Prüfungsfragen, in die Breite und in die Tiefe

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Beim Sortiment eines Unternehmens spricht man von Breite, wenn viele verschiedene Produktarten, und von Tiefe, wenn viele Produktvarianten vertreten sind. Diese Begriffe lassen sich aber auch auf die Inhalte von Prüfungen anwenden, und sind daher für die Prüfungsstrategie von Teilnehmern der verschiedensten Prüfungen bedeutsam. Dieser kleine Beitrag basiert auf meiner langjährigen Prüfungserfahrung im Bereich Betriebswirt/IHK, kann aber auch auf viele andere Lehrgänge und Prüfungen übertragen werden.

In die Breite…

Die Breitendimension besteht bei einer Prüfung darin, daß sie das ganze Spektrum des zugrundeliegenden Stoffplanes mehr oder weniger berührt, also alle Themen, die im Unterricht behandelt wurden, irgendwie vorkommen sollten. Für den Teilnehmer bedeutet die Breitendimension, daß er möglichst keinen Themenkomplex ganz auslassen sollte; dennoch sollte aus früheren Prüfungen erforscht werden, wo die Schwerpunkte liegen. So ist im genannten Lehrgang Betriebswirt/IHK etwa in der Außenwirtschaftsprüfung das ThemaIncoterms fast immer irgendwie drangekommen; in der BWL-Prüfung des gleichen Lehrganges kamen die Kapitalwertmethode und dynamische Methoden der Investitionsrechnung sowie die Deckungsbeitrags- und Break Even Rechnung nahezu in jeder Prüfung vor. Obwohl die Breitendimension also eigentlich "alles" erfassen soll, kann man eine Art Hitliste relevanter und weniger relevanter Themen aufstellen.

…und in die Tiefe…

Die Tiefendimension hingegen besteht in "kleinen" Themen, aus denen veritable und umfangreiche Prüfungsfragen gemacht werden. Diese Strategie ist eher unfair, aber dennoch verbreitet. So sah ich kürzlich eine Prüfung, in der unter Bezug auf den Themenkomplex "Auslandszahlungsverkehr" im Rahmenstoffplan der IHK nach der Unterscheidung Geldkurs/Briefkurs gefragt wurde – sehr zweifelhaft und ganz sicher nicht besonders nett. Auslandszahlungsverkehr ist nämlich alles Mögliche – neben der Frage der Wechselkurse gehören u.a. der EU-Vertrag, der Euro, die verschiedenen Arten von Wechselkurssystemen und nicht zuletzt Systeme wie S.W.I.F.T oder TARGET (im Lexikon für Rechnungswesen und Controlling unter dem Stichwort "Zahlungssystem" behandelt") dazu. Und man könnte auch wissen, was die Abkürzungen "BIC" und "IBAN" bedeuten. Ein unscheinbarer Punkt im Rahmenstoffplan umfaßt also eine Stoffülle, die kein Dozent umfassend behandeln kann, schon auch nicht aus Zeitgründen, denn für das Außenwirtschaftsthema sind offiziell nur 100 Stunden vorgesehen.

…zum Erfolg!

Insgesamt lassen beide Strategien nur zwei Antworten zu: viel, viel Fleiß vor der Prüfung und ein bißchen aufs Glück hoffen. Während man der Breite der Prüfung jedoch noch durch entsprechend breite Kenntnisse begegnen kann, die zu erwerben man vor der Prüfung eine Chance hat, denn die Prüfung hat ihren Zweck am Abend zuvor erfüllt, kann man der Tiefendimension kaum sinnvoll mit einer entsprechenden Vorbereitung begegnen – die Tiefendimension der Prüfung ist genuin unfair. Sie führt Themen in das Prüfungsgeschehen ein, die nur noch gerade eben so vom Rahmenstoffplan gedeckt sind, und den Prüfungsteilnehmer überraschen und aus der Bahn werfen sollen – sie schütteln das Sieb. In diesem Zusammenhang wurde der Verdacht geäußert, daß sie den Zweck verfolgen, nicht zu viele Teilnehmer bestehen zu lassen, denn zu viel Erfolg senkt den Wert des durch die Prüfung erworbenen Zertifikates oder Zeugnisses – sicher eine nachvollziehbare Argumentation. Für den Kandidaten bedeutet diese Erkenntnis zunächst, daß er sich auch mental vorbereiten muß auf das, was er vor sich haben wird, und nicht nervös werden sollte, wenn er merkt, einem solchen Knaller begegnet zu sein. Vielmehr sollten die Fragen zuerst bearbeitet werden, auf die dem Prüfungsteilnehmer sogleich die Antworten einfallen, und die in die Tiefe gehenden Hauer bleiben bis zum Schluß liegen, wenn noch Zeit vorhanden ist, um die letzten Punkte zu kämpfen. Einen wirklichen Erfolgstip kann man hier aber kaum geben, denn je mehr in die Tiefe gefragt wird, desto größer ist das Risiko des Teilnehmers: jede Prüfung ist letztlich immer auch ein Glücksspiel.

Links zum Thema

Erfolgsfaktoren in schriftlichen Prüfungen | Betriebswirt/IHK: Empfehlungen zur Prüfungsvorbereitung | Überlebensstrategien für die mündliche Prüfung | Erfolgstips für Studien- und Diplomarbeiten | Break Even Rechnung: so versuchen die Prüfungslyriker Euch zu kippen! | Lexikon für Rechnungswesen und Controlling | Viele Downloads auf der Zingelseite | Die Incoterm-Poster (interne Links)

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