Schwierige Prüfungsaufgaben: die Eigenkapitalrentabilität und der Ausschüttungsbeschluß

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Immer wieder haben wir an dieser Stelle auf Probleme mit IHK-Prüfungsaufgaben hingewiesen. Insbesondere kommt es im Zusammenhang mit der Bilanzanalyse immer wieder zu mindestens zweifelhaften Prüfungsfragen (Beispiel 1, Beispiel 2, Beispiel 3). Jetzt ist wieder ein Beispiel für eine schwierige Prüfungsfrage aufgetaucht: das Ding mit der Eigenkapitalrentabilität und dem Ausschüttungsbeschluß…

Betrachten wir mal eine Beispielbilanz, die eine GmbH am Schluß eines Geschäftsjahres aufstelle. Der Jahresüberschuß sei in der gleichen Rechnungsperiode 140.000 EUR und bereits zusammen mit der Gewinnrücklage in der Bilanz ausgewiesen. Steuerliche Probleme sollen nicht betrachtet werden. Die Aufgabe fragt nach der Eigenkapitalrentabilität. Wie gehen wir vor?

Beispielbilanz
Aktiva Passiva
 
Anlagevermögen 700.000 EUR       Gezeichnetes Kapital 500.000 EUR
Vorräte (RHB, Ausgangslager) 300.000 EUR       Jaresüberschuß und GewinnRL 200.000 EUR
Kurzfr. Forderungen 900.000 EUR       Langfr. Fremdkapital 800.000 EUR
Geldmittel (Kasse, Bankguthaben) 100.000 EUR       Kurzfr. Fremdkapital 500.000 EUR
 
       
 
2.000.000 EUR 2.000.000 EUR

Der Leser wird vermutlich zustimmen, daß die Eigenkapital das Verhältnis aus Gewinn und Eigenkapital sei. Das Eigenkapital ist dabei meist eine durchschnittliche Kapitalgröße, denn Eigenkapitalteile, die nicht das ganze Jahr bestanden haben, dürfen auch nicht für das ganze Jahr berücksichtigt werden:

Die allgemeine Formel

Dies erlaubt "facettenreiche" Prüfungsfragen, will heißen, Knallschoten. Zunächst kann man sich auf den Standpunkt zurückziehen, daß das Eigenkapital das ganze Jahr über nur 560 betragen habe, nämlich 500 gezeichnetes Kapital und 60 schon anfänglich bestehende Rücklagen. Die 140.000 EUR Gewinn, die die Rücklagen auf insgesamt 200.000 EUR erhöht haben, sind ja erst am Jahresende hinzugekommen und dürfen daher nicht in die Berechnung einbezogen werden. Die Lösung wäre dann:

Die allgemeine Formel im vorstehenden Beispiel

Die Aufgabe weist aber zusätzlich auf einen Ausschüttungsbeschluß hin: die Gesellschafter hätten, so ein beispielhafter Aufgabentext, eine vollumfängliche Ausschüttung des erzielten Jahresergebnisses schon beschlossen. Das ändert unser Bild, und hier wird die Sache schwierig.

Für den Ausschüttungsbeschluß ist die Gesellschafterversammlung zuständig. Sie erstellt ein Protokoll der Sitzung und einen Beleg über den Gewinnverwendungsbeschluß. Dieser ist ein Buchungsbeleg, der vom Buchhalter erfaßt werden muß. Wenn eine Ausschüttung der 140.000 EUR Jahresergebnis schon beschlossen wurde, so kann im Kontext der Aufgabe davon ausgegangen werden, daß der Buchhalter dies auch gebucht hat, und zwar mit dem Passivtausch

Gewinnrücklagen AN Verbindlichkeiten gegen Gesellschafter 140.000 EUR

Dies aber bedeutet, daß der Jahresüberschuß schon in den kurzfristigen Verbindlichkeiten der Bilanz steht. Er ist also nicht mehr Teil der Gewinnrücklage. Damit kann aber mangels anderer Erkennsnisse davon ausgegangen werden, daß nicht nur die 500.000 EUR gezeichnetes Kapital, sondern auch die 200.000 EUR Gewinnrücklage das ganze Jahr bestanden haben. Sie gehören also in den Nenner des Bruches der Rentabilitätsformel, die jetzt folgendermaßen ausschaut:

Lösung unter veränderten Annahmen

Bezieht man die Information über die Gewinmnverwendung ein, so ist dies die einzige richtige Lösung. Die Aufgabenersteller haben hier eine Falle vorbereitet, die nicht zu unterschätzen ist – besonders da in den Betriebswirte-Lehrgängen der Industrie- und Handelskammern bekanntlich die Bilanzanalyse immer ein heißes Thema ist. Es genügt also nicht, eine Formelsammlung zu verwenden, man muß sie auch richtig anwenden können. Das wird hier vorausgesetzt, geht aber leider oft schief.

Links zum Thema: Fehler in IHK-Prüfungen: wieder mal die Bilanzanalyse | Fehler in IHK-Prüfungen: Die »2:1-Regel« | Fehler in IHK-Prüfungen: wieder eine neue Knallschote | Skript zum Jahresabschluß nach HGB (interne Links)

Literatur: Zingel, Harry, "Bilanzanalyse nach HGB", Weinheim 2006, ISBN-13: 978-3-527-50251-6, Amazon.de. Auf der BWL-CD ohne Mehrkosten enthalten.

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