Durchwursteln in der Diplomarbeit, ein lohnendes Thema

Teilen

Charles E. Lindblom beschrieb 1959 erstmals das Verhalten des "Durchwurstelns" ["Muddling through"] als minimalistisches Entscheidungsverhalten ohne Blick auf das Ganze mit der Tendenz, daß das Gesamtsystem immer komplexer, unübersichtlicher und damit immer ineffizienter wird. Das Thema ist nicht nur in der Institutionenökonomie aktueller denn je. Es kann auch zu einer guten Bewertung einer Diplomarbeit führen, wenn der Autor der Arbeit dieses Verhalten beschreibt, aber nicht selber praktiziert.

 

Artikel als MP3 anhören, gesprochen vom Autor:
 

So haben viele Entscheidungsträger Angst vor den Folgen ihrer Entscheidungen, denn sie könnten vom Wähler, vom Vorgesetzten, oder, noch schlimmer, vom Kunden abgestraft werden. Um diese Gefahr zum minimieren, werden nur kleinstmögliche Entscheidungen auf punktuellen Druck hin gefällt. Der Entscheidungsträger handelt also nur, wenn er muß. Fundamentalkritische Handlungsmuster unterbleiben, Detailverbesserungen kommen vor Gesamtrevisionen. Damit üben konfliktmächtige Gruppen wie Fluglotsengewerkschaften oder Müllfahrer überproportionalen Einfluß auf Wirtschaft und Gesellschaft aus, und das Ganze wird immer komplizierter, undurchsichtiger und ungerechter.

Die Politik ist geradezu ein Denkmal für diese Verhaltensmuster: allein am Einkommensteuergesetz haben sämtliche Nachkriegsbundesregierungen, alle Weimarer Regierungen, indirekt die DDR, Nazideutschland und letztlich noch das Kaiserreich mitgewurschtelt. Alle haben irgendwelche Änderungen durchgeführt, aber keiner hat das Große Ganze reformiert. Und jetzt weiß jeder, daß keiner mehr weiß, was eigentlich in diesem vollkommen undurchsichtigen Einkommensteuer-Gesetzeswerk nun wirklich drinsteht. Selbst Steuerberater wissen, daß sie es nicht mehr wissen. Dabei ist das einkommensteuerliche Grundprinzip eigentlich ganz einfach: die Details sind es, wo keiner mehr durchblickt. Kein Wunder, daß Gerechtigkeit was gänzlich Anderes sein muß. Kein Wunder aber auch, daß revolutionäre Entwürfe wie der von Prof. Paul Kirchhof aus dem Jahre 2005 (Tarifvergleich) ganz schnell in der Versenkung verschwinden, zu groß die Gefahr, daß zu viele Wähler ihre informellen Privilegien doch zu sehr vermissen. Kein Wurschtelpolitiker kann sowas riskieren.

Doch das Thema paßt auch gut für betriebswirtschaftliche Arbeiten, denn auch in Unternehmen ist das Verhaltensmuster des Durchwurschtelns nicht selten anzutreffen: kürzlich las ich eine Arbeit über ein Unternehmen, in dem jede Abteilung eigene datentechnische Systeme benutzt. Schon von einer Tür zur Nächsten müssen Schnittstellen programmiert und Daten angepaßt werden, Insellösungen wohin man blickt. Das ist so über Jahre gewachsen, und niemand sah sich kompetent und mutig genug, die Sache endlich mal grundlegend zu reformieren. Kein Wunder, daß der Arbeitsfluß manchmal stockt. Eine Steilvorlage an den Autor dieser Arbeit, der sogar die Rentabilität der Einführung einer unternehmensweiten Software-Infrastruktur berechnen konnte, offensichtlich ein dankbares Diplomthema.

Auch Managementsysteme haben eine entwurschtelnde Wirkung, denn Risiko- und Qualitätsmanagementsysteme erfordern eine Prozeßbeschreibung. Das zwingt mindestens bei der Einführung solcher Systeme zu fundamentalkritischem Denken und zum Überblick über das Ganze. Was offenbar ein Grund für die Unbeliebtheit solcher Systeme ist, denn jeder hat Angst, irgendwelche im Laufe der Zeit informell entstandenen Erbhöfe zu verlieren. Jeder leistet also mindestens passiven Widerstand; die Qualitätsbeauftragten aller Unternehmen dürften wissen, was ich meine. Und die beratenden Kollegen ebenso, läßt vielen Mitarbeitern doch schon das böse Wort vom Unternehmensberater das Blut in den Adern gerinnen.

Durchwursteln bringt also konkret meßbaren Nutzen, wenn man es unterläßt. Leider bringt sich damit aber auch der Autor einer Diplomarbeit bisweilen selbst in Gefahr, denn die Entwurschtelung eines Unternehmens kann auch informelle Privilegien der Führungsriege aufdecken. Und das sehen die Manager gar nicht gerne. Dieses Risiko sollte also einkalkulieren, wer grundlegend über Organisation und unternehmerisches Prozeßmanagement nachdenken will. In der Politik jedenfalls ist seit 60 Jahren keiner mehr bereit, fundamentalkritisch zu denken.

Links zum Thema: Radikale EStG-Reform: Der Entwurf von Paul Kirchhof im Wortlaut | Kirchhofs neues EStG: Vergleich mit dem EStG-Tarif 2005 | Zur Theorie der "Schweigespirale": über das Entstehen totalitärer Strukturen (interne Links)

Das könnte dich auch interessieren...