Lohndumping: wie Arbeitsverhältnisse zum Nulltarif betrieben werden

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Es ist keine Neuigkeit, daß die Abgaben in Deutschland viel zu hoch sind. Überbordende Zwangsversicherungen und ausufernde Bürokratie verleiten zu informellen Maßnahmen der Kosteneinsparung. Die gehen aber stets zu Lasten der Arbeitnehmer. Schauen wir uns mal ein Beispiel an.

 

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Ein großes Unternehmen hier am Ort, dessen Namen wir dem Leser gleichwohl vorenthalten, braucht eine neue Verwaltungsmitarbeiterin. Ein Ausschreibungsverfahren wird durchgeführt und Bewerbungen liegen auf dem Tisch des Personalers. Dieser läßt sich die einzelnen Delinquentinnen vorführen. Unter den Bewerberinnen sind Bilanzbuchhalterinnen mit gutem IHK-Abschluß, darunter eine mit Auslandsaufenthalt in den USA, qualifizierte Leute. Die stehen hier Schlange, um bei 1.000 Euro netto zu verdienen. Für vierzig Stunden die Woche plus Überstunden. Sie wissen, wie wenig das ist, aber sie brauchen das Geld.

Geld, das der Personaler nicht hat, denn ein Blick ins Unternehmensregister deckt den katastrophalen Schulden- und Liquiditätsstand des ungenannten Arbeitgebers auf. Da kommt der Personaler auf eine glänzende Idee: er läßt die erste Mitarbeiterin probearbeiten, fünf Tage voller Einsatz. Mit Aussicht auf eine Stelle, aber für Lau. Nichtmal Fahrgeld. Nach diesen fünf Tagen tritt die zweite Bewerberin an, auch für fünf Tage. Auch für Lau. Die vorige bekommt dagegen eine Absage. Undsoweiter. Alle arbeiten, keine wird eingestellt. Die Sache läuft noch, ich kenne die Namen. Und ich weiß, daß bisher niemand einen Arbeitsvertrag in der Tasche hat, nichtmal einen Probearbeitsvertrag. Nur gearbeitet haben die Bewerberinnen schon, alle je ein paar Tage, alle unbezahlt. Für diesen Sparvorschlag hat sich der Personaler aber gewiß eine Belobigung von ganz oben verdient, und möglicherweise eine Prämie.

Der Leser mag sich wundern, warum wir hier so schweigsam hinsichtlich der Namen sind, wo wir doch auf schwarz betriebene Bildungsfirmen, Spammer und unseriöse Turbo-Lernversprechen hier immer wieder mit voller Namensnennung aufmerksam machen: ganz einfach, weil diese wenig erfreuliche Praxis kein Einzelfall ist, sondern hierzulande inzwischen eher der Regelfall. Wir haben zwar hohe Löhne und noch höhere Steuern, aber dafür immer mehr Leute, die unentgeltlich arbeiten – sei es als Ein-Euro-Arbeitsdienstler oder eben in dieser in meinen Augen noch schlimmeren Form der "Probearbeit". Saldiert man diese Nullentgeltarbeiter mit den immer weniger werdenden "vollen" Arbeitsverhältnissen, dann sind wir auch schon ein Billiglohnland. Jedenfalls hier in Ostdeutschland.

Nur ein Detail lasse ich jetzt noch raus: das ungenannte Unternehmen ist hier in der Stadt ein wohlbekanntes und hochangesehenes Unternehmen aus dem Sozialbereich…

Links zum Thema: Abgabenquote bei Arbeitnehmern | Mindestlohn: Totgesagte leben länger | Rechtsgrundlagen: was ist eigentlich ein Arbeitsverhältnis? (interne Links)

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