Die rote Erde: ein Beitrag zur Theorie der Opportunitätskosten

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Opportunitätskosten sind Kosten, die dadurch entstehen, daß eine ökonomische Handlungsalternative unterlassen wird, also Kosten für das Nicht-Tun. Dies beispielsweise ist die Begründung dafür, daß auch in Bargeld erworbene Vermögensgegenstände Zinskosten verursachen, denn der in dem Objekt gebundene Produktionsfaktor Kapital kann nicht anderweitig eingesetzt werden. Die Zinskosten sind Ausdruck eben dieser nicht mehr möglichen sonstigen Verwendung des gebundenen Kapitals. So weit ist das prüfungsrelevant. Wer näher hinschaut, macht indes einige erstaunliche, gleichwohl eher lehrstofferne Entdeckungen.

 

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Die Kosten des Nicht-Handelns

Die kalkulatorischen Zinskosten manifestieren nämlich die Potentialität des Kapitals, die durch die Spezifität einer bestimmten Investition auf das konkrete Sein reduziert wird. Das ist, so theoretisch es klingen mag, hochgradig alltagsrelevant. Schauen wir mal, warum.

So sitze ich hier und produziere diesen Artikel, aber ich könnte auch Fernsehen, verreisen, faulenzen oder viele andere schöne Dinge tun. Dies alles kann ich aber nicht, solange ich an diesem Beitrag arbeite. Ähnlich wie die Kapitalbindung in einem Anlagegegenstand jede anderweitige Verwendung des gebundenen Kapitals ausschließt, schließt meine gegenwärtige Arbeit jede andere möglicherweise lustbringende Betätigung aus. So wie die nicht mehr mögliche anderweitige Verwendung des Kapitals Zinskosten verursacht, so verursacht alles, was ich jetzt nicht unternehme, gleichermaßen Opportunitätskosten. Diese sind also durchaus ein Alltagsphänomen.

Das Gesetz der steigenden Opportunitätskosten

Wenn Opportunitätskosten durch Verzicht auf ein bestimmtes Tun entstehen, dann entstehen sie mit jedem möglichen aber unterlassenen Tun. Sie unterliegen damit auch einer vorhersagbaren Gesetzmäßigkeit, denn die Potentialität des Handelns steigt mit dem Lebensalter, und damit anscheinend auch die Opportunitätskosten. Ein Beispiel illustriert das: ein Neugeborenes kann nichts tun, weil es noch kein bewußtes Handeln besitzt. Es kann damit aber auch nichts unterlassen. Es hat also keine Opportunitätskosten. Schon ein Kleinkind kann sich aber entscheiden, womit es spielen möchte. Alles, wogegen es sich entscheidet, hat Verzichtscharakter, und verursacht damit Opportunitätskosten.

Im Leben muß jeder Mensch aber immer viel mehr Dinge unterlassen als tun. Also steigen auch die Opportunitätskosten, und zwar vermutlich exponentiell, denn mit Schule, Ausbildung und Beruf steigen die verpaßten Chancen an Zahl und Umfang. Niemand kann mehr als einen winzigen Teil dessen, was er könnte, auch wirklich ins Werk setzen. Jeder schleppt also einen Riesen-Apparat an kalkulatorischen Kosten lebenslang mit sich herum.

Die rote Erde

Ein weiteres Beispiel illustriert das: ich wäre mal fast Buschflieger geworden. Das ist ein Job, den man ein Leben lang nicht vergißt. Bis heute träume ich von der roten Erde Ostafrikas, und von Keosin, möglichst ohne Beimischung von Wasser. Da ich das Fliegen aber später unterlassen habe, sind diese Träume ein Ausdruck der Opportunitätskosten meines Lebens. Und sie sind nicht die einzigen Kosten des Verzichts: da man, will man Erfolg haben, die Dinge ganz oder gar nicht, aber niemals nur halb machen darf, habe ich fast alles, was ich hätte tun können, unterlassen. Und bin Autor und Dozent geworden, aber das bekanntlich mit ganzer Seele.

Das Gesetz des Hasses

Die Opportunitätskosten haben daher also die Eigenschaft, mit der Zeit und dem Lebensalter anzusteigen, weil die Dinge, die man nicht tut im Leben, ja stets mehr werden. Was aber bedeutet das für den Alltag?

Wer Kapital in eine Anlage investiert, muß die kalkulatorischen Zinsen als Opportunitätskosten der Kapitalbindung rechnen. Wer berufstätig ist, oder sich einfach nur im Leben für bestimmte Handlungsalternativen entscheidet, muß die Opportunitätskosten der unterlassenen Handlungsweisen ebenso als kalkulatorische Kosten einkalkulieren. Sie sind die Schattenpreise des Erfolgs, die Anforderung an die Selbstachtung. Und das ist eigentlich ein Alltagsgesetz: je mehr man sich anstrengt, desto mehr will man auch erreichen. Oder: der Ehrgeiz steigt mit der Zeit. Mit fünfzig hat man höhere Ziele als mit fünfzehn. Werden diese aber verfehlt, so entsteht Frustration. Frustration ist der Nicht-Ersatz der Opportunitätskosten. Der Preis des Mißerfolges.

Auf niedriger Ebene entlädt sich der Frust in der einzigen Sprache, die alle Programmierer verstehen, im Fluchen. Kommt es dicker, so entsteht ein kerniger Wutanfall. Der Straßenverkehr ist ein guter Ort, das an sich selbst und Anderen zu beobachten. Was aber passiert, wenn Menschen im Leben sehr vieles unterlassen, um eines wirklich zu erreichen, aber dieses Ziel ihnen doch trotz aller Investitionen von Zeit und Willenskraft verwehrt wird und/oder verwehrt bleibt?

Die Kostensumme als Pulverfaß

Bekanntlich ist der Aufschwung mit der Bahn gekommen, nämlich gar nicht. Besonders zu den Menschen in Ostdeutschland, die bis 1990 eine leidlich funktionierende Wirtschaft hatten, und etwas, was im Westen weitgehend unbekannt war: Solidarität. Beides wurde nach der "Wende" erfolgreich abgetrieben. Ingenieure am Pümpel und Wissenschaftler auf Hartz IV, sind hier beileibe kein seltenes Bild. Sie haben aber noch viel höhere Opportunitätskosten, denn sie haben nicht nur vieles unterlassen, um etwas zu erreichen, sondern auch das, was sie im Leben wirklich wollten, nicht erreichen können oder dürfen. Und das meist ohne eigenes Verschulden. Was hier entsteht, ist nicht einfach "nur" Frustration, sondern die Potenz des Frustes, der Haß.

So wie die Opportunitätskosten z.B. in Gestalt der kalkulatorischen Kosten für die gesamte Nutzungsdauer des Anlagegegenstandes verbleiben, besteht die zu Haß kumulierte Summe des Frustes ein Leben lang fort. Sie wird erst beim endgültigen Abschluß des Kontos gelöscht, wenn die akademische Putzfrau nie wieder kehrt. Und niemals vorher. Während der menschlichen Nutzungsdauer können Frust und Haß nur geleugnet, nicht aber überwunden werden. Sie sind ein stummes aber gefährliches Potential. Sie sind der gesellschaftliche Sprengstoff, das Pulverfaß, auf dem wir sitzen.

Ka-Wumm!!

Die solcherart aus den Opportunitätskosten akkumulierte Quantität an Haß könnte alsbald in eine neue Qualität umschlagen, oder etwas moderner ausgedrückt, eine kleine Ursache könnte das derzeit leidlich stabile gesellschaftliche System in den Chaoszustand kippen. Der sprichwörtliche Funke im Pulverfaß genügt vollkommen, und in Brüssel und in Berlin bereitet man derzeit ein wahres Feuerwerk rund um das Pulverfaß vor: Maut, Energierationierung, Personenkennziffern, Klimaschwindel, Ökoflation – all diese könnten einen Prozeß in Gang setzen, der dem Anfang vom Ende der DDR 1989 auffallend ähnelt: Auch damals haben die scheinbar geringfügigen Ereignisse [Wahlfälschung] bei der Kommunalwahl vom 7. Mai 1989 möglicherweise am Ende den Fall der Mauer ausgelöst.

Zündel, zündel!

Wir alle lieben die Stabilität, aber das nur aus Gewohnheit oder aus Feigheit. Der Wandel ist das einzig Beständige im Leben, und das Gesetz der akkumulierten Opportunitätskosten ist ein Motor gesellschaftlichen Wandels. Wir sollten nicht versuchen, das verrottende Bestehende zu wahren, sondern danach streben, unsere Ziele im Leben zu verwirklichen, und wenn es sein muß auch unter neuem Vorzeichen. Daß das ohne zentrale Planung einer neuen Lebens- und Gesellschaftsform möglich ist, haben wir 1989/90 besichtigen können. Ebenso, daß es ohne Blutvergießen vor sich gehen kann. Hoffen wir also, daß die nächste Revolution, wenn sie denn kommt, so wird wie die von 1989/90, und nicht so wie die von 1933.

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