten an nicht geübt wird. Die berühmte BSC-Frage war ein gutes Beispiel hierfür, so sehr sie auch (aus ganz anderen Gründen) kritisiert wurde: zunächst soll der Teilnehmer grundlegende Kennziffern kennen, die zumeist auf der Produktivitätskennziffer basieren - eine reproduktive Aufgabe. Dann sollten - ohne konkrete Vorgabe - aufgrund einer Fallschilderung eigene Kennziffern ausgedacht und in das Konzept der Balanced Scorecard eingefügt werden, also auf das begriffliche System dieses Verfahrens bezogen werden. Zwischen verschiedenen Sachverhalten (Qualitätsmanagement, Produktionstheorie, Management, Kennzahlenrechnung) müssen also Querverbindungen hergestellt und mit einem konkreten Ziel ausgebaut, also elaboriert werden - eine Simulation betrieblicher Tätigkeiten einer kreativen Management-Fachkraft, und damit sinnvoll, aber entgegen der erworbenen Fähigkeiten des Auswendiglerners, und daher Gegenstand vielfältiger Kritik.

Neues Lernen wird benötigt

Genau die hier angemahnte Fähigkeit können wir jetzt ausprobieren, wenn wir uns Gedanken darüber machen, weshalb diese Denkweise so schwer ist. Warum wird das nie geübt, warum scheitern so viele Prüfungsteilnehmer an scheinbar simplen Querverbindungen? Warum versagt schon die Schule dabei, aus der natürlichen Neugier und Kreativität des Kleinkindes die Genialität des Künstlers oder Forschers zu formen, so daß aus dem Volk der Dichter und Denker eines der Pisa-Versager wurde?

Die Untertanen-Mentalität

Wer verborgene Strömungen erkennt, wer Symptome in scheinbar sachfremden Zusammenhängen aufdeckt und in einheitliche theoretische Konzepte fassen kann, wie es Oswald Spengler (Der Untergang des Abendlandes) und Hans Sedlmayr (Verlust der Mitte mit einer unübertroffenen Meisterschaft verstanden haben, ist als Kind schwererziehbar, und als Erwachsener schwerregierbar, und beides ist unerwünscht, denn so einer könnte die wirklichen Motive der CO2-Neurose und des Nachhaltigkeits-Wahnes hinterfragen, und das gefährdet die Macht einer jeden durch induzierte Öko-Ängste und Kyoto-Repression gefestigten Regierung. Kurz, wer denkt, läßt sich viel schwerer gleichschalten. Keine Regierung kann das wirklich wollen. Das Gerede vom "mündigen Bürger" ist daher nur ein Vorwand für die möglicherweise durchaus beabsichtigte Absenkung des Volksbildungsniveaus. Scheinbar oder tatsächlich zurückgehende Prüfungsleistungen könnten damit ein Indikator für die wachsende Ideologisierung der Gesellschaft sein.

Links zum Thema

Break Even Rechnung: so versuchen die Prüfungslyriker Euch zu kippen! | Prüfung Betriebswirt/IHK vom 11. Juni: Die BSC-Frage | Wie aus Lernen Erfolg gemacht wird | Treibhausgasemissionsberechtigungen: Es wird ernst | Öko-Gleichschaltung: so weit sind wir schon gekommen (interne Links)

Technischer Betriebswirt: Nachlese zur Amortisationsrechnung

Freitag, 09.11.12 13:51

In den vorigen drei Beiträgen (Teil 1Teil 2 und Teil 3) haben wir uns mit den Grundlagen der Amortisationsrechnung befaßt. Wir haben demonstriert, warum eine Kostenvergleichsrechnung nicht als Grundlage der Amortisationsrechnung taugt, wie man die zahlungsgleichen Größen aus den Daten der Kostenartenrechnung ableitet und damit eine statische Amortisationsrechnugn durchführt. Und wir haben gezeigt, daß eine Dynamisierung der Amortisationsrechnung zur Kapitalwertrechnung führt – wo die Aussage des Verfahrens plötzlich eine ganz andere werden kann.

Diese Sache hatte einen heftigen Feedback besonders aus dem Bereich der IHK-Lehrgänge. Dort schlagen sich nämlich insbesondere Teilnehmer von Lehrgängen wie "Geprüfter Betriebswirt" und "Geprüfter Technischer Betriebswirt" oft mit solchen Rechenverfahren herum. Daß die Kammerliteratur hier wenig hilfreich ist, haben die meisten Kunden der Kammern schon festgestellt. Daß sie praktisch keine Betreuung von ihren Kammern oder Bildungsträgern erhalten, ist ebenfalls ein bekanntes Problem – zumal immer mehr unseriöse Geschäftemacher für das Rechnungswesen nur ganz wenige Tage Unterricht einplanen. Es wundert nicht, daß Teilnehmer solcher Turbo-Kurse in ihren Projektarbeiten die haarigsten Fehler machen.

Infolge von vielen teilweise geradezu verzweifelten Anfragen von Teilnehmern solcher Kurzkurse veröffentliche ich nachfolgend eine kleine Aufgabensammlung zur Amortisationsrechnung. Die Lösungen folgen jeweils hinter den Aufgaben und enthalten ausführliche Begründungen. Die häufigsten Fehler werden dargestellt. Inhaltlich geht diese Aufgabensammlung über die Beiträge der letzten Tage hinaus. Die Verwendung in Lehrveranstaltungen ist ausdrücklich erwünscht, denn wir bieten ja schon immer, was in vielen Lehrveranstaltungen fehlt:

Hier herunterladen

Links zum ThemaTechnischer Betriebswirt: Statische und dynamische Maschinenersatzrechnung (Teil 1 von 3) | Technischer Betriebswirt: Statische und dynamische Maschinenersatzrechnung (Teil 2 von 3) | Technischer Betriebswirt: Statische und dynamische Maschinenersatzrechnung (Teil 3 von 3) | Industrie- und Handelskammern: wenig Betreuung bei Studien- und Projektarbeiten | Rechnungswesen in zwei Tagen: der Turbo-Lift zum Erfolg? | Geprüfter Technischer Betriebswirt: Beispiel für eine mit »ungenügend« bewertete Projektarbeit | Unausrottbare Fehler: Wie fehlerhafte Gewinndefinitionen zu undurchdachten Praktikerlösungen werden | Amortisationsrechnung: wenn die Kröten springen... | Mindestrentabilität und die Grundlagen der Zinstheorie (interne LinksPESTEL analysis of the macro-environment (externer Link)

Akademische Lehre in Deutschland, ein Beispiel

Sonntag, 28.10.12 00:24

Während die Studenten streiken und die Politiker von mehr Geld für die Bildung schwadronieren (und Studiengebühren einführen), frage ich mich, wo die Milliarden-Finanzmittel eigentlich geblieben sind. Ein Erfahrungsbericht offenbart jedenfalls, wo sie nicht zu finden sind. Aus dem Leben eines Dozenten, der seine Sache ernst nimmt:

Artikel als MP3 anhören, gesprochen vom Autor:
 

05:00

Die Wecker machen Rabatz. Ich brauche mehrere, denn mitten in der Nacht aufzustehen ist das Schwerste an meinem Job.

 

05:30

Die Haustür fällt hinter mir ins Schloß. Schon um diese Zeit schwül und warm, ein ätzendes Sommerwetter.

 

05:31

Ab ins automobile Getümmel...

 

05:45

Stau in der Baustelle am Erfurter Kreuz.

 

05:50

Stillstand!

 

06:55

mehrere Baustellen und viele entnervende Ampelschaltungen weiter endlich am Ziel... meine Nerven!

 

06:59

Ich habe eine Kopierkarte ergattert.

 

07:00

Der Kopierer geht nicht :-(

 

07:05

Einen anderen Kopierer gefunden, der geht – hat aber kaum Papier. Wo ist der Hausmeister?

 

07:12

Endlich meine Kopien in der Tasche und die Flucht angetreten, Gott ist das heiß hier im Kopiererraum!

 

07:19

Frühstück bei Rosi.

 

07:45

Im Hörsaal angekommen, mein Gott, die Heizungen. Das kann doch wohl nicht wahr sein! Ich keuche zum Fenster, Frischluft!!

 

08:00

Und los geht's, spezielle Betriebswirtschaft. Simplex, Operations Research, Strategien, vorletztes Semester. Die Hälfte der Studis haben eigene Laptops mitgebracht aber nicht alle können damit auch umgehen: ein Office-Grundlagentraining gab es nicht. Elektronische Klausuren zu stellen ist daher illusorisch.

 

08:12

der letzte Student trudelt ein, hat wohl auch im Stau gesteckt. Jetzt sind 41 Studienteilnehmer in einem wilhelminischen Klassenzimmer vereint, der erste vorne lehnt seine Bücher und Skripte an meinen Laptop-Bildschirm.

 

09:30

Ab in die Pause, wer zuerst kommt, ergattert einen Platz in der viel zu kleinen Cafeteria.

 

09:45

Die Hälfte der Studis steht am Ende der Pause noch in der Kassenschlange. Rosi hat heute keine Unterstützung.

 
11:15

Nach der vierten Stunde große Pause. Einigen Gesichtern ist die Müdigkeit anzusehen. Alle Studenten hier arbeiten nebenher, und die Enge tut ein übriges.

 

11:45

Fünfte Stunde, die Sonne brennt in den Hörsaal. Man kann kaum verdunkeln, für den Overhead-Projektor wird es langsam zu hell.

 

14:00

Ich klettere mit den Teilnehmern durch ein Gleichungssystem (Materialverbrauchsplanung, Materialwirtschaft, lineare Optimierung) aber vernünftiges Arbeiten ist nur bei offener Tür möglich. Immerhin frieren selbst die Damen nicht mehr.

 

15:00

Veranstaltungsende, mir hängt der Magen in der Kniekehle. Die Studis haben sich alles was zum Essen mitgebracht und während der Veranstaltung genüßlich gefuttert, aber als Vorturner kann ich währenddessen natürlich nichts essen.

 

15:10

los geht's auf den Rückweg, Gummibärchen sind gute Beifahrer, lechz!

 

15:20

Stau schon an der Auffahrt, Mist!

 
15:30

Endlich auf der Autobahn, es geht im Schneckentempo.

 
16:55

Zu Hause, Schluß mit Lehreinsatz für heute. Verdienst bisher: 19,60 Euro Fahrgeld und 168 Euro Honorar.

 

17:50

Im Büro, sechs Rechner und eine Klimaanlage, die leise pustet. Mir geht es wieder gut. Also ab in die eigentliche Arbeit...

 

18:00

Geistesblitz!

 

19:15

Erster Entwurf für eine leckere Klausur fertig, jetzt noch die Grafiken zaubern...

 

19:48

OK, die notwendigen Skizzen produziert und eingebaut...

 

20:05

Fein, eine wunderschöne Klausur gezaubert. Damit verdient: 15,68 Euro, muß morgen aber noch mal nachrechnen. Fehler lauern immer und überall...

 

20:10

Schluß für heute, Feierabend. Nur noch ein wenig an neuen CD-Inhalten arbeiten...

Fünfzehn Stunden Einsatz für 183,68 Euro Honorar und 19,60 Euro Fahrtkostenerstattung, nichtmal der Benzinpreis. Nebenher habe ich durch den Verkauf meiner BWL CDs und Bücher ein Vielfaches verdient, denn von dem eigentlichen Lehrhonorar kann ich nicht leben.

Der Artikel ist absolut nicht als Kritik an der hier namentlich nicht genannten Lehrinstitution gedacht, denn die ist staatlich und hat kaum Spielraum, die Bedingungen zu verbessern. Ich will auch nicht jammern, denn ich habe mir ja meinen Job selbst ausgesucht. Keiner hat mich gezwungen. Hätte ich aber keine anderen Verdienstquellen, dann wäre ich schon längst gezwungen gewesen, aufzuhören.

Als Student wie auch als Lehrender braucht man unter den hier skizzierten Bedingungen eine Menge Idealismus. Ich verstehe Kollegen, die in die Industrie gehen, oder ins Ausland, denn da gibt es überzeugende Argumente. Nur sehr wenige haben ein zweites Einkommen, das es ihnen ermöglicht, solche Lehreinsätze ohne wirtschaftliche Sorgen durchzuziehen. Der Sache ist damit aber nicht gedient, wenn im Bereich der Bildung ein Job nicht mehr zum Leben reicht.

Wir haben offenbar aufgehört, zu investieren. Wir befinden uns am Ende der Geschichte, und nicht mehr am Anfang der Zukunft. Nirgends wird das so deutlich wie bei der fortgesetzten Vernachlässigung der Bildung in diesem Lande. Schon frühere Regierungen haben Gelder versprochen und dann doch gekürzt. Das macht Frau Merkels Reden nicht glaubwürdiger als ein Pioniergelöbnis aus der ehemaligen DDR.

Links zum Thema: Studiengebühren und Elitebildung: über die heiligen Kühe des Sozialismus | Mindestlohn in der Bildungsbranche: der Dozent an der Mülltonne? | Prüfungsausschüsse: kostenlos oder umsonst? (interne Links)

Risikomanagement: Was ist eigentlich Matching?

Mittwoch, 24.10.12 11:54

Schon vor einiger Zeit haben wir uns an dieser Stelle im Zusammenhang mit dem neuen Rahmenstoffplan "Geprüfter Betriebswirt" über die Neuregelung des Faches "Finanzwirtschaft" verbreitet. Eines der neuen Themen ist die Absicherung von Währungsrisiken durch das sogenannte "Matching". Hierbei werden Risikobegrenzungen ohne Termingeschäfte erzielt. Aber was zum Teufel ist Matching?

Unter dem sogenannten Matching versteht man die wechselseitige Absicherung von Fremdwährungsrisiken durch Fremdwährungsforderungen und Fremdwährungsverbindlichkeiten gleichen Betrages und gleicher Frisitigkeit. Steht einer Fremdwährungsforderung eine Fremdwährungsverbindlichkeit gleicher Art, Dauer und Höhe gegenüber, so eliminieren sich das Fremdwährungsrisiko der Forderungs- und der Verbindlichkeitenseite. Matching ist keine Aufrechnung (§§387–396 BGB) und keine Verrechnung (§246 Abs. 2 HGB), denn dem Matching liegen i.d.R. Forderungen und Verbindlichkeiten gegen unterschiedliche Personen zugrunde. Weder Aufrechnung noch Verrechnung sind daher zulässig. Matching besteht also lediglich in gleichzeitiger Bilanzierung zwecks wechselseitiger Risikoeliminierung.

Man kann sich an einem Beispiel verdeutlichen, was Matching im einelnen bewirkt. Ein Unternehmen verkaufe Produkte im Wert von 100.000 US$ in den Dollar-Raum. Diese Transaktion ist natürlich umsatzsteuerfrei. Auf der Aktivseite steht also eine Forderung aus Lieferungen und Leistungen i.H.v. 100.000 US$. Diese Forderung ist einem Währungsrisiko ausgesetzt. Betrage die Zahlungsfrist des Abnehmers sechs Wochen, so entscheidet i.d.R. erst der Kurs des US-Dollars in sechs Wochen über die wirkliche Höhe des in Euro umgerechneten Zahlungseinganges. Dieses Risiko kann man durch den Aufbau einer gleich hohen und gleich lange laufenden Verbindlichkeit in gleicher Währung absichern. Beispielsweise kauft die Unternehmung bei einem US-amerikanischen Zulieferer Waren im Wert von wiederum 100.000 US-Dollar. Auf diese Weise entsteht eine gleichartige Verbindlichkeit:

Matching gleichrangiger Fremdwährungspositionen
Aktiva Passiva
 
[...] [...]       [...] [...]
Lieferforderungen (6 Wochen) 100.000 US$       Lieferverbindlichkeit (6 Wochen) 100.000 US$
[...] [...]       [...] [...]

Dies funktioniert auch mit anderen als Lieferforderungen und -verbindlichkeiten. Beispielsweise kann einer Darlehensforderung in Fremdwährung eine Darlehensschuld gleicher Laufzeit in gleicher Fremdwährung gegenübergestellt werden. Auch diese beiden gleichen einander das Fremdwährungsrisiko aus:

Mehrfaches Matching von Fremdwährungspositionen
Aktiva Passiva
 
[...] [...]       [...] [...]
Darlehensforderungen 950.000 US$       Darlehensverbindlichkeit 950.000 US$
[...] [...]       [...] [...]
Lieferforderungen 100.000 US$       Lieferverbindlichkeit 100.000 US$
[...] [...]       [...] [...]

Die wichtigsten Vorteile dieser Absicherungsstrategie sind:

  • das Matching ist an sich kostenlos. Da es keine finanzwirtschaftliche Dienstleistung wie z.B. eine Versicherung darstellt, wird auch keine Gebühr fällig;
  • das Matching paßt gut mit bestehenden Auslandsbeziehungen zusammen. Wenn in den Dollarraum verkauft wird, dann können i.d.R. von dort auch Produkte bezogen werden.

Diesen Vorteilen stehen die folgenden Nachteile gegenüber, deren Kenntnis ebenso prüfungswichtig ist:

  • es kann sehr schwierig sein, nach Höhe und Laufzeit "passende" Verbindlichkeiten entsprechenden Forderungen gegenüberzustellen. Oft gibt es keine "passende" Verbindlichkeit, die das Fremdwährungsrisiko einer bestehenden Forderung absichern könnte. Nur und ausschließlich aufgrund der Matching-Strategie im Dollar-Raum einzukaufen, wo eine Beschaffung auch in Europa oder in Billigländern möglich wäre, ist i.d.R. keine wirtschaftliche Verhaltensweise;
  • da eine bestehende Fremdwährungsforderung nur durch eine gleichlang laufende Fremdwährungsverbindlichkeit abgesichert werden kann, kann das Matching einen Verzicht auf Lieferantenskonto bei der absichernden Verbindlichkeit nach sich ziehen. Schon in der Zahlungsbedingung "7 Tage netto Kasse, sonst 21 Tage Ziel" stecken aber 78% Zins pro Jahr. Das kann das Matching aber wiederum sehr teuer machen.

Wie praxisrelevant das Matching als Methode der Risikoabsicherung ist, sei dahingestellt. Derivatgeschäfte sind schon wegen der in ihnen steckenden Hebeleffekte oft viel interessanter. Vor einer Prüfung ist das aber die falsche Frage, denn wenn es sogar schon im IHK-Material erwähnt wird, dann sollte der Prüfungsteilnehmer darüber auch bescheid wissen.

Links zum ThemaGeprüfter Betriebswirt: Hinweise zum neuen Rahmenstoffplan | Geprüfter Betriebswirt: die Fallen der Finanzwirtschaft oder die notwendige Reform der Reform | Geprüfter Betriebswirt: neue Verordnung, neue Prüfung - neues Spiel, neues Glück | Termingeschäfte: die volkswirtschaftliche Zeitbombe | Optionsgeschäfte: was zum Teufel ist ein Stillhalter? |Skontozins: wenn Du nicht mehr weiter weißt... (interne Links)

Einrichtung von Kostenrechnungssystemen: wer auf Sand baut…

Dienstag, 02.10.12 11:27

Viele Studienteilnehmer haben nach ihrem Abschluß die Aufgabe, ein Kostenrechnungssystem für ihren Betrieb einzurichten - und nicht wenige scheitern daran, denn der Sprung von der prüfungssicheren Beherrschung isolierter theoretischer Konzepte im Rahmen vorhersagbarer Prüfungsfragestrategien zu ihrer richtigen praktischen Anwendung in der Wirklichkeit ist groß. Um diesen Realitätsschock zu mindern, werden wir beginnend mit diesem Beitrag ein bißchem aus dem Nähkästlein des Kostenberaters plaudern: Der BWL-Bote packt aus. Beginnen wir heute mit den Fudnamenten, auf denen jede Kostenrechnung steht: die grundlegenden Definitionen.

  1. Umsatzerlöse
2. Erhöhung oder Verminderung des Bestands an fertigen und unfertigen Erzeugnissen
3. andere aktivierte Eigenleistungen
4. sonstige betriebliche Erträge
5. Materialaufwand:
  a) Aufwendungen für Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe und für bezogene Waren
  b) Aufwendungen für bezogene Leistungen
6. Personalaufwand:
  a) Löhne und Gehälter
  b) soziale Abgaben und Aufwendungen für Altersversorgung und für Unterstützung
    davon für Altersversorgung
7. Abschreibungen
  a) auf immaterielle Vermögensgegenstände des Anlagevermögens und Sachanlagen sowie auf aktivierte Aufwendungen für die Ingangsetzung und Erweiterung des Geschäftsbetriebs
  b) auf Vermögensgegenstände des Umlaufvermögens, soweit diese die in der Kapitalgesellschaft üblichen Abschreibungen überschreiten
8. sonstige betriebliche Aufwendungen
9. Erträge aus Beteiligungen
  davon aus verbundenen Unternehmen
10. Erträge aus anderen Wertpapieren und Ausleihungen des Finanzanlagevermögens
  davon aus verbundenen Unternehmen
11. sonstige Zinsen und ähnliche Erträge
  davon aus verbundenen Unternehmen
12. Abschreibungen auf Finanzanlagen und auf Wertpapiere des Umlaufvermögens
13. Zinsen und ähnliche Aufwendungen
  davon aus verbundenen Unternehmen
14. Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit
15. außerordentliche Erträge
16. außerordentliche Aufwendungen
17. außerordentliches Ergebnis
18. Steuern vom Einkommen und vom Ertrag
19. sonstige Steuern
20. Jahresüberschuß/Jahresfehlbetrag

So fängt ein jedes Kostenrechnungssystem immer mit den Basisdefinitionen an, und das ist alles andere als trivial. Zwar reden alle immer von Kosten, Ausgaben und dem Rest, aber diese Begriffe wollen richtig definiert sein - denn wenn fehlerhafte Ausgangsdaten in das zu errichtende System eingehen, können keine brauchbaren Ergebnisse herauskommen.

 

Kosten sind, so weiß das Lehrbuch, bewerteter, periodisierter Güter- und Leistungsverzehr zur Erstellung der betrieblichen Leistung oder Aufrechterhaltung der Leistungsbereitschaft, so die umständliche "offizielle" Definition. Knapper, knackiger und viel verständlicher ist, daß Kosten den Einsatz an Produktionsfaktoren bewerten. Produktionsfaktoren sind Boden, Kapital, Arbeit und Information. Einsatz ist die tatsächliche Nutzung, also nicht der Einkauf.

Da genau gehen die Fehler schon los: viele Betriebe buchen nämlich den Einkauf von Waren oder Material direkt in die Kosten. Das ist falsch. Wie es besser zu machen ist, haben wir am Beispiel der Warenbkonten hier demonstriert. Wer immer eine Kostenrechnung aufziehen will, braucht also erheblichen buchhalterischen Sachverstand - und muß um nicht auf Sand zu bauen die Kompetenz haben, das bisherige Buchungssystem auf Fehler zu durchsuchen und Korrekturen anzuregen.

Dann nehmen wir uns mal die Gewinn- und Verlustrechnung vor. Rein zufällig ist nebenstehend das Schema der GuV nach dem Gesamtkostenverfahren nach §275 Abs. 2 HGB abgebildet. Auch wenn es im Rahmen der IAS/IFRS kein starres Schema wie im Handelsrecht gibt, so kennt man dort doch auch die nature-of-expense- und die function-of-expense-method, die dem GKV und dem UKV entsprechen. In der Software ist das meist per Auswertungskennzeichen abgebildet.

Erste Pflicht ist hier, die Größen zu finden, die als neutrale Aufwendungen aus der Kostenrechnung ferngehalten werden müssen, dort also nichts verloren haben. So sind Schuldzinsenkeine Kosten und steuerliche Abschreibungen auch nicht. Die Gewinn- und Verlustrechnung reicht also als Erkenntnisgrundlage nicht aus, denn diese Größen müssen durch entsprechende kalkulatorische Zinsen und kalkulatorische Abschreibungen ersetzt werden. Wer das unterläßt, braucht nicht weiterzumachen, denn dann kann am Ende der ganzen Mühe nichts richtiges herauskommen. Erfahrungsgemäß ist es sehr schwer, das oftmals unwissenden Vorgesetzten klarzumachen. Glauben Sie mir, ich kämpfe mit dem Problem seit vielen Jahren ;-)

Das ist übrigens in einer deutschen Gewinn- und Verlustrechnung leichter als in einer nach IAS/IFRS: dort sind nämlich außerordentliche Posten stets verboten (IAS 1.85). Solcherart nicht-betriebsnotwendige neutrale Aufwendungen sind also schwerer zu erkennen, weil sie nicht zusammengefaßt in einer GuV-Position erscheinen, sondern verteilt über viele Einzelposten. Sie müssen also aus dem Buchungsstoff einzeln extrahiert werden, eine Schweine-Arbeit.

Das übrigens bringt uns zum häufigen Ansatz des schematischen Denkens: wer glaubt, das obige Schema einfach schablonenhaft anwenden zu können, der irrt gewaltig: auch im Rahmen der deutschen HGB-Buchhaltung müssen einzelne Buchungen auf Sinn und Inhalt geprüft und ggfs. klassifiziert werden. Das betrifft die Zweifelsfälle. So sind Wertpapiererträge (Zeile 10) beispielsweise bei den meisten Betrieben neutrale Erträge, also aus der Kostenrechnung fernzuhalten. Sie können aber bei Finanzdienstleistern auch im Einzelfall betriebsbedingt und damit Leistungen sein. Ähnliches gilt für Erträge aus Beteiligungen: sie können betriebsbedingt und damit Kosten sein, oder auch als neutrale Aufwendungen auszuscheiden sein. Schließlich können die sonstigen betrieblichen Erträge (Zeile 4) Leistungen oder neutrale Erträge sein - je nachdem, um was es sich handelt. Eine detaillierte Bewertung einzelner Sachverhalte ist also absolut unerläßlich.

Erfahrungsgemäß ist es für diese Analyse übrigens nützlich, sich das QM-Handbuch vorlegen zu lassen, wenn der Betrieb ein Qualitätsmanagementsystem besitzt: das nämlich muß eine Prozeßanalyse enthalten, aus der u.U. abzuleiten ist, ob etwas als betriebsnotwendig ist oder nicht.

Ein damit zusammenhängender beliebter Fehler ist die Verwechslung der Kosten mit Zahlungen: der größte Teil der Kosten ist nämlich gerade nicht zahlungsgleich. Das kann man an einem Beispiel demonstrieren: fragt man den Geschäftsführer, der gewiß ein dickes Auto fährt, was denn die größten damit zusammenhängenden Kosten seien, dann lamentiert er fast immer über Steuern, Versicherungen oder natürlich den Benzinpreis. Alles aber falsch: es sind in aller Regel die kalkulatorischen Abschreibungen, gefolgt von den kalkulatorischen Zinsen - gerade bei einem schweren Auto, das nämlich eine hohe Kapitalbindung und eine noch höhere Wiederbeschaffungsbewertung bedingt. Die daraus resultierenden Kostenposten aber sind gerade nicht zahlungsgleich ("nichtpagatorisch"). Oder noch ein kleiner Versuch: was ist wohl in einem Produktions- oder in einem Handelsbetrieb neben dem Waren- oder Materialeinsatz die größten Position unter den Lagerkosten? Der Staplerfahrer? Der Strom für das Hochregalsystem? Die teure Versicherung? Falsch: der Lagerzins. Gelagerte Waren verursachen nämlich auch Zinskosten, wenn sie nicht fremdfinanziert werden. Sie binden Kapital, repräsentieren also einen Faktoreinsatz. Sie bedingen daher eine Lagerzinsrechnung - und zwar völlig unabhängig von der Finanzierung!

Der Leser ahnt, daß die Abgrenzung der Kosten von den Aufwendungen, Ausgaben und Auszahlungen kein triviales Problem ist. Sie ist das Fundament des gesamten internen Rechnungswesens. Wer hierbei Fehler macht, der baut auf Sand. Wer schablonenhaft vorgeht, kommt aber auch nicht weiter - denn was in einem Fall richtig ist, stimmt in einem anderen nicht. Man muß also mit viel Gehirnschmalz ans Werk gehen, eine ordentliche Kostenliste zusammenzustellen - und möglichst gleich die richtigen Auswertungskennzeichen vergeben, so daß der EDV-Bearbeiter Monat für Monat die richtigen Daten exportieren kann. Das ist ein hartes Stück Arbeit, aber unerläßlich. Es dem Vorgesetzten oder Auftraggeber zu kommunizieren, ist eine wichtige Vorarbeit - denn sonst entstehen Mißverständnisse, die die Arbeit behindern und den Erfolg verhindern. Auch die vorgängige Beratung ist also einzuplanen. Sie ist ebenso unerläßlich.

Wer jetzt noch nicht die Lust verloren hat, findet in der nächsten Zeit in unregelmäßiger Folge weitere Beiträge zum Thema an gleicher Stelle.

Links zum ThemaBuchungen der Warenkonten: wie man es nicht machen sollte | Buchungen der Warenkonten: die verbesserte Bruttomethode, oder wie die Scannerkasse Kundentransaktionen erfaßt | Irrungen und Wirrungen der Kostenrechnung: warum Bankzinsen keine Kosten sind (interne Links)