Internet-Zensur: Der BWL-Bote ohne Strumpfhose

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Während seit einiger Zeit hitzig über die Sperrung von Kinderporno-Angeboten im Internet debattiert wird, ist eine ganz andere, viel schärfere Form der Internet-Zensur längst Wirklichkeit: zum Beispiel bei Billys kleiner Software-Firma aus Redmond im US-Bundesstaat Washington. Die Microsoft®-Suchmaschine live.com, die z.B. im Internet Explorer® als Standard-Suchanbieter vorkonfiguriert ist, zensiert harmlose Suchanfragen, die keinerlei Bezug zu illegalen Handlungen welcher Art auch immer haben.

Das kann überprüfen, wer bei live.com nach dem eigentlich doch eher unverdächtigen Begriff "Strumpfhose" suchen läßt. Das hier ist das wahrlich unglaubliche Ergebnis:

Internet-Zensur bei Microsoft®

Fürsorglich wie immer will Microsoft® hier offenbar den Internet-Nutzer vor möglicherweise nicht angemessenen Ergebnissen schützen, sperrt damit aber auch die nichtsexuellen Angebote der Bekleidungsindustrie aus. Und was am Schlimmsten ist: die "sexuell eindeutigen Inhalte". vor denen der Live.com-Nutzer hier so gut beschützt wird, sind nicht primär illegal. Pornographie an sich ist nicht verboten. Sie prinzipiell zu blockieren besteht also noch nichtmal ein rechtlicher Grund. Microsoft bevormundet seine Nutzer also auch hier.

Wir fragen uns, was da noch auf uns zukommt: während der BWL-Bote keinesfalls die Nutzung kinderpornographischer Angebote fördern will, demonstriert dieser krasse Zensur-Fehltritt hier doch eindrucksvoll, daß mit einer Zensurmaßnahme das Gegenteil dessen erreicht wird, was eigentlich beabsichtigt war. So werden die vom Kinderporno-Stoppschild verzierten Seiten möglicherweise erst gerade durch die Sperre interessant. Die Adressen könnten wie eine Sehenswürdigkeit herumgereicht werden, und gerade erst dadurch Leuten bekannt werden, die sie sonst nie aufgerufen hätten.

Dabei sind solche Sperren leicht zu umgehen. Wer nur halbwegs versiert ist, kommt mit einer anderen Suchmaschine in Sekunden zu seinen Strumpfhosen, oder mit einem anderen Provider an den Kinderporno-Stoppschildern vorbei. Und wer erstmal gelernt hat, damit umzugehen, findet auch ganz schnell die Software, mit der man so ziemlich jede Zensurmaßnahme umgehen kann – denn für Chinesen, Nordkoreaner und andere Nationen wird freigiebig zur Verfügung gestellt, was man jetzt im Inland fürchten muß. So könnte sich am Ende die Kinderporno-Industrie die Hände reiben über die Zensur-Desaster der Regierung.

Man kann, und das weiß man in Berlin wie auch in Washington ganz genau, die Kriminalität nicht bekämpfen, indem man den Konsumenten krimineller Produkte bekämpft, sondern deren Hersteller fängt. Man muß das Kinderporno-Übel an der Wurzel packen. Zensurmanöver wie das vorstehenden haben offensichtlich andere Zielrichtungen, denn heute darf man nicht mehr nach Strumpfhosen suchen, morgen nicht mehr nach Musikdateien und bald nicht mehr nach allen Seiten, die dem Regime nicht passen. Dann aber haben wir den Überwachungsstaat, der mit der Einführung von Personenkennziffern, Vorratsdatenspeicherung, Maut und Emissionshandel schon längst vorbereitet wird.

Am Willen der Politik, den Kinderporno-Sumpf wirklich auszutrocknen, kann man indes aus ganz anderen Gründen zweifeln…

Links zum ThemaNeue Personenkennzahlen: der Überwachungsstaat im Turbo-Gang | Maut-Skandal: Haftung der Mitarbeiter für ihre Vorgesetzten | Überwachungsstaat: ab heute ist jeder ein Verdächtiger | Michael Jackson und Daniel Cohn-Bendit, oder von den Vorrechten der politischen Kaste (interne Linkslive.com (externer Link)

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