Zwiebelkulturen, Kulturzwiebeln oder die Globalisierung mit Gemüse

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Mit Blick auf die Globalisierung und die Internationalisierung der Wirtschaft sind kulturtheoretische Grundlagen von zunehmender Bedeutung. Das gilt um so mehr für eine exportorientierte Wirtschaft wie die deutsche. Schon immer gab es daher an den Universitäten und Fachhochschulen Seminare über interkulturelles Marketing und Management. Inzwischen sind sogar die Industrie- und Handelskammern aufgewacht und haben im Fortbildungsgang "Geprüfter Betriebswirt" kulturtheoretische Grundlagen in die Prüfung aufgenommen – wenngleich bisher noch etwas halbherzig und oberflächlich. Dennoch hat sich das als Problem herausgestellt, denn reine BWL-Dozenten können mit dem Thema meist nichts anfangen. Mir als studiertem Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler mit Auslandserfahrung in Indien und in Afrika fällt das schon viel leichter…

So geht das Wort "Kultur" zunächst auf den lateinischen Begriff colere [coluicultum] "pflegen" für ein gewohnheitsmäßiges, wiederholtes Tun zurück. Auf gesellschaftlicher Ebene kann der Begriff für eine Vielzahl von Dingen stehen, die alle Menschen gleichermaßen betreffen, und die Gegenstand kollektiven oder individuellen gewohnheitsmäßigen Tuns sind: man spricht von den sogenannten kulturellen Universalien. Hierzu gehören so verschiedene Dinge wie Erwerbsstreben, Religion, Geburt, Bildung oder der Umgang mit anderen Menschen. Da man unter Management die oberzielkonforme Beeinflussing von Sach- und Personalmitteln versteht, sind alle diese Universalien auch managementrelevant – und daher für Betriebswirte im Auslandsgeschäft interessant.

Das Lehrmaterial der Industrie- und Handelskammern beschränkt sich einstweilen auf ein einfaches Schichtenmodell, das als sogenannte "Kulturzwiebel" bekannt ist. Leider wird das ganze Themenfeld auf wenigen Seiten abgehandelt. Es ist aber zu erwarten, daß die Textbandautoren und Aufgabenlyriker das Thema in der kommenden Zeit noch ausbauen.

 

Die sogenannte »Kulturzwiebel«

Grundannahmen

Grundannahmen sind alle kulturweit universell gültigen Aussagen über die Wirklichkeit, die von den Mitgliedern des jeweiligen Kulturkreises akzeptiert und mehrheitlich oder gänzlich nicht mehr hinterfragt werden. Sie sind meist religiös begründet, selbst in scheinbar antireligiösen Gesellschaften. In dem neu publizierten Material über Kulturtheorie für Betriebswirte zeigen wir in vielfacher Weise für die einzelnen Kulturkreise, wie religiöse Grundkonzepte auch im Bereich der Wirtschaft zu Grundannahmen werden. Ihre Kenntnis ist daher für die Führungskraft unerläßlich.

Werte und Normen

Werte sind kollektive Urteile darüber, was "gut" und was "schlecht" sei. Aus ihnen werden Vorschriften für den Umgang der Menschen untereinander und mit ihrer Umwelt abgeleitet, die als Normen bezeichnet werden. Etwa sind Fleiß, harte Arbeit und Pünktlichkeit solche Werte, die hochgeschätzt werden, aber ebenso Fragen wie Ehrlichkeit und Gerechtigkeit. Auf Werten bauen Normen auf, etwa daß von jedermann Pünktlichkeit erwartet wird und unentschuldigte Unpünktlichkeit zu Sanktionen führt. Die Bildung von Werten und Normen basiert auf den zugrundeliegenden Grundannahmen.

Rituale

Rituale sind zumeist wiederholt durchgeführte kollektive Tätigkeiten. Sie sind meist von wirtschaftlicher Bedeutung (und dann für Marketing und Management interessant). Rituale können auf den Grundannahmen einer Kultur beruhen, oder auf den Werten und Normen (aber nie können Grundannahmen oder Werte und Normen auf Ritualen beruhen).

Die meisten "alten" Rituale sind ausschließlich religiös begründet. Weihnachten, Ramadan oder Pilgerfahrten sind allesamt religiöse Rituale (mit erheblicher ökonomischer Bedeutung), aber auch der Karneval ist ein Gewächs des Katholizismus. Neuere Rituale können außerreligiös begründet sein, aber dann haben sie meist eine Ursache in den zugrundeliegenden Werten und Normen. Politische Wahlen gehören ebenso zu solchen Ritualen wie Demonstrationen, Streiks oder Hauptversammlungen und die Kontrolle des Vorstandes durch einen Aufsichtsrat.

Helden

Helden sind Personifizierungen von kultureller Bedeutung. Sie stehen meist im Zusammenhang mit Mythen. Helden können reale (historische oder lebende) Personen sein oder fiktive Gestalten.

Fiktive Helden sind etwa Donald Duck, James Bond oder Asterix. Sie stehen in Zusammenhang mit geschichtlichen Ereignissen oder Epochen wie der römischen Zeit (Asterix) oder dem Kalten Krieg (James Bond) und repräsentieren kulturelle Muster (der Widerstand des Einzelnen gegen die Übermacht bei Asterix, die Macht des British Empire bei James Bond). Sie können auch als kollektive Wünsche verstanden werden, wie etwa das Streben nach persönlicher Allmacht (Superman) oder Reichtum (Donald Duck). Reale Helden aus Geschichte und Gegenwart können positive Helden sein (Mutter Theresa) oder Negativgestalten (Adolf Hitler). Sie sind meist mit einem Mythos verbunden, z.B. dem der Armut der Inder (Mutter Theresa) oder der Überlegenheit der nordischen Rasse (Hitler). Offenbar können solche Mythen positiv oder negativ sein, d.h. Hilfe für die Armen vs. Rassenwahn.

Symbole

Symbole schließlich sind die äußerlich sichtbaren Formen für "darunterliegende" Schichten der Zwiebel. Das Kreuz beispielsweise ist bekanntlich ein Symbol für das Christentum, auch wenn gedankenlose Zeitgenossen es als reines Schmuckelement verwenden. Stilepochen, Ornamente und Schmuckdetails können aber aussagekräftiger sein als es gemeinhin den Anschein hat. Beispielsweise wandelt sich die äußerliche Gestaltung von Fahrzeugen über die Jahre. In den 1950er Jahren hatten sie kleine Flügel und Flossen, die gleichwohl auf den Straßen funktionslos sind: Symbole für den Aufbruch der Zeit in die Luft und in den Weltraum. Heute sind sie eher rund und kantenlos, keineswegs nur ein Zugeständnis an den Luftwiderstand – sondern ein Symbol für den Ökologismus unserer Zeit, der das Leben aufgrund natürlicher Formen gestalten und menschliche Errungenschaften ignorieren oder "rückbauen" will.

Kulturtheorie für Betriebswirte

Diese Grundlagen haben nichts mit Rechnungswesen und Controlling zu tun, aber eine Menge mit erfolgreicher Unternehmensführung. Sie mögen im jeweils eigenen Kulturkreis eine Selbstverständlichkeit sein, müssen aber bewußt gemacht werden, wenn eine Führungstätigkeit im Ausland aufgenommen werden soll. Ich freue mich daher, auf der BWL CD ein neues Lehrmaterial "Kulturtheorie für Betriebswirte" ankündigen zu können. Das seit dem 10. Oktober verfügbare Skript geht wesentlich weiter, als der IHK-Textband zur Außenwirtschaft, und richtet sich an Aus- und Fortbildungsteilnehmer ebenso wie an betriebliche Anwender.

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Link zum ThemaVon der Unterdrückung der Frau, oder warum alte Märchen nicht sterben dürfen (interner Link)

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