IHK-Textbände: wie und warum man sie benutzen sollte

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Schon vor etwas über vier Jahren empfahlen wir an dieser Stelle eine Abschaffung der IHK-Textbände. Der DIHK ist diesem Vorschlag natürlich nicht gefolgt und ein Ende der Misere mit den IHK-Studienmaterialien ist nicht in Sicht. Immerhin ist seither eine gewisse grundlegende Verbesserung eingetreten, wenn auch immer noch in der neuen Schlechtschreibung.

So sind alle Textbände seit Inkrafttreten der neuen Prüfungsordnungen neu erschienen und bisweilen auch deutlich verbessert worden. Zugleich ist in den Prüfungen nach den neuen Verordnungen aber jetzt auch jedes gedruckte Material als Hilfsmittel zugelassen. Wofür man dann überhaupt noch die IHK-Materialien braucht, wo zu allen Themen doch umfangreiche Literaturlisten bestehen, ist nicht wirklich einsichtig. Der gegenwärtige Zustand macht daher eher den Eindruck einer halben Reform. Die grundlegende Erhöhung des Niveaus mag sich in schwereren Prüfungen artikulieren; bei der IHK-eigenen Literatur hat sie noch keinen Niederschlag gefunden.

 

 
 

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Kernproblem ist und bleibt, daß die Lehrgänge "Geprüfter Betriebswirt" und "Geprüfter Technischer Betriebswirt" auf Augenhöhe mit dem Master-Studiengang plaziert werden sollen und nur wer den hinter sich hat weiß, was das bedeutet. Nehmen wir dies ernst (und hinterfragen wir die Sinnhaftigkeit der berufsbegleitenden Master-Imitation mal nicht) dann müssen wir uns aber doch fragen, was man mit den Textbänden angesichts des Umfanges der Pflichtlektüre eines echten Master-Studienganges überhaupt noch will. Ich habe schon für das "normale" Universitätsdiplom deutlich mehr Lektüre gebraucht, und der Master fängt da erst an. Dozenten wie Teilnehmer müssen also auf jeden Fall viel weiter in die Materie einsteigen als es in dem begrenzten Raum, den die IHK-Unterlagen bieten, möglich ist. Eigentlich sind die Textbände mit den neuen Prüfungsverordnungen damit noch überflüssiger geworden als sie es bisher schon waren. Daran ändert auch nichts, daß sie sich genau nach dem Rahmenstoffplan richten.

Das aber ist das Stichwort, denn die Textbände bieten eine Übersicht über die Themen, die man kennen sollte, aber keine inhaltlich vollständige Übersicht mit ausreichend Tiefgang. Viele Dozenten verwenden sie daher nicht und es wundert auch nicht, daß sie so leicht bei den einschlägigen Internet-Auktionen zu finden sind. Dennoch sollte der Teilnehmer die Textbände kennen – als Grundlage und Voraussetzung, nicht als Ergebnis des Lehrganges. Sie sind eigentlich kein Lernmaterial, sondern ein Lernleitfaden. Sie enthalten nicht die prüfungswichtigen Inhalte, sondern nur Hinweise darauf. Das steht zwar nicht drauf, ist aber so. Wer das falsch macht, oder mit der falschen Erwartung einer inhaltlichen Vollversorgung ein paar Zentimeter Kammerliteratur an die Sache herangeht, ist frustriert und macht sich selbst was vor. Das aber ist ein gutes Rezept für Mißerfolg bei der Prüfung.

So werden viele Themen, die im Rahmenstoffplan stehen, nur mit ein paar Zeilen abgehandelt. Prozeßkostenrechnung, Geldtheorie oder Plankostenrechnung sind Themen, die bisweilen nur in einer halben Seite dargestellt werden. Das aber beschränkt die Phantasie der Aufgabenlyriker nicht, die erfahrungsgemäß dazu neigen, aus solchen Kleinigkeiten veritable 25-Punkte-Knallschoten zu zaubern. Es ist also Aufgabe der Teilnehmer wie Dozenten, viel weiter in die Themen einzudringen als es die Kammerbände für möglich halten. Das steht im Prinzip im IHK-Material auch drin, aber der Hinweis wird oft übersehen.

Wir empfehlen also den Lehrgängen, die jetzt überall in der Republik anfangen, die jeweiligen Textbände schon aus Prüfungsgründen zu bestellen, auch wenn sie jetzt nicht mehr wie einst in der Kursgebühr enthalten sind. Sie sollten aber vor dem Lehrgang durchgesehen und dann kontinuierlich um weiteres Material ergänzt werden (und nicht erst in der Nachbereitung erstmals gelesen werden). Zu jedem, wirklich jedem Punkt sollte am Ende der Lehrveranstaltung und nach allen Repetitorien irgendwas im Hauptspeicher zurückbleiben. Hierbei erschließt sich ein Thema oft erst durch die weiterführende Lektüre: hätte ich nur das IHK-Material, würde ich die Pareto-Analyse oder die Regressionsrechnung nicht verstehen. Und von Korrelationsanalyse gar nichts wissen. Auch die Anforderungen an die Dozenten sind übrigens gestiegen.

Übrigens erschließt sich mir manchmal nicht immer der inhaltliche Aufbau im Detail. Im Bereich "finanzwirtschaftliche Steuerung" im "Geprüften Betriebswirt" beschleicht mich beispielsweise immer wieder das ungute Gefühl, daß die Textbandautoren nicht wirklich wußten, was sie zu der Vorgabe des Rahmenstoffplanes schreiben sollten. Es scheint, daß Teile nur schlecht verbunden nebeneinanderstehen. Ein "roter Faden" fehlt bisweilen, ebenso übrigens wie ein Index und der sonst übliche formale Apparat. Die zugrundeliegenden Begriffe und Definitionen, auf die gerade die Prüfungen so abstellen, sucht man in den Textbänden vergeblich. Fixkosten, variable Gemeinkosten, relativer DB, Kosten vs. Aufwendungen – oftmals Fehlanzeige. Hier ist abzuwarten, wie sich das in den Prüfungen nach neuer Verordnung materialisiert. Der treue Leser wird in dieser Hinsicht nicht enttäuscht werden.

Bisweilen wurde den Kammern übrigens vorgeworfen, die Textbände nur fortzuführen, weil man mit ihnen Geld verdienen könne. Daran mag ein Fünkchen Wahrheit drangewesen sein, aber mit den Öffnungen der Prüfungen für Leute mit fahrbaren Bücherregalen stellen die Textbände sich der Konkurrenz. Sie müssen also besser werden – oder bald verschwinden, denn jetzt reicht vielfach oft der "nackte" Rahmenstoffplan. Den aber sollten die Teilnehmer spätestens mit der Lehrgangseröffnung auf dem Tisch haben. Und die Dozenten übrigens schon lange vorher…

Links zum Thema: Betriebswirt/IHK: Verbesserungsvorschlag Nr. 1: Die IHK-Textbände | Der olle Willi, oder was die IHK besser kann als eine Universität | IHK-Lehrgänge: Das Drama mit den Textbänden | Die IHK-Textbände: Warum sie schlecht sind, weshalb man sie dennoch braucht und wo man sie herkriegt (interne Links) W. Bertelsmann Verlag (externer Link)

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