Gesamtkapitalrentabilität: Warum falsche Methoden durch häufiges Nachmachen nicht richtiger werden

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Alte Lehren und falsche Ansichten verschwinden so langsam, weil nicht nur die Professoren, die sie vertreten, erfolgreich versterben müssen, sondern auch ihre Schüler. Das ist auch im Rechnungswesen so, wo oft ein Lehrbuchautor ohne Nachzudenken vom anderen abschreibt – und zwar auch die Fehler. Der BWL-Bote tut das nicht. Er hinterfragt die tradierten Lehren, und weist auf Ungereimtheiten hin.

Die Rentabilität als Kapitalproduktivität

Die Rentabilität, so weiß der kundige Klausurteilnehmer, ist das Verhältnis zwischen einer Erfolgs- und einer Bemessungsgrundlage. Sie sagt, wie hoch der Erfolg bezogen auf die Einsatzgröße war und ist ein wichtiges Maß für den wirtschaftlichen Nutzen ökonomischer Aktivitäten. Als Bemessungsgrundlage taugen der Umsatz und das Kapital. Während die Umsatzrentabilität dann zeigt, wie hoch der Erfolg pro Euro Rechnungsausgang war (dynamische Kapitalproduktivität), zeigt die Kapitalrentabilität den Erfolg des eingesetzten Produktionsfaktors "Kapital" (statische Kapitalproduktivität).

Fiese Formelfehler…

Dies kann man mit der Eigenkapitalgröße machen, doch das eingesetzte Kapital ist nicht nur das eigene, sondern das gesamte Kapital, das i.d.R. durch die Bilanzsumme verkörpert wird (aber auch hierzu gibt es schon eine Diskussion). Die meisten Leerbücher schreiben hierbei treudoof und unkritisch die folgende Formel voneinander ab:

 

 

Die traditionelle Formel

 

Diese Formel, die gleichwohl in Prüfungen vorausgesetzt wird, enthält eine grobe Ungenauigkeit und einen knalligen Fehler. Sie ist damit, in einem Wort, unbrauchbar. Schauen wir mal warum.

So ist zunächst von "Gewinn" die Rede, aber den Gewinn gibt es nicht. Ich schreibe unter das Wort in Prüfungen und Studienarbeiten immer eine Schlangenlinie (und dahinter ein fragendes Fragezeichen), denn es gibt viele Gewinnbegriffe. Da diese einander kraß widersprechen, muß man in Formeln so genau wie möglich sein. Besser wäre also:

 

 

Auch nicht viel besser

 

Auch das hier ist aber immer noch nichts weniger als falsch, und das liegt an der Addition des Fremdkapitalzinses. Der hat hier nämlich nichts zu suchen, auch nicht wenn es seit Jahrzehnten so gemacht wird, denn man soll nie etwas glauben nur weil alle es glauben oder alle es für richtig halten. Man soll alles selbst überprüfen und nur richtig finden, was man selbst durchdacht hat. So ist es auch hier. Richtig ist nämlich eigentlich:

 

 

Die richtige Version

 

Warum diese Rechenmethode richtig ist, kann man auf mehrfache Weise zeigen. Zunächst behaupten die Vertreter der Addition des Fremdkapitalzinses, dieser sei ein vorweggenommener Gewinnanteil und müsse daher durch Hinzurechnung storniert werden, denn nur so ergebe sich ein "richtiges" Bild des Faktoreinsatzes. Das ist offenbarer Quatsch, denn folgte man dieser Logik, müßte man ja auch die Mietaufwendungen addieren, weil diese sozusagen eine Art vorweggenommene Produzentenrente des Grundeigentümers wären. Geht man weiter, müßte man die Versicherungsaufwendungen als vorweggenommene Produzentenrente der Versicherungen addieren und die Kostensteuern als Vorwegrentabilität des Staates undsoweiter – kurz: der Gewinnbegriff als solcher wird durch diese Mentalität ad absurdum geführt.

Das wird auch daran deutlich, daß wer so argumentiert seine Unkenntnis der grundlegenden Definitionen demonstriert. Will man nämlich den Faktor "Kapital" wirklich bewerten, so sollte man die Zinsaufwendungen ganz aus der Rechnung ausschließen, und nur die Zinskosten einbeziehen. Dies aber ist mit einem "Gewinn" nicht zu leisten, auch nicht mit dem Jahresüberschuß – der ja bekanntlich (?) die Zinskosten ignoriert und an ihre Stelle die Zinsaufwendungen führt. Stattdessen müßte man gleich das Betriebsergebnis verwenden. Die Rechnung wäre dann:

 

 

Gesamtkapitalrentabilität mit Betriebsbergebnis

 

Nur auf diese Weise erhält man eine Aussage über den Kapitaleinsatz – und nicht durch die Addition (und damit Herausrechnung) der Fremdkapitalzinsen. Die vorstehende Formel verdeutlicht das auch noch aus einem anderen Grund: würde man hier die Zinsaufwendungen addieren, so würden Dinge miteinander verglichen, die völlig verschieden sind. Im Betriebsergebnis sind die Schuldzinsen nämlich gar nicht enthalten.

Schließlich wäre noch der Zweck der ganzen Rechnung zu betrachten: die Rentabilität ist ein Anwendungsfall der Produktivität und wird daher ja auch als Kapitalproduktivität bezeichnet. Addiert man zum Erfolgsmaß ("Gewinn") aber irgendwas hinzu, so verzerrt man gerade die Erfolgsbewertung anstatt sie, wie die Vertreter dieser Irrlehre behaupten, zu bereinigen. Die aufgrund der GuV (und damit unter Einbeziehung der Schuldzinsen) ermittelte Kapitalproduktivität eines hochverschuldeten Unternehmens ist nunmal schlechter als die eines Unternehmens mit hoher Eigenkapitalquote – und das sollte auch abgebildet werden. Wird hingegen die Rentabilität aufgrund der Daten der Kosten- und Leistungsrechnung ermittelt, also mit kalkulatorischen Zinskosten aber ohne Zinsaufwendungen (Schuldzinsen), so spielt der Verschuldungsgrad ohnehin keine Rolle (und nichts muß addiert werden). Natürlich muß man, um das einzusehen, die zugrundeliegenden Definitionen verstehen. Das ist leider selbst bei vielen Dozenten und Leerbuchschreibern nicht der Fall.

Ein Kronzeuge der Anklage

Natürlich werden mir das einige Leser nach wie vor nicht glauben. Diese aber glauben vielleicht einem Kronzeugen, nämlich dem DuPont'schen Kennzahlensystem (Excel). Auch hier werden die Fremdkapitalaufwendungen nämlich bei der Ermittlung der Gesamtkapitalrentabilität nicht hinzugerechnet:

 

 

Kennzahlensystem nach DuPont

 

Man mag theoretisch darüber streiten, ob das hier erzielte Ergebnis wirklich ein Jahresüberschuß ist (vermutlich ist es eigentlich ein Betriebsergebnis, wenn man jedenfalls die Rechnung mit Kostendaten und nicht mit GuV-Zahlen durchführt), aber ein Fremdkapitalzins darf nicht addiert werden, soll das Ergebnis mit dem Rest des Zahlenwerkes konsistent sein – quod erat demonstrandum.

»Welche Note hätten Sie denn gerne??«

Leider finden das Klausurteilnehmer nicht immer so witzig, jedenfalls nicht, wenn sie eine gute Note wollen. Dann wird von ihnen nämlich die Anwendung der traditionellen Methode erwartet – und eine richtige Rechnung wahrscheinlich als falsch korrigiert. Man mag auf denjenigen warten, der den Mut (und das Geld) für einen gewiß hochrentablen Streit durch alle Instanzen aufbringt und all diejenigen verstehen, die wenigstens in Klausuren machen, was als richtig erwartet wird, und nicht das, was tatsächlich richtig ist. In Leerveranstaltungen empfehle ich aber gnadenlose Debatten mit dem Dozenten, den ein wenig zu verwirren sein berufliches Profil gleichwohl schärfen kann. Übrigens darf die Adresse http://www.bwl-bote.de/20080406.htm dieses Artikels auch gerne als Diskussionsbeitrag (oder Widerspruchsbegründung) an die Aufgaben- oder Prüfungsausschüsse der Industrie- und Handelskammern und anderer prüfender Körperschaften geschickt werden. Auf meine Feedbacks auf dem dafür vorgesehenen Formular antworten die nämlich nicht. Mal sehen, ob sie wenigstens den Kunden antworten.

Links zum ThemaKalkulatorische Zinsrechnung: warum man das Abzugskapital nicht abziehen sollte | Der kaufmännische Gewinnbegriff: Ohne Moos nix los… | Kostenrechnung: Die häufigsten Fehler bei der Berechnung der kalkulatorischen Zinskosten |DuPont'sches Kennzahlensystem für Excel | Beliebte Kammerfehler: Die Nullrentabilität, oder wo die Kröten nicht springen | Fehler in IHK-Prüfungen: wieder mal die Bilanzanalyse | Fehler in IHK-Prüfungen: Die »2:1-Regel« | Fehler in IHK-Prüfungen: wieder eine neue Knallschote | Skript zum Jahresabschluß nach HGB | Formelsammlung der BWL (interne Links)

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