Grundlagen der Bilanzierung: das Geheimnis der Bilanzpositionen

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Die Kenntnis der Bilanz ist in nahezu allen kaufmännischen Aus- und Fortbildungen grundlegend. Sich mit den einzelnen Bilanzpositionen vertraut zu machen ist daher von elementarer Prüfungswichtigkeit wo immer man auch hinguckt. Sie ahnen ja nicht wie viele Leute ich schon über grundlegende Fragen zur Bilanzierung habe scheitern sehen, und im Bereich der Bilanzanalyse machen auch die Kämmerlinge leider immer wieder vermeidbare Fehler (noch ein Beispiel). Grund genug, sich mit einem elementaren Aufgabentyp auseinanderzusetzen. Das hier sollte für keinen Prüfungsteilnehmer eine Hürde darstellen:

Sie haben als Assistent der Geschäftsleitung den Jahresabschluß vorbereitet, aber kurz vor Beendigung Ihrer Arbeit einen schweren Festplattencrash erlebt. Natürlich bestand keine Sicherungskopie, huch wie leichtsinnig. Nach dem Totalabsturz bleiben nur die folgenden Daten aus dem totalen Daten-Overkill zurück (alle Zahlen in €uro):

Gewinnvortrag 10.000   Erträge aus Aufls. von Rückstell. 5.000
Ausstehende Einlagen 10.000   Jahresüberschuß 5.000
Verbindlichkeiten aus L&L 175.000   Forderungen aus L&L 280.000
Maschinen und Anlagen 100.000   Schuldwechsel 30.000
Leasingaufwendungen für AV 20.000   Darlehensverbindlichkeiten 200.000
Betriebs- und Geschäftsausstattung 60.000   Grundstücke und Gebäude 90.000
Sonstige kurzfr. Forderungen 20.000   Sonstige kurzfr. Verbindlichk. 50.000
Kasse, Bank 30.000   Passive RAP 10.000
Aktive RAP 20.000   Aktivierte Eigenleistungen 15.000
Gezeichnetes Kapital 100.000   Erlösschmälerungen 10.000
Rücklagen 80.000   Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe 50.000

Aus diesen Daten soll eine ordnungsgemäße Bilanz aufgestellt werden, die natürlich ausgewogen zu sein hat. Weitere Daten sind nicht gegeben. Ach Du Sch…

Ein Knallkörper, wenn auch nur ein kleiner

Die Sache ist aus zwei Gründen schwierig: zum einen muß der Prüfungsteilnehmer genau wissen, welche der genannten Posten überhaupt Bilanzpositionen sind, und welche nicht – denn hinterhältigerweise wurden einige Positionen aus der Gewinn- und Verlustrechnung in die Daten gemogelt. Die müssen natürlich ausgelassen werden. Unwichtige Informationen sind also von relevanten Daten zu unterscheiden. Ferner muß der Prüfungsteilnehmer wissen, welche Posten auf die Aktivseite gehören und welche auf die Passivseite. Sicher nicht zufällig ist die vorstehende Liste selbst in einem Spaltenformat dargestellt, das an eine Bilanz erinnert – aber in die Irre führt: so stehen in der Datenaufstellung Verbindlichkeiten "links". Man darf sich dadurch nicht dazu verführen lassen, sie für Aktiva zu halten. Ja, und schließlich sind die Posten noch nach Liquidität (Aktiva) bzw. nach Fristgkeit (Passiva) zu ordnen.

Eine einfache Lösung

Hat der Prüfungsteilnehmer aber eine grundlegende Orientierung in der Bilanz, so fällt es ihm nicht schwer, die folgende Lösung zu zaubern – die zudem noch während der Prüfungsveranstaltung vom Teilnehmer selbst auf Richtigkeit kontrolliert werden kann, denn ist die ermittelte Lösung richtig, muß die Bilanz ja ausgewogen sein. Und so kann das aussehen:

Bilanz (Bruttoausweis)
Aktiva Passiva
 
Ausstehende Einlagen 10.000 EUR       Gezeichnetes Kapital 100.000 EUR
Grundstücke und Gebäude 90.000 EUR       Rücklagen 80.000 EUR
Maschinen und Anlagen 100.000 EUR       Jahresüberschuß 5.000 EUR
Betriebs- und Geschäftsausstattung 60.000 EUR       Gewinnvortrag 10.000 EUR
Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe 50.000 EUR       Darlehensverbindlichkeiten 200.000 EUR
Forderungen aus L&L 280.000 EUR       Verbindlichkeiten aus L&L 175.000 EUR
Sonstige kurzfr. Forderungen 20.000 EUR       Schuldwechsel 30.000 EUR
Kasse, Bank 30.000 EUR       Sonstige kurzfr. Verbindlichkeiten 50.000 EUR
Aktive Rechnungsabgrenzung 20.000 EUR       Passive Rechnungsabgrenzung 10.000 EUR
 
       
 
660.000 EUR 660.000 EUR

Wer so weit gekommen ist und festgestellt hat, daß die Bilanz "paßt", der entdeckt auch eine verborgene Eigenschaft dieser Aufgabe: sie hat nämlich zwei Lösungen. Die Ausgangsdaten weisen ja eine ausstehende Einlage auf. Für diese gibt es aber zwei Methoden des Ausweises, die Brutto- und die Nettomethode. Die vorstehende Lösung weist die ausstehende Einlage "offen" auf der Aktivseite aus (Bruttoausweis). Alternativ wäre aber auch eine Verrechnung mit dem gezeichneten Kapital möglich (Nettomethode). Das führt zur folgenden, geringfügig unterschiedlichen Lösung:

Bilanz (Nettoausweis)
Aktiva Passiva
 
Grundstücke und Gebäude 90.000 EUR       Gez. Kapital (nicht eingef. 10.000) 90.000 EUR
Maschinen und Anlagen 100.000 EUR       Rücklagen 80.000 EUR
Betriebs- und Geschäftsausstattung 60.000 EUR       Jahresüberschuß 5.000 EUR
Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe 50.000 EUR       Gewinnvortrag 10.000 EUR
Forderungen aus L&L 280.000 EUR       Darlehensverbindlichkeiten 200.000 EUR
Sonstige kurzfr. Forderungen 20.000 EUR       Verbindlichkeiten aus L&L 175.000 EUR
Kasse, Bank 30.000 EUR       Schuldwechsel 30.000 EUR
Aktive Rechnungsabgrenzung 20.000 EUR       Sonstige kurzfr. Verbindlichkeiten 50.000 EUR
          Passive Rechnungsabgrenzung 10.000 EUR
 
       
 
650.000 EUR 650.000 EUR

Diese Sache ist im Grunde einfach, aber dennoch scheitern viele Teilnehmer an sowas. Ich habe eine Menge Leute gesehen, die dabei absolut keinen Plan hatten – obwohl vorher Aufbau und Analyse der Bilanz in der vorangegangenen Lehrveranstaltung bis zum Erbrechen geübt worden ist. Besonders Techniker sind davon betroffen, deren Mentalität mit der kaufmännischen Vorgehensweiseinkompatibel zu sein scheint. Grund genug also, sich auf Klausuren-Knaller dieses eigentlich nicht so dicken Kalibers sorgfältig vorzubereiten…

Links zum ThemaFehler in IHK-Prüfungen: wieder mal die Bilanzanalyse | Fehler in IHK-Prüfungen: Die »2:1-Regel« | Der Techniker zwischen Barwert und Bilanz, oder die kreative Inkompatibilität der Technischen Betriebswirte | Skript zum Jahresabschluß nach HGB | Skript zur Rechnungslegung nach IAS/IFRS (interne Links)

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