Die brennende Bibliothek, oder warum das Internet der Bildung schadet

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Während einige einstige Science Fiction Visionen wie billige und überall verfügbare Energie oder die Besiedlung der Planeten sich bisher nicht materialisiert haben (und dies vielleicht auch gar nicht sollen, hat im virtuellen Raum die Zukunft tatsächlich begonnen: alles Wissen der Welt, die großen Bibliotheken der Nationen, werden online verfügbar. Einst verborgenes Wissen ist nur noch einen Mausklick entfernt. Nichts geschieht mehr isoliert an einem Ort sondern alles stets global und offen für alle. Doch nützt das auch der Bildung? Schauen wir mal etwas näher hin.

Ich erinnere mich noch sehr gut an meine Flüge mit der Air India: acht Stunden Verspätung, drangvolle Enge an Bord, wenig Essen – aber 30 kg Bordgepäck (!) wurden akzeptiert. Ohne Mehrkosten. So wuchtete ich Bücher, die damals nur in Indien zu bekommen waren, in meine rasch wachsende Bibliothek hier in Deutschland, damals unbezahlbar im Einzelversand per Paket. Heute aber wären solche Kofferkraftakte überflüssig, denn die alten Texte gibt es längst in ausgezeichneten Ausgaben (mit Original-Sanskrit, Interlinear-Übersetzung und Kommentaren) im Netz. Und die Bücher können aus Delhi bestellt werden. Harte Zeiten für Makler: deren Wissensvorsprung schmilzt im Netz wie Butter in der Sonne. Was aber hat uns das gebracht?

Man könnte meinen, daß die jederzeitige Verfügbarkeit von Wissen zu einem gewaltigen Fortschritt an Bildung geführt hat, doch das scheint immer mehr ein Irrtum zu sein. Nach wie vor gibt es eine Menge Schüler, die nichtmal die Prozentrechnung beherrschen, und Lehrgangsteilnehmerkommentare wie "warum diktieren Sie uns nicht einfach etwas?!" (von Erwachsenen gehört!) lassen tief in die Denk- und Lernfaulheit unserer Zeit blicken. Die Wikipedia auf vier DVD-ROMs kann dagegen anscheinend nicht helfen: man hat gewaltige Datenmengen jederzeit parat, aber nutzt sie nicht. Die reine Verfügbarkeit von Wissen nützt also offensichtlich nichts.

Mehr noch als die Unbildung in Einzelfällen offenbart sich die Denkfaulheit und Bildungsferne unserer Zeit in der Rückkehr des primitiven Aberglaubens in einer "modernen" Form. Deutsche Wissenschaftler ebneten einst den Weg zum Mond aber heute glaubt das Volk willig an Waldsterben, Ozonlöcher und Klimaschwindel und läßt sich nicht minder willig im Namen der Planetenrettung abzocken. Angst aber haben nur Unwissende – und das selbst nachdem der Klimaschwindel-Film sogar im deutschen Fernsehen lief. Noch immer hinterfragt niemand, warum man keine Wettervorhersage für drei Wochen aufstellen kann aber genau weiß, was in hundert Jahren mit dem Klima los ist, nach wie vor werden die haarigsten Öko-Legenden zu harter Währung in unserer grünen Demokratur. Der Klimaschwindel ist geradezu ein Paradebeispiel für die generelle Unbildung, denn nur ein dummes Volk ist leicht regierbar und ohne Widerstand besteuerbar. Niemand will wirklich Bildung und Kompetenz, denn dann würden zu viele unbequeme Fragen gestellt werden.

Die rasant wachsenden Datenmengen bleiben Information. Sie werden nicht zu Wissen und schon gar nicht zu Bildung, denn Bildung ist bedeutungsvolle Information. Das aber setzt voraus, Informationen einordnen und in ihrer Wechselwirkung bewerten, also verstehen zu können. Und genau das beherrscht heute kaum noch jemand, gut daran dokumentiert, daß Auswendiglerner reihenweise durch Prüfungen fallen. Sie können nicht mehr in Analogien denken, ihnen fehlen selbst bei vorhandenem Wissen das Können und das Erkennen. Das ist bequem und gleichermaßen politisch korrekt, denn zum Erfolg gibt es keinen Lift, so wenig wie zu Bildung und Erziehung. Dies ist ein steiniger und langer Weg, der mit Altsprachen und Mathematik beginnt und erst danach zu wirklicher Bildung führt. Weniger ist mehr, möchte man meinen, weniger Datenmengen, dafür mehr Tiefenanalyse, mehr Quellenstudium, mehr Lesen. Und weniger virtuelle Oberflächlichkeit und digitalen Scheinwelten.

Wir sind, so das Ergebnis der Analyse, in der Informationsgesellschaft steckengeblieben. Zur Bildungsgesellschaft kommt man aber nicht durch höhere Bandbreiten und schnellere Prozessoren, sondern durch viel Fleiß und Verzicht, also in der arbeitsscheuen Spaßgesellschaft gar nicht. Wir haben immer mehr Bücher, aber wir besitzen sie nicht mehr wirklich. Wir erwerben nur Daten, nicht mehr aber Bildung. Die digitale Bibliothek unserer Zeit brennt, aber zeitgemäß nicht in hellen Flammen, sondern auf neue, digitale Weise: überall wirbeln Informationsfetzen herum, aber sie haben ihren inneren Zusammenhang und damit ihre Bedeutung verloren. Nicht Informationen sind nutzbar, nur Bildung und Wissen sind es. Darab aber mangelt es heute mehr denn je.

Das ist, was mich nach zwanzig Jahren Dozentendasein traurig stimmt, denn der Bildungsarbeiter ist machtlos geworden. Er muß zwar keine Aktentasche mit ein paar Kopien mehr schleppen sondern hat Tausende von Büchern in der Festplatte, aber niemand will wirklich was im Kopf haben. Doch da, und nur da, sind Daten auch wirklich nützlich. Die Bildung ist physikalisch leichter doch gesellschaftlich schwerer geworden. Wir leben wieder für Brot und Spiele, wie einst im späten Rom, als Varro die Götter in Sichere und in Unsichere einteilte, die, für die es noch einen Kult gab, und die, von denen man nur noch einen Namen hatte. Nomina nuda tenemus, ein Motto unserer Zeit. Wir haben nur noch Namen und Daten, aber keine Meisterschaft mehr darüber. Mittelalterliche Denker, die nur wenige Bücher je gelesen hatten, waren uns an Bildung und Wissen beiweitem voraus. Wir aber sind, so lernen wir im Cyberspace, nicht mehr am Anfang der Zukunft, sondern am Ende der Geschichte, denn ein Volk ohne Bildung ist ein Volk ohne Identität. Wer aber seiner Geschichte und Sprache beraubt wird, wer seine Kultur freiwillig aufgibt, gibt sich selbst auf. Nichts aber kann man derzeit mehr beobachten als diesen Identitätsverlust, der ein sicheres Indiz für eine Spätzeit ist.

Links zum Thema: Wovor die Mächtigen sich wirklich fürchten | Der olle Willi, oder was die IHK besser kann als eine Universität | Wissen, Können und Erkennen, oder von der Treppe, die zum Prüfungserfolg führt | Die brüllende Heizung, oder von der Geringschätzung der Bildung | Gesellschaftliche Metatrends: von der Analyse verborgener Entwicklungen zur mittelfristigen Prognose | Notprogramm und Gegenrevolution: alternative Vorschläge zur Schulreform (interne Links)

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