»Der Kammerbetriebswirt«: Hinweise zu den Prüfungen »Geprüfter Betriebswirt« nach neuer Verordnung

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Während die Technischen Betriebswirte schon seit einiger Zeit Prüfungen nach neuer Verordnung bekommen (wir berichteten), wurde im Frühjahr 2007 die erste Prüfung "Geprüfter Betriebswirt" nach neuer Verordnung geschrieben. Auch wenn bisher erst zwei Prüfungen vorliegen zeichnen sich doch möglicherweise die ersten Trends ab.

So besteht die Prüfung jetzt aus sieben Teilen: "Marketing-Management", "Bilanz- und Steuerpolitik", "Finanzwirtschaft", "Rechtliche Rahmenbedingungen", "Europäische und internationale Wirtschaftsbeziehungen" und zwei Situationsaufgaben. Die bisherigen Prüfungen "Projektmanagement", "Ökologiemanagement" und "Qualitätsmanagement" sind entfallen. Organisatorische- und Projektschwerpunkte finden sich gleichwohl in den Situationsaufgaben. Diese neue Gesamtstruktur kann man als eine willkommene Entschlackung und Modernisierung des Lehrganges sehen. Daß nach wie vor weder Material- noch Produktionswirtschaft gelehrt und geprüft werden, ist möglicherweise ein Zeichen der allgemeinen De-Industrialisierung in diesem Lande und politisch von höchster Stelle gewollt.

Die Marketing Management Prüfung ist nach wie vor strategisch orientiert, doch wurden erstmals auch Aufgaben in Richtung Marketing-Controlling gesichtet. Auch nach Projekt-Strukturplänen wurde im Marketing-Kontext gefragt. Insgesamt ist die Ausrichtung damit interdisziplinärer geworden. Das läßt es gefährlich erscheinen, schon nach dem halben Lehrgang einen Teil der Prüfung anzugehen: Dinge könnten dort vorausgesetzt werden, die noch nicht unterrichtet wurden.

Im Fach "Bilanz- und Steuerpolitik" liegt der Schwerpunkt bisher auf der Bilanzanalyse und Kennzahlenrechnung. Steuerrechtliche Detailkenntnisse sind nicht erforderlich. Das ähnelt der Herangehensweise bei den Technischen Betriebswirten. Bewertungsfragen dem Grunde und der Höhe nach werden nach HGB und IAS/IFRS gestellt. Hinsichtlich IFRS wird nur nach den Grundkonzepten gefragt, aber die sollten dem Klausurteilnehmer geläufig sein – und da steckt eine Menge Musik drin.

Im Bereich "Finanzwirtschaft" werden die klassischen Verfahren des Controllings, der Investition und Finanzierung gefragt. Erstmals wurde ein ausführlicher Finanzplan gesichtet. Der Schwerpunkt scheint eher auf Investition und Finanzierung und weniger auf Kostenrechnung zu liegen. Dort aber scheint der Kanon der "neuen" Themen aus den Textbänden ausgereizt zu werden, z.B. Prozeßkostenrechnung.

Hinsichtlich der rechtlichen Rahmenbedingungen scheint der Unterschied zu den früheren Prüfungen mE nach am kleinsten zu sein. BGB mit Vertrags- und Leistungsstörungsrecht, Arbeitsrecht und UWG sind die wichtigsten Stichworte. Dies ist freilich auch schon eine Menge Vorbereitungsarbeit wert.

Im Bereich der Außenwirtschaft entfällt eine eigentliche Englischprüfung, wie sie früher durchgeführt wurde. Allerdings gibt es jetzt Aufgaben, die komplett in Englisch gestellt werden. Antworten darf man freilich auch in Deutsch. Die Außenwirtschaft ist der einzige Bereich, der, zumindestens in den bisher vorliegenden wenigen Prüfungen, eindeutig schwerer geworden zu sein scheint. Internationales Vertragsrecht, Kassa- und Termingeschäfte, EU-Recht – und natürlich die üblichen Dokumente, die im Bereich der Außenwirtschaft üblich sind. Für alle, die bisher beruflich nichts mit dem Ausland zu tun haben, könnte dies schwerer werden – wenn der sich abzeichnende Trend bestätigt wird.

Hinzu kommen die Fallstudien, die jeweils aus einer einleitenden Fallschilderung und nachfolgenden Fragen bestehen. Hier ist bisher nichts zu rechnen gewesen, aber strategische Modelle werden im Detail abgefragt – was erfahrungsgemäß manchem schwer fällt. Auch entscheidungstheoretische Grundlagen wurden hier übrigens gesichtet, z.B. die Nutzwertanalyse. Diese aber mit Zahlen und mit Taschenrechner. Während die anderen Prüfungsteile vergleichsweise konkret sind, und der Teilnehmer sich auf ein spezielles Fach vorbereiten kann, haben die Situationsaufgaben die Eigenschaft, wirklich interdisziplinär im eigentlichen Sinne zu sein. Das bedingt ein Minenfeld von Fragen, deren Intention bisweilen schwer durchschaubar ist. Wer in Schubladen denkt, der scheitert spätestens hier.

Insgesamt habe ich den Eindruck, daß die Fachprüfung nicht schlimmer geworden ist als früher, nur anders. Mit 90-120 Minuten und fünf bis sechs Fragen pro Prüfung ist die Sache insgesamt machbar, aber der neue Stoffplan wird voll umgesetzt. Dozenten und Veranstalter müssen sich unbedingt nach den neuen Inhalten richten. Wer das verpaßt, bleibt ewig Gast – in der nächsten Prüfdungsveranstaltung, sie wissen schon. Die Entwicklung der Situationsaufgaben stellt eine Unbekannte dar, denn die hier inhärente Interdisziplinarität öffnet auch die Tür für eine Menge Überraschungen. Transferdenken und Analogieschlüsse sind hier Trumpf: wer nicht weiß, was ein "Sideletter" ist, ist aufgeschmissen, wenn er keine Schlüsse fällen kann. Wer "ROE" (Return on Equity) nicht mit der Eigenkapitalrentabilität verknüpfen kann, der läuft ebenfalls auf Grund. Knirsch.

Ach ja, es wurden also alle Unterlagen zugelassen. Mit einem fahrbaren Bücherregal aufzulaufen, wie allen Ernstes hier schon beobachtet, ist aber dennoch keine wirklich gute Idee, denn es bleibt kaum Zeit zum Nachgucken. Was man nicht im Kopf hat, findet man nicht im Datenträgerzugriff, so einfach ist das. Pflanzkübelroller unter Regalen leisten aber auch dem Nachbarn keine guten Dienste, denn fluchende, raschelnde und blätternde Leute rundherum sorgen nicht gerade für die Ruhe, die man für solche Prüfungen eigentlich braucht.

Bleibt ein Fazit: der Kammerbetriebswirt ist nach wie vor kein "richtiger" Betriebswirt. Er wird inhaltlich auf Marketing und Strategie sowie auf Rechnungswesen beschränkt. Das mag man begrüßen oder auch nicht, aber es ist keinesfalls mit dem Lehrplan von Universitäten zu vergleichen. Der Anspruch, einen Abschluß auf Master-Niveau zu bieten, ist daher meines Erachtens nach beiweitem verfehlt. Ehrlicher wäre, die Veranstaltung als Führungskräfte-Training zu verkaufen, denn das ist, was wirklich am Ende rüberkommt: wer das mit Erfolg hinter sich bringt, der kann alsdann mit seinem Controller auf Augenhöhe reden. Wenn freilich er auch über die entsprechende Digitalkompetenz verfügt. Die freilich muß aber immer noch anderweitig erworben werden, denn Geräte mit Betriebssystemen sind nach wie vor in Prüfungen verboten. Auch Vista soll übrigens dem Vernehmen nach ein Betriebssystem sein…

Links zum Thema: Die neuen Verordnungen der Kämmerlinge, oder des Kaisers neue Kleider | Neue Prüfungsverordnungen: Risiken und Nebenwirkungen… | Geprüfter Betriebswirt: neue Verordnung, neue Prüfung – neues Spiel, neues Glück | Geprüfter Betriebswirt: Hinweise zum neuen Rahmenstoffplan (interne Links) W. Bertelsmann Verlag | Die neue Betriebswirte-Verordnung im BGBl (externe Links)

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