Schweizer Franken vom Euro entkoppelt – was sind die Folgen für Europa?

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Völlig überraschend und unangekündigt entkoppelte die Schweizer Notenbank am 15. Januar den Schweizer Franken vom Euro und beendete so die Bindung durch den Mindestkurs von 1,20 Euro zum Franken. Doch welche Gründe haben die SNB zu diesem Schritt bewegt, und welche Folgen wird die Beendung der Deckelung nicht nur für die Schweiz, sondern auch für die Wirtschaft anderer europäischer Länder haben?

Nach dem Bekanntwerden der Wechselkursfreigabe verteidigte die SNB ihre Entscheidung und erklärte, dass der Mindestkurs auf Grund zu hoher Kosten aufgegeben werden musste. Der stetige Werteverlust, welchem der Euro seit längerem ausgesetzt ist, entwickelte sich offenbar zunehmend zum finanziellen Risiko für die Schweizer. Direktionsmitglied Fritz Zubrügg gab gegenüber der „Welt“ an, dass täglich Milliardenbeträge eingesetzt werden mussten, um den Kurs des Franken zum Euro zu deckeln – ohne Aussicht auf ein Ende der Interventionen am Devisenmarkt. Er betonte, dass die unkontrollierbaren Zunahmen der Risiken letzthin in keinem Verhältnis mehr zum geldpolitischen Nutzen standen. Zubrügg verteidigte außerdem die Tatsache, dass der Ausstieg im Vorhinein nicht kommuniziert wurde; es sei vielmehr wichtig gewesen, vorab nichts durchsickern zu lassen, um Spekulanten abzuhalten.

Verluste vor allem für Exportwirtschaft und Tourismus

Schweizer FrankenÜber die Entkopplung freuten sich zuallererst einmal die Schweizer Verbraucher. Viele machten sich unmittelbar nach der Verkündung der Freigabe auf den Weg an die Geldautomaten oder in die Wechselstuben, in denen ein Euro zeitweise für den Preis von 85 Rappen zu haben war, und fuhren zum Einkaufen in die angrenzenden Euro-Länder. Auch Schweizer Einzelhändler, die ihre Ware aus dem Ausland importieren, lockten die Kunden mit Rabatten von bis zu 30%. Vor allem in den Supermärkten wurden bereits viele Waren deutlich billiger; aber auch Konsumgüter des gehobenen Bedarfs wie zum Beispiel Autos werden wohl langfristig günstiger zu bekommen sein.

Nachteilige Effekte hat die Entkopplung hingegen vor allem für die Exportwirtschaft und den Tourismus. Die stark exportorientierte Schweizer Wirtschaft leiden bereits unter der Wertsteigerung des Franken, da es durch die verteuerte Ausfuhr der Produkte zu Einnahmeverlusten aus dem Handel mit wichtigen Wirtschaftspartnern kam. Die Aktien von exportorientierten Schweizer Unternehmen erfuhren in Folge dessen einen deutlichen Kursverlust. Schätzungen der Großbank UBS zufolge könnten sich die negativen Folgen für die Exportwirtschaft langfristig auf bis zu fünf Milliarden Franken belaufen. Auch für den Tourismus zeichnen sich bereits erste negative Auswirkungen ab.

Durch die gestiegene Wertigkeit des Franken stiegen unmittelbar auch die Preise für die ausländischen Besucher. Hotels in Wintersportorten beklagten als direkte Reaktion auf die Entkopplung bereits eine erste Stornierungswelle von Kunden aus den Euroländern. Wie die FAZ berichtete, sind es aber auch stark wachsende Touristengruppe wie zum Beispiel die Chinesen, deren Yuan 15% gegenüber dem Franken einbüßte, die ihren Urlaub nun erst einmal nicht in der Schweiz verbringen werden. Als Reaktion sahen sich viele Reiseanbieter gezwungen, Rabatte auf ihre Ferienangebote zu geben.

Langfristig könnten aber nicht nur sinkende Gewinnsteuern zum Problem werden; Experten befürchten durch den Gewinnrückgang in Exportwirtschaft und Tourismus den Verlust von Arbeitsplätzen und Steuergeldern, was langfristig wiederum zu steigenden Sozialausgaben führen könnte.

Folgen für andere Euro-Länder gemischt

Schweizer FlaggeEiner der vorläufigen Gewinner der Wechselkursfreigabe scheint hingegen Österreich zu sein, wohin viele der abgesagten Reisen auf Grund der attraktiveren Preislage spontan umgebucht wurden. Vor allem die Regionen Vorarlberg und Tirol, welche direkt an die Schweiz grenzen, verzeichnen nach Angaben der Wirtschaftskammer Österreich einen besonders starken Anstieg an Buchungen.

Für Deutschland erwarten die meisten Experten vor allem positive Auswirkungen: so werden voraussichtlich nicht nur die Grenzregion durch verstärkten Wirtschaftstourismus profitieren, sondern auch die Exportwirtschaft als Gesamtes, deren Güter für die Schweizer nun erheblich günstiger werden. Auch wäre es möglich, dass die deutsche Tourismusbranche auf Grund einer wachsenden Besucherzahl aus der Schweiz Gewinnsteigerungen verzeichnen könnte – denn diese können nun deutlich billiger in Deutschland urlauben als noch im letzten Jahr.

Nachteile sieht der „Spiegel“ hingegen vor allem für Hunderttausende Verbraucher in Osteuropa, die Kredite in der Schweiz aufgenommen haben. Lag der Zinssatz zum Zeitpunkt der Kreditnahme noch auf einem attraktiven Niveau, könnte die Rückzahlung jetzt für viele auf Grund der plötzlich sehr viel teureren Raten problematisch werden.

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