Neue Prüfungsverordnungen: Risiken und Nebenwirkungen…

Teilen

 

 

Sowohl beim Geprüften Betriebswirt als auch beim Geprüften Technischen Betriebswirt gibt es seit einiger Zeit neue Prüfungsverordnungen (wie berichteten hier und hier). Inzwischen hat diese Reform auch für den Bilanzbuchhalter-Lehrgang begonnen. Zudem beobachten Teilnehmer, die alte Prüfungsaufgaben studieren, daß die Prüfungen immer schwerer werden, ein Trend, der sich durch die neuen Prüfungsverordnungen eher noch beschleunigt hat. Kein Wunder, daß dabei manchem die Nerven flattern.

So muß, wer eine solche IHK-Fortbildung beginnt in Rechnung stellen, daß jetzt mit härteren Bandagen gekämpft wird als noch vor einigen Jahren. Das ist zwar letztlich im Interesse des Teilnehmers, dessen Abschluß auf diese Weise an Wert gewinnt, aber Durchfallerquoten von 50% und mehr sind keine Seltenheit. Besonders in Fächern, die eine Mentalität zugrundelegen, die vielen Teilnehmern fremd ist – wie etwas im Rechnungswesen. Zwar sind die IHK-Fortbildungen nach wie vor kein akademisches Studium, aber davon auch nicht mehr weit entfernt. Und was an der IHK besser ist als an einer Universität, haben wir bereits anderswo dargelegt.

Dies freilich hat auch die Anforderungen an die Dozenten erhöht, sowohl in inhaltlicher als auch in beruflicher Hinsicht. So muß der Dozent sich dem neuen Rahmenstoffplan anpassen, denn die Prüfungslyriker tun das auch. So ist beispielsweise im neuen IHK-Textband "Rechnungswesen" zur Fortbildung "Geprüfter Technischer Betriebswirt" die Prozeßkostenrechnung nur mit wenigen Zeilen erläutert, und das entsprechende IHK-Material für den Geprüften Betriebswirt ist in dieser Hinsicht ähnlich schwach. Das aber dürfte die Aufgabenersteller nicht daran hindern, eine veritable Prüfungsknallschote zu diesem Thema zu zaubern. Der Dozent muß solche Fallen ahnen und entsprechendes ergänzendes Material vorhalten. Das geht nur mit viel Fleiß und viel Erfahrung, denn auch hier gibt es keinen Lift zum Erfolg. Auch der Dozent muß die Treppe benutzen.

Andererseits gibt es aber auch Risiken und Nebenwirkungen auf der menschlichen Ebene. Die wollen einkalkuliert werden. So haben Teilnehmer mit offensichtlicher Prüfungsangst mir allen Ernstes vorgeworfen, Strafkorrekturen vorzunehmen, also Leute absichtlich durchfallen zu lassen – ein offensichtlicher Unsinn bedenkt man, daß die Prüfungen anonymisiert sind. Die flatternden Nerven sind hier geradezu mit Händen zu greifen. Und: Diejenigen, die das behauptet haben, gehen aber erst in einem Jahr in die Prüfung, haben es also noch gar nicht probiert.

Das also sind die neuen Risiken und Nebenwirkungen: auf beiden Seiten des Overhead-Projektors hat der Streß zugenommen. Nicht nur Prüfungen werden schwerer, auch die Lehre wird es. Und viele Kammern und andere Veranstalter kriegen ihre Lehrgänge nicht mehr voll oder leiden unter hoher Fluktuation, was Teilnehmer enttäuscht, wenn die erwartete Fortbildungsveranstaltung dann doch platzt, oder Leute in Angst versetzt, der Kurs könne aus Mangel an Beteiligung mittendrin abgebrochen werden (was schon aus vertragsrechtlicher Sicht nicht passieren kann, gleichwohl aber befürchtet wird).

Ein ganz schlechter Rat ist es übrigens, Leute zuzulassen, die eigentlich die Zulassungsvoraussetzungen nicht erfüllen, denn in diesen Fällen ist die Erfolgswahrscheinlichkeit noch kleiner als sie ohnehin vielfach schon ist. Das aber erhöht potentiell den auf beiden Seiten zu erwartenden Streß. Leider machen manche Kammern dennoch diesen Fehler – sei es, um die Lehrgänge überhaupt beginnen zu können, oder auch, um Umsatz zu erzielen. Ein Fehler ist es meistens dennoch.

Wir befürworten die Neufassung der diversen Prüfungsverordnungen und der zugehörigen Rahmenstoffpläne ganz ausdrücklich, denn die Kammern müssen sich nicht nur an die Entwicklungen der Zeit anpassen, sondern sich auch am Aus- und Fortbildungsmarkt besser positionieren. Die mir diesem Wandlungsprozeß verbundenen Probleme dürfen aber nicht übersehen werden, von Teilnehmern so wenig wie von Dozenten.

Links zum Thema: Geprüfter Betriebswirt: neue Verordnung, neue Prüfung – neues Spiel, neues Glück | Technischer Betriebswirt: Erste Erfahrungen mit der neuen Verordnung | Bilanzbuchhalter: neue Prüfungsverordnung, aber noch kein neuer Rahmenstoffplan | Erstens kommt es anders zweitens als man denkt: warum Prüfungen immer schwerer werden | Der Techniker zwischen Barwert und Bilanz, oder die kreative Inkompatibilität der Technischen Betriebswirte | Der olle Willi, oder was die IHK besser kann als eine Universität | Anonymisierung von Prüfungen: Von der Namenlosigkeit des Opfers, oder dem Vertrauen in die Täter | Schülerleistung ist Lehrerleistung: Über die Auswertung von Klausurergebnissen (interne Links)

Das könnte dich auch interessieren...