Der Erbsenzähler am Werk: spitzfindige Definitionen im Zahlungsbereich

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Dem Rechnungswesen wird bisweilen nachgesagt, erbsenzählerisch zu sein. Das gilt insbesondere für die zugrundeliegenden Definitionen, die nämlich nicht ohne guten Grund besonders klar voneinander abgegrenzt werden. Das ist indes kein Selbstzweck, sondern die Voraussetzung für die Ergebnisse des Rechnungswesens und damit für eine rationale Unternehmenssteuerung.

 

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Im Bereich der pagatorischen Größen, also der Ein- und Auszahlungen bzw. der Einnahmen und Ausgaben verwenden wir auf den Webseiten und der BWL CD noch wesentlich schärfer abgegrenzte Begrifflichkeiten als es manche Standardliteratur tut. Sind beispielsweise bei Wöhe die Ausgaben und die Auszahlungen mehr oder weniger dasselbe, nämlich Änderungen des Geldvermögens, grenzen wir diese Begriffe viel schärfer voneinander ab:

 

 
 
Auszahlungen
Abfluß liquider Mittel
 
Neutr. Ausz. Auszahlungsausgabe
 
Ausgabe und Auszahlung zugleich Kalk. Ausg.
 
Ausgaben
Mehrung Verbindlichkeiten oder Minderung Forderungen
 

So sind Auszahlungen Abflüsse liquider Mittel. Liquide Mittel sind Bargeld (Geldzeichen, also Münzen und Scheine mit Kurswert) und Buchgeld (Guthaben auf Sichtkonten). Ausgaben hingegen sind nur Erhöhungen der Verbindlichkeiten (Regelfall) oder Minderungen bestimmter Forderungen (Ausnahmefall – Wechselforderungen, Indossamente). Einzahlungen hingegen sind Zugänge an Bar- und Buchgeld und Einnahmen Zugänge an Forderungen. Ein paar Beispiele illustrieren dies:

Bezahlen wir einen Kauf sogleich mit Bargeld, so ist dies nur eine Auszahlung; Verbindlichkeiten sind ja nicht berührt. Zahlt uns ein Kunde sogleich etwas in Bar, so ist dies aus gleichem Grund eine Einzahlung. Geht bei uns eine Rechnung eines Lieferanten ein, so ist dies hingegen eine Ausgabe, denn die Verbindlichkeiten nehmen ja zu (aber die liquiden Mittel werden durch den Rechnungseingang gerade nicht berührt). Bezahlen wir diese Rechnung durch Überweisung, so ist dies wieder eine Auszahlung, denn liquides Buchgeld fließt ab. Ist das Konto aber im Minus, befindet sich unser Bankkonto also in unserer Bilanz auf der Passivseite, so ist dies zugleich eine Ausgabe, denn die Verbindlichkeit der Bank gegenüber steigt – eine Auszahlungsausgabe. Ähnlich ist es eine Einzahlung, wenn der Kunde uns Geld überweist, aber eine Einnahme, wenn wir ihm eine Rechnung schicken (aber noch keine liquiden Mittel erhalten haben).

Diese Spitzfindigkeiten sind nicht ohne guten Grund: sie dienen der Finanzplanung und Kapitalbedarfsrechnung (Excel). Hier sind Ausgaben nämlich die Ausweise der obligating Events, also der Verpflichtungsereignisse, die zu künftigen Auszahlungen führen. Während Auszahlungen also den Kapitalbedarf zu einem bestimmten Zeitpunkt darstellen (und Einzahlungen die entsprechende Kapitalfreisetzung repräsentieren), stellen Einnahmen und Ausgaben künftige aber bereits prognostizierbare Kapitalbedarfsgrößen bzw. Kapitalfreisetzungen dar. Und deren Saldo im Vergleich mit den wirklich verfügbaren bzw. benötigten Mitteln ist nichts anderes als die – Insolvenzprognose! Zweifellos ein Nutzwert der Erbsenzählerei…

Das vorstehend als PDF und XLS verlinkte Finanzplan-Beispiel illustriert dies: wird jeden Monat für 126 verkauft (Einnahme), werden aber nur 42 sogleich in bar vom Kunden bezahlt (Einzahlung), so entstehen am Schluß der Planperiode Forderungen. Diese Forderungen sind summierte Einnahmen, denen (noch) keine Einzahlungen gegenüberstehen. Der Beispielgründer hat also Gewinn gemacht, besitzt gleichwohl aber kaum Geld – eigentlich eine häufige Lage. Ohne Moos ist aber nix los, wer wüßte das nicht.

Es macht also Sinn, genau hinzugucken. Wie in jeder Wissenschaft braucht man dafür exakte Werkzeuge. In einer Geisteswissenschaft wie der Gesellschaftswissenschaft, und das genau ist die Betriebswirtschaft denn Betriebe und das Wirtschaften sind Phänomene der Gesellschaft, sind präzise Definitionen und konsequent fortgedachte Algorithmen aber die ersten und wichtigsten Werkzeuge. Das gilt auch hier. Daß wir Wöhe und den Rest dabei übertreffen, ist uns wohl bewußt, stellt gleichwohl kein Problem dar, oder etwa doch?

Links zum Thema: Grunddefinitionen: der Ausweis der Verbindlichkeiten im HGB und in den IFRS | Ohne Moos nix los: warum das Bankkonto nicht immer ein Aktivkonto ist | Finanzplanung und Kapitalbedarfsrechnung | Finanzplan für Excel) (interne Links)

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