Bildungspolitik: warum die Kammer-Kurse so drastisch verfallen

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Im Forum für Betriebswirtschaft tauchen immer wieder ärgerliche Postings mit zum Teil harschen Kritiken der Fortbildungsteilnehmer an den Industrie- und Handelskammern auf. Daß die Kammern diese Kritiken lesen, ist wohlbekannt, denn sie stehen mit Zehntausenden von Zugriffen Monat für Monat im Server-Log. Daß sich nichts ändert, ist indes leider auch bestens bekannt. Warum aber verfällt die Qualität der Kämmerlinge so massiv? Der BWL-Bote auf der Suche nach Gründen für teils unterirdische Kammer-Verhältnisse.

 

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Provinzialismus und die Gutsherrenart

Der deutsche Provinzialismus mag auch seine guten Seiten haben, aber jedenfalls nicht im Bildungsgewerbe. Durch ihre quasi-autonome Stellung können die Industrie- und Handelskammern in sehr weitem Rahmen tun und lassen wie ihnen beliebt. Einige verstoßen dabei sogar gegen glasklare Rechtsvorschriften, indem sie beispielsweise die Ausstellung englischsprachiger Zeugnisse entgegen §37 Abs. 3 Satz 1 BBiG seit Jahren (!) verweigern. Soll der Kunde doch klagen, tut er ja doch nicht! Kein privater Unternehmer könnte sich so ein ignorantes Verhalten leisten. Die Kammern schon.

Der Prozeß der Aufgabenerstellung

Auch die Erstellung der Prüfungsaufgaben wäre verbesserungswürdig. Während die Geheimhaltung der Aufgaben vor dem Prüfungstermin zu funktionieren scheint, muß das System der Aufgabenerstellung selbst dringend überarbeitet werden. Da die Aufgabenautoren einander nicht kennen dürfen, können sie auch keine einheitlichen Standards anwenden. Beim DIHK scheint es niemanden zu geben, der solche einheitlichen Standards zuvor festlegt. Daß infolgedessen aber in ein- und derselben Prüfung oft unterschiedliche Grundannahmen und Methoden vorkommen, sollte eigentlich nicht sein.

Fehlerhafte Prüfungen

Daß in Klausuren Fehler entstehen, liegt in der Natur der Sache. Die Anzahl der Fehler, die in Fragen und Lösungsvorschlägen von den Kammern selbst gemacht werden, ist aber viel zu hoch (drastisches Beispiel). Anscheinend fehlt eine einheitliche Qualitätskontrolle bei der Aufgabenerstellung (Beispiel dafür oder eine aus der Wikipedia geklaute Prüfung). Besonders schlimm: viele Fehler werden immer wieder neu gemacht. Die Kämmerlinge darauf aufmerksam zu machen ist form-, frist- und fruchtlos. Sie ignorieren einfach solche Kundenbeschwerden, ein Qualitätsdesaster.

Kein Marketing

Marketing ist bekanntlich nicht alles, aber ohne Marketing ist alles nichts. Das gilt auch für die Industrie- und Handelskammern, die im gewohnten Behördentrott nicht in der Lage sind, ihre Produkte auch nur ansatzweise zu promoten. Was jeder kleine Bildungsanbieter bestens beherrscht, hat sich noch nicht bis zu den Kämmerlingen herumgesprochen. Viele Personalverantwortliche kennen daher nichtmal die Kammer-Abschlüsse. Kein Wunder, daß sie sie auch nicht ihrem tatsächlichen Schwierigkeitsgrad angemessen werten.

Rufschädigung durch Geschäftemacher

Schon vor einiger Zeit haben wir vorgeschlagen, daß die Kammern ein Zertifizierungssystem für Bildungsanbieter einführen sollten, das unseriöse Geschäftemacher von der Kooperation mit den Industrie- und Handelskammern ausschließt. Wie kaum anders zu erwarten ist das bisher nicht geschehen. Vielmehr arbeiten die Kammern weiterhin mit zweifelhaften Geschäftemachern zusammen, die im Verdacht stehen, Scientologen zu sein. Es schadet auch dem Ruf des Abschlusses, wenn vorgegeben wird, man könne das höchste Kammerzertifikat in wenigen Tagen im Turbo-Gang erwerben. Solange die Kammern so etwas zulassen muß man davon ausgehen, daß nicht mit Lehrgängen, sondern mit Prüfungen Geld verdient werden soll.

Das wahre Geschäftsmodell der Kämmerlinge

Genau das ist der böse Verdacht: die Industrie- und Handelskammern sind von einem reputierlichen Bildungsanbieter zu einer reinen Prüfungsinstitution verkommen. Sollte das zutreffen, würden sich die dargestellten Qualitätsmängel zwanglos von selbst erklären: die Kammern haben kein Interesse an einer Kooperation mit sauberen Bildungsfirmen, weil durch zweifelhafte Methoden externer Bildungsanbieter mehr Leute durch die Prüfung fallen und damit mehr Geld mit Wiederholungsprüfungen verdient wird. Ich habe von Klassen gehört, die nach einem Kurzseminar geschlossen durch die Prüfung gefallen sind: sie werden erneut zu Kammerkunden – beim zweiten Versuch. Ist das das wahre Geschäftsmodell der Industrie- und Handelskammern? Wie die Personaler über so was denken, ist den Kammerstrategen offenbar gleichgültig. Sie haben ja ein staatlich garantiertes Defacto-Monopol.

Die Dienstleistungswüste bei den Kammern

Hinzu kommt, daß wir den DIHK mehrfach auf Verhältnisse aufmerksam gemacht haben, die man mindestens als Anfangsverdacht auf Korruption deuten könnte. Ob sie das überprüft haben, weiß ich nicht; schließlich müssen sie mir nichts berichten. Indizien deuten aber darauf hin, daß sie solche Hinweise nicht ernst genommen haben. Das würde das vorstehend skizzierte Bild noch verschärfen: der DIHK will sein Haus gar nicht aufräumen, und gegen vorhandenen Filz wird nicht effektiv vorgegangen. Der das bezahlt, ist der den Kammern auf dem Silberteller servierte Kunde: das typische Bild der Service-Wüste, die besonders im Zusammenhang mit staatlichen Verteilungsprozessen überall anzutreffen ist.

Das deutsche Gen

Das bringt uns zum Ergebnis dieser traurigen Analyse, nämlich zum deutschen Gen. Das Essengehen, das Nachhausegehen und das Schlafengehen liegen nämlich anscheinend eher im Genom der Kämmerlinge als das Arbeitengehen. Kollektive Verteilungssysteme haben noch nie effektiv funktioniert, und gerecht sind sie erst recht nicht – wie jeder an den diversen Zwangsversicherungen bestens sehen kann. Die Industrie- und Handelskammern machen da keine Ausnahme: in ihrer abgeschotteten Binnenwelt können sie mit staatlicher Existenzgarantie im Rücken nach Gutdünken schalten und walten, und brauchen auf die Bedürfnisse der Kunden keine Rücksicht zu nehmen.

Die Zwangsrentenversicherung ruiniert die Altersversorgung und die Zwangskrankenversicherung das Gesundheitssystem dieses Landes. Die Industrie- und Handelskammern haben jedenfalls zum Bildungssystem weniger beigetragen als sie eigentlich könnten. Das freilich ist mindestens zeitgeistig, denn Dummheit, Angst und Armut sind die primären Herrschaftsmittel unserer Tage. So könnte letztlich ein rationales Kalkül hinter dem ganzen Kammerdesaster stecken, denn ein effektives Bildungswesen macht die Menschen kompetent, urteilsfähig und eben deshalb schwerer regierbar. Das aber ist im Öko-Staat gerade nicht erwünscht.

Links zum Thema: Forum für Betriebswirtschaft | Bildungsprovinzialismus: wenn die IHK kein Englisch kann… | Fehlerzusammenfassung zur Herbstprüfung »Geprüfter Technischer Betriebswirt« | Geprüfter Technischer Betriebswirt: gravierende fachliche Fehler in Prüfung »Rechnungswesen« | Die Kämmerlinge und die Wikipedia: unbelegte Quellen in IHK-Prüfungen! | Kleiner Beschwerderatgeber für Probleme bei Prüfungen und mit Bildungsveranstaltern | Industrie- und Handelskammer: Marketing ist nicht alles… | Die Qualitätsmängel der Kämmerlinge: Vorschlag für Pflichtakkreditierung von Fortbildungsanbietern | Unseriöse Lehrgangsträger: Die »Study-Technology«-Heilsversprechen | Rechnungswesen in zwei Tagen: der Turbo-Lift zum Erfolg? | »Auffällig geworden«: wie der DIHK auf Beschwerden reagiert | Zwangsversicherung: nicht die Versorgung der Kranken, sondern die Beraubung der Gesunden… | IHK-Prüfungen: ein Reformvorschlag (interne Links)

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