Mindestlohn in der Bildungsbranche: der Dozent an der Mülltonne?

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Letzte Woche ebnete der Bundestag mit den Stimmen der großen Koalition den Weg für die Einführung von Mindestlöhnen für eine Reihe weiterer Branchen, in denen nach Angaben der Tarifparteien ca. vier Millionen Menschen beschäftigt sind. Während wir uns an dieser Stelle schon früher über die Mindestlohn-Problematik ausgelassen haben, ist jetzt interessant, für wen alles Lohnuntergrenzen eingeführt werden sollen: neben Bewachern und Briefträgern stehen auch die Weiterbildungsfirmen auf der Liste. Das aber läßt tief blicken.

So stehen pädagogische Mitarbeiter in Aus- und Fortbildungsmaßnahmen jetzt in einer Mindestlohn-Reihe mit Müllwerkern, Nachtwächtern und Leiharbeitnehmern. Volkes Mund tut hier wie immer Wahrheit kund: einst, so weiß ein bitterer Witz, lehrten uns die Griechen die Philosophie. Jetzt leeren sie uns die Mülltonnen. Die gesellschaftliche Bewertung der Bildung entspricht also der der Müllfahrer. So hoch schätzen wir also unsere eigene Zukunft ein. Der Dozent an der Mülltonne…

Selbst schuld!

Dabei ist der Staat am Marktpreisverfall für Dozentenhonorare weitgehend selbst schuld, denn seit den "Hartz-Reformen" erfolgt die Vergabe von Fortbildungsaufträgen an private Bildungsfirmen nach dem Vergaberecht. Hier aber muß das billigste Angebot genommen werden, ohne Rücksicht auf die Qualität. Und da, wie in vielen Dienstleistungsbranchen, die Personalkosten, und hier also die Honorare, den Löwenanteil der Kosten der Bildungsträger ausmachen, wird dort am heftigsten gespart. Stundensätze um acht Euro sind hier im Osten bei Umschulungen und Trainingsmaßnahmen schon längst keine Seltenheit mehr. Gute Dozenten sind für solche Entgelte offensichtlich nicht mehr zu bekommen: wer nur wie für Nachtwächter bezahlen will, der kriegt auch nur Nachtwächter als Dozenten. So einfach ist das…

Die Kunst der Lüge…

Nichts passiert zufällig in der Politik, nur die Öffentlichkeit wird belogen. Und das seit Merkels Bildungsgipfel täglich, denn stets wird von der Wichtigkeit der Bildung schwadroniert. Der Mindestlohn im Bildungsgewerbe beweist aber, daß genau das eine Lüge ist, denn ganz offenbar ist man nicht bereit, angemessene Entgelte zu bezahlen. Dies genau bereitet aber den Boden für einen regelrechten Sumpf unseriöser Geschäftemacher, deren mafiöse Strukturen den Bildungsmarkt längst infiltriert haben. Kein Wunder, daß das den Ruf der Weiterbildungsbranche nachhaltig beschädigt, ein Teufelskreis. Wenn wir den nicht durchbrechen, werden auch Mindestlöhne kein ausreichendes Instrument sein, und Fortbildungsmaßnahmen verkommen vollends zur Arbeitslosen-Intensivhaltung…

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Links zum ThemaMindestlohn: Totgesagte leben länger | Das faule Bienchen, oder keine Mindestleistung für Mindestlohn |»Bildungsrepublik Deutschland«: warum eine Prüfungskorrektur Monate in Anspruch nimmt | Prüfungsausschüsse: kostenlos oder umsonst? | Gibt es Titelmühlen im Bereich nichtakademischer Fortbildungen? | Bestehensquoten in IHK-Prüfungen: Nepper, Schlepper, Bauernfänger… (interne Links)

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