Zinstheorie: Grundgedanken zum Opportunitätszins

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In dem Grundlagenartikel über die Zinstheorie haben wir dargestellt, daß der Kalkulationszinsfuß, der als Mindestrentabilität in der Kostenrechnung und der statischen Investitionsrechnung erscheint und als Vergleichszins in den dynamischen Verfahren, aus einem Opportunitätszins und einem allgemeinen Risikozins besteht. Besondere Risiken der Investition sind hier nicht enthalten, weil sie als kalkulatorische Wagnisse separat verrechnet werden. Es ist jedoch diskussionswürdig, was überhaupt als Opportunitätszins verwendet werden kann.

  Kapitalmarkt-Guthabenzins (Opportunitätskostensatz der Kapitalanlage)
+ Allgemeines Risiko der Unternehmenstätigkeit (Risiko, das alle Unternehmer gleichermaßen betrifft, i.d.R. Insolvenzquote)
 
 
= Mindestrentabilität (Rmin), d.h. Kalkulationszins in KLR und Investitionsrechnung

 

Der Opportunitätszins ist zunächst der Zins, der die entgangene Gelegenheit abbilden soll. Er muß der risikoärmste Zins des jeweils betrachteten Wirtschaftsraumes sein, denn sämtliche Risiken werden ja schon anderweitig dargestellt. Sie dürfen nicht doppelt verrechnet werden. Was aber ist der risikoärmste Zins?

Wir postulieren, daß dies die Hauptrefinanzierungsverzinsung der Europäischen Zentralbank ist, denn alle Risiken, denen ein Unternehmer ausgesetzt sein kann, kommen sozusagen erst danach: die Risiken des Bankenwesens, die in Zinssätzen wie LIBOR oder EURIBOR verkörpert sind, und die Risiken des allgemeinzugänglichen Kapitalmarktes, die in den Marktzinsen eingepreist sind. Daß der EZB-Hauptrefinanzierungszins dem "normalen" Unternehmer gar nicht zugänglich ist, ist also insofern völlig unerheblich. Jede Opportunität ist stets theoretisch. Der EZB-Zins bildet damit gleichsam das Systemrisiko des Euro-Wirtschaftsraumes ab. Hier aber steckt ein Problem:

Es kann nämlich als sehr fraglich betrachtet werden, ob in Zeiten der Wirtschaftskrise der EZB-Zins noch ein allgemeines Systemrisiko enthält. Die Bankenpleiten der letzten Zeit haben systembedrohende Ausmaße. Sie könnten zu einem Einsturz des Geldsystems und damit zu einem ökonomischen Desaster großen Ausmaßes führen. Die EZB müßte dies einpreisen, und die Zinsen drastisch anheben. Das aber tut sie nicht, denn niedrige Zinsen, so das allgemeine zinspolitische Konzept, erhöhen die Nachfrage und wirken damit der Krise entgegen. Während andernorts sogar schon vom Einsturz des Euro gemunkelt wird kann also festgestellt werden, daß die gesamtwirtschaftlichen Systemrisiken unterbewertet sind.

Fraglich ist aber, wie solche Risiken überhaupt in die Rechnung einbezogen werden könnten. Das setzt statistische Erfahrungen voraus, die man indes in Deutschland mit den diversen Währungsschnitten seit dem Kaiserreich sehr wohl besitzt. Fraglich ist aber, was man hieraus für die Zukunft schließen kann. Das System ist selbst interessiert, Zukunftsängste zu minimieren, um nicht aus Gerüchten und Spekulationen erst eine Systemkrise wachsen zu lassen. Schlägt indes die Wirtschaftskrise tatsächlich zu, dann könnten die Folgen weitaus schlimmer sein als die der großen Inflation von 1922/23, und ohne die damalige kalte Enteignung der Bevölkerung hätte es den Reichskanzler Hitler und den Zweiten Weltkrieg vermutlich nie gegeben.

Wir postulieren daher, daß solche katastrophalen Systemrisiken gar nicht angemessen in die Kosten- und Investitionsrechnung eingepreist werden können, mindestens mangels einer verläßlichen Bemessungsgrundlage. Es kann aber sinnvoll sein, hier über die EZB-Verzinsung hinaus zu schätzen, doch das bleibt stets mit großen Ungewißheiten behaftet. Diese Schätzung sollte indes stets für alle Unternehmen gleich sein, weil alle von einer möglicherweise kommenden großen Systemkrise gleichermaßen betroffen wären. Die Existenzrisiken bestimmter nichtzeitgeistiger Branchen, wie z.B. der Kernkraft, der Nuklear- und Gentechnik oder so mancher produzierender Industrie, sind schon wieder spezielle Risiken, die nicht in die allgemeine Kalkulationsverzinsung gehören sondern in die speziellen Wagnisse.

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Links zum ThemaInternes Rechnungswesen: Grundgedanken der Zinstheorie | Internes Rechnungswesen: Grundgedanken zur Risikodarstellung, oder der Unfug mit »Wagnis und Gewinn« (interne Links)

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