IFRS: Das Rechnungswesen, die Finanzkrise und der Reformprozeß in der Sackgasse

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Während noch die Kohl-Administration das internationale Rechnungswesen 1998 recht zögerlich für einen kleinen Kreis von Anwendern zugelassen hat, ist seit der Regierung Schröder immer mehr vom IFRS-Regelwerk die Rede, und mit ihm ein grundlegender Wandel im Handelsrecht im Gange. Der schien zu einer Vermittlung eines den tatsächlichen Verhältnissen entsprechenden Bildes im Jahresabschluß zu führen und viele überflüssige, veraltete und nicht mehr zeitgemäße Wahlrechte und Ansatzverbote im Handelsrecht abzubauen. Jetzt zeigt sich, daß diese Reform möglicherweise ein Weg in die Sackgasse war.
Denn während das Handelsrecht vorsichtsorientiert ist, und dafür eine Vielzahl stiller Reserven und überbewerteter Passiva in Kauf nimmt, ist das IFRS-Regelwerk auf true and fair view presentation gerichtet, also primär kapitalmarktorientiert. Kapitalmarktnähe aber erfordert, daß immer mehr und weitere Offenlegungen den Anteilseigner möglichst umfassend informieren: der Jahresabschluß wurde so zu einer Werbebroschüre für Aktienkäufer. Und für Börsenspekulanten. Und genau da liegt das Problem.
Wir beginnen zu erkennen, daß mit der IFRFS-Rechnungslegung Risiken nicht berichtet, sondern versteckt wurden. Stille Reserven gibt es immer noch, aber nicht mehr in der eigenen Bilanz, sondern in ABS-Transaktionen. Statt überbewerteter Passiva gibt es jetzt nach IFRS überbewertete Finanzvermögensgegenstände, und wenn diese endlich platzen, folgen Kündigungen und Insolvenzen. Wir stellen verbittert fest, daß die vorgeblich auf Informationsnutzen gerichtete IFRS-Rechnungslegung nur die Finanzwirtschaft förderte, nicht aber die produzierende Wirtschaft. Und also nicht die Menschen, die Nachfrager nützlicher Güter. Die internationale Rechnungslegung war Teil einer politischen Agenda, die den Leuten nichts nützt, aber den Spekulanten – die nunmehr ihre Fehler sozialisieren können, zu Milliardenpreisen. Kein Wunder, daß der handelsrechtliche Reformprozeß ins Stocken geraten ist.
Seit 2003 wird über die Bilanzrechtsreform gestritten, und mehreren früheren Regierungen ist diese im Rohr stecken geblieben. Es könnte zu hoffen sein, daß das im Wahljahr 2009 wieder geschieht, denn die heftigsten Geschenke der Finanz- und Wirtschaftskrise haben wir noch gar nicht ausgepackt. Mit ein wenig mehr Vorsicht und ein viel weniger Finanzspekulation hätten wir die Spekulationsblase aber verhindern und unsere Jobs und Immobilien retten können. Dafür ist es nunmehr zu spät, und die möglicherweise bevorstehende Insolvenz von General Motors, Ford und/oder anderen US-Autoriesen könnte der Funken im globalen Finanzpulverfaß werden, mit bitteren Folgen hüben wir drüben.
Das haben wir uns letztlich selbst zuzuschreiben, denn heute knirschen wir mit den Zähnen da wir seit einem Jahrzehnt den Kopf in den Sand stecken. Wir brauchen wieder den vorsichtigen, und vielleicht sogar den ehrlichen Kaufmann. Und weder Ökologismus noch Finanzspekulation, denn diese beiden nützen niemandem außer der herrschenden Clique. Nicht alles, was neu und modern ist, ist deshalb auch automatisch gut. Das lernen wir jetzt aus eigener Erfahrung. Weniger Wandel und mehr Ehrlichkeit in der Bilanzwelt wären wünschenswert, und also eine Rückkehr zu alten, handelsrechtlichen Werten. Die wurzeln in der Kaiserzeit, und doch können wir bis heute etwas auch ihnen lernen. Gerade heute!

Quelle: Dieser Beitrag wurde freundlicherweise vom Dozenten und Unternehmensberater Harry Zingel zur Verfügung gestellt. Danke dafür und weiter so.

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2 Responses

  1. Sebastian sagt:

    Sehr schöner Artikel. Ich denke, dass jetzt nach der Finanzkrise das Spekulieren weitergeht. Die Wirtschaft hat nichts gelernt. Trotzdem danke für den mahnenden Artikel.

  2. christine sagt:

    Der Artikle trifft genau meine Meinung wieder. Die Finanzkrise hat gezeigt, dass sich unser HGB bewährt hat und es auch sinnvoll ist vorsichtig zu bewerten. Ich bin froh, dass es das HGB mit BILMOG weiterhin gibt