»Feindliches Rot«: was widersinnige Ampelschaltungen über unsere kollektive Mentalität verraten

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Als Autor arbeite ich fast nur hier im eigenen Büro. Das ist nicht nur vorteilhaft, was die steuerliche Anerkennungsfähigkeit des Arbeitszimmers und die Abzugsfähigkeit der wenigen Fahrtkosten angeht, denn ich habe keine regelmäßige Fahrt zur Arbeit. Es schafft auch Gelegenheit, unsere kollektive Mentalität zu beobachten. Zum Beispiel, wenn ich doch mal aus dem Haus muß, etwa zu einer Redaktionskonferenz.

 

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Diese vielversprechende Besprechung findet nur ein paar Kilometer von hier statt, gut erreichbar auch mit einem Auto, das weniger wert ist als der Laptop auf dem Beifahrersitz. Also drehe ich den Zündschlüssel, freue mich darüber, daß das alte Gerät krachend zum Leben erwacht, und stürze mich ins automobile Getümmel. Dort aber erlebt man den Menschen, wie er wirklich ist.

Das erste Problem findet sich gleich vorne an der Straße. Die letzten Meter sind nämlich mit Blumenkübeln und formschönen Betonhindernissen zugestellt, um die man als Autofahrer sorgfältig abgezirkelt herumnavigieren muß. Das soll Raser abschrecken und dem Tempo-30-Schild Respekt verschaffen, erhöht aber doch die Unfallgefahr, wenn Fahrer die engen Kurven nicht kriegen, oder sich gar zwei Fahrzeuge in einer solchen Engstelle begegnen.

Endlich auf der Hauptstraße. Dort hat der Bus eingebaute Vorfahrt. Leer wie immer zieht der öffentliche Personennahverkehr auf einer Extra-Busspur mit Dauergrün an einer angestrengt wartenden Autoschlange vorbei. Nach vier langen Ampelschaltungen nehme ich endlich die Kreuzung, nur um 20 m weiter erneut zu stehen: die Fußgänger-Drückampel und die Lichtzeichenanlage auf der Kreuzung sind nicht synchronisiert, so daß ein einziger Fußgänger eine ganze Schnellstraße stoppen kann.

Etwas weiter unten, vor dem Einkaufszentrum. Die Linksabbiegerspur ins Wohngebiet hat Grün, aber da will jetzt keiner hin. Von dort kommen sie ja alle frühmorgens, und stauen sich auf den anderen Spuren. Dort gucken sich alle gegenseitig an, alle warten, nichts passiert: feindliches Rot. Keiner darf fahren. Die Straße in die Stadt hinein ist dafür gähnend leer, früh kurz vor der Arbeit könnte man dort bequem Golf spielen.

Endlich doch noch auf dem Weg in die Innenstadt: mehrere Ampeln stehen auf offener Strecke, und wer dazwischen fünfzig fährt, nimmt jede Rotphase mit. Das muß beabsichtigt sein, denn im Microsoft-Zeitalter sollte es eigentlich möglich sein, die grüne Welle zu berechnen – zumal Induktionsschleifen in der Straße dem Verkehrsleitsystem genau verraten, wo gerade wie viele Autos warten. Eine nachfragegerechte Verkehrssteuerung ist also machbar, und schließlich hat Bill Gates vor seiner kleinen Software-Bude ja auch eine Ampelanlagen-Firma betrieben. Technik, die begeistert.

Schließlich das finale Linksabbieger-Manöver auf der großen Kreuzung kurz vor dem Ziel: der Autofahrer-Dreikampf. Kuppeln, Gasgeben und ab um die Ecke. Nur drei Fahrzeuge pro Grünphase schaffen das, während die andere Richtung Dauergrün hat. Hilfe, meine Nerven! Ich glaube längst nicht mehr an Zufälle. In dieser Stadt dienen die Ampeln nicht der Lenkung des Verkehrs, sondern der gezielten Behinderung individueller Mobilität.

Das wirft natürlich die Frage nach dem Sinn der ganzen Störaktion auf, die freilich schwer zu beantworten ist. Wer nämlich dauernd wartet, verschwendet Benzin und Zeit, in jedem Fall also Geld. Das kann nicht wirklich im Interesse der Verkehrsplaner liegen. Zudem steigt die Unfallgefahr durch Straßenmöblierung und ständiges Anfahren und Bremsen an ungezählten Hindernissen. Das wissen die Stadtoberen, die dennoch an offensichtlicher Realitätsverweigerung zu leiden scheinen, denn daß man durch die gezielte Behinderung des Individualverkehrs die Menschen nicht in die öffentlichen Verkehrsmittel kriegt, kann hier jeden Morgen beobachten wer immer daraus etwas lernen will.

Vielleicht liegt das Problem viel tiefer, denn die Gewährleistung eines flüssigen Straßenverkehrs wäre Teil der staatlichen Fürsorge, die doch der hohen Steuerlast letztendlicher Grund ist. Genau gegen diese Fürsorgepflicht verstoßen aber ideologische Planbehörden, die anstatt Straßen nachfragegerecht auszubauen und mit Hilfe der Verkehrslenkung Fahrzeiten zu verkürzen, auf den ansteigenden Straßenverkehr mit immer neuen Verkehrsbehinderung und Verteuerungsmaßnahmen reagieren – etwa im Wege der City-Maut oder der sogenannten "Umweltzonen", die am Ende doch nur dazu dienen, den Menschen wieder etwas Geld aus der Tasche zu ziehen.

In Zeiten einer tiefen Wirtschaftskrise kann es aber nichts Unverantwortlicheres geben, als den Menschen zu verstehen zu geben, daß Freiheit und Mobilität scheibchenweise sterben. Dann wandern Gewerbebetriebe ab, und mit ihnen noch mehr Arbeitsplätze. Hartz IV als Endstation der kommunalen Verkehrspolitik?

Auf Knappheit noch mit zusätzlicher Verknappung zu reagieren, ist genau die falsche Mentalität. Vor dem großen Straßenbauprogramm müßte man eigentlich nur mal über nachfragegerechte Verkehrsleitsysteme nachdenken. Und über die Abschaffung von "Umweltzonen", Maut und Fahrverboten. Das würde der Wirtschaft mehr nützen als manches Rettungspaket, und was der Wirtschaft nützt, das nützt am Ende auch den Menschen. Nur hat sich das noch nicht bis zu den ideologisch verblendeten Verkehrsverhinderern durchgesprochen.

Links zum Thema: Bus und Bahn: aus dem Leben eines Nutzers öffentlicher Verkehrsmittel | City-Maut haben wir schon: Der Raubparkplatz | Feinstaub: Der neue Hebel zur Rationierung von Mobilität? | Maut-Skandal: Haftung der Mitarbeiter für ihre Vorgesetzten (interne Links)

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