Die Projektarbeit als Büttenrede, oder von unfreiwilliger Komik in IHK-Prüfungsarbeiten

Teilen

 

 

Die Projektarbeiten, die IHK-Teilnehmer als Teil der Prüfung schreiben, erfüllt viele Zwecke. So sollen die zusammenhängende Darstellung eines Themas, die Ableitung konkreter Handlungsanweisungen an die Geschäftsleitung und nicht zuletzt in der Verteidigung der Arbeit vor dem Prüfungsausschuß auch die freie Rede und die Vortragstechnik geübt werden. Das ist sinnvoll, denn im mittleren Management muß man präsentieren, kommunizieren und überzeugen. Bisweilen entwickeln solche Arbeiten aber auch eine nicht immer ganz freiwillige Komik, die sie in die Nähe von Büttenreden rücken.

 

 
»Zu Gunsten der besseren Lesbarkeit habe ich auf die zusätzliche Anführung der weiblichen Formen der jeweiligen Berufsbezeichnungen sowie der weiblichen Formen der Bezeichnungen "Interessent" und "Kunde" verzichtet. Es ist jeweils ebenfalls die weibliche Form gemeint«

So gelangte kürzlich eine IHK-Projektarbeit auf meinen großen Korrekturschreibtisch, die den nebenstehend zitierten Hinweis enthielt, und zwar ernstgemeint. Ganz offensichtlich konnte sich da jemand nicht wirklich vorstellen, daß es auch weibliche Leser und Frauen als Kunden geben könne, so daß dies eigens herausgestellt werden muß. Die Sache wäre freilich noch steigerungsfähig gewesen: konsistent von "KundInnen" und "LeserInnen" zu schreiben.

Dabei ist selbst das noch nicht das Ende der Fahnenstange sprachlicher Mißgeburten: Prof. Dr. Reiner Bucheggers deutsche Übersetzung von Hal R. Varians berühmter »Intermediate Microeconomics«, die 2005 im Oldenbourg-Verlag erschienen ist (ISBN 3-486-27453-8), ist komplett in die weiblichen Form gesetzt. "Die Leserin", "die Nutzerin", "die Studentin". Männer lesen und studieren wohl gar nicht mehr, was nach der jahrzehntelangen Bevorzugung von Mädchen gerade in der Bildung freilich bald auch nicht mehr verwundert: in meinen BWL- und insbesondere Buchhalter-Seminaren bin ich bisweilen schon heute der einzige Mann. Der Hausmeister und ich. Da tränen der schönen Leserin die Augen vor Lachen, oder vielleicht auch vor weinen darüber, wie sogar Wissenschaftler sich schon dem linken Konformitätsdruck politischer Korrektheit beugen.

Mögen Wissenschaftler noch theoretische Machtkämpfe um Herrschaftsausübung durch "korrigierte Sprache" ausfechten, so wirkt das in wissenschaftlichen Werken im besten Falle komisch, im schlimmsten Falle einfach dumm. Es konterkariert die Sachaussage, denn wer ein theoretisches Modell mit betriebswirtschaftlichem Leben füllen will, sollte sich auch auf dessen Sachinhalt beschränken und keine politischen, feministischen oder wie-auch-immer gearteten politischen Nebenaspekte auf dem Umweg der sprachlichen Verunstaltung in die Arbeit hereintragen. Das wirkt peinlich und ist unangebracht. Es macht, in einem Wort, aus einer Arbeit eine Büttenrede, und zwar eine schlechte, denn gute Karnevalsvorträge sind geistreich, intelligent und schwer zu verfassen. Schwerer als Arbeiten über Kalkulation und Kostenrechnung, glaubt mir, ich habe das beides schon ausprobiert.

Wir haben, um diesbezügliche Ängste zu entschärfen, niemanden wegen solcher Hinweise (oder wegen ihres Fehlens) schlechter bewertet, und meines Wissens wurde das auch nirgendwo anders getan. BerabeiterInnen kriegen, um es kurz zu machen, keine schlechtere Note als Bearbeiter. Nicht jedenfalls in der IHK-Projektarbeit, vielleicht aber später im Leben: als Personaler würde ich mir die Zusammenarbeit mit jemand gut überlegen, der schon in der Bewerbung von "Personalleiterinnen und Personalleitern" schreibt.

Auch Art. 3 Abs. 1 GG (Gleichheit vor dem Gesetz) und das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) aus dem Sommer 2006 geben meines Erachtens nach keine Handhabe für solche sprachlichen Peinlichkeiten, denn sie enthalten Regelungen zur Gleichbehandlung vor dem Gesetz (und nicht vor der Grammatik). Niemand darf wegen Geschlecht, Sprache, Rasse, Herkunft usw. benachteiligt werden. Die Sprache so zu verwenden, wie sie nunmal ist, kann aber mE nach keine Benachteiligung darstellen. Die Gleichbehandlung, um es kurz zu machen, enthält kein Gebot, sprachliche Regeln per Paragraph neu zu erschaffen. Dies ist ebenso überflüssig wie die Schlechtschreibreform, wegen deren Anwendung aber ebenfalls niemand schlechter benotet wird.

Also, liebe Leutinnen und Leute: schreibt Büttenreden, wenn Ihr wollt, auch Prüfer lachen mal ganz gerne. Nur tut das vorsätzlich (oder lieber gar nicht). Ich habe schon mal eine Arbeit voller Witzeleien mit "Sehr gut" bewertet, denn die zwischen den Karnevalskrachern zu findenden Sachinhalte waren ebenso stimmig. Komik ist also nicht verboten, aber sie sollte gewollt sein und zum Thema passen. Der Hinweis, daß auch Frauen die Arbeit lesen könnten, ist aber nicht witzig. Er ist nur dumm und zeugt von mangelndem Nachdenken.

Links zum Thema: Hal R. Varian, »Intermediate Microeconomics«: Wie ein Verlag einen Autor kastriert (und das Studium erschwert) | Political Correctness: Wie mit »korrigierter Sprache« Herrschaft ausgeübt wird | »Zu Risiken und Nebenwirkungen…«: Mit Political Correctness aus der Krise | Hinweise für die Anfertigung von Studien- und Projektarbeiten | Sieben Zwerge: ein Märchen, zu lesen vor der nächsten Controlling-Lehrveranstaltung (interne Links)

Ähnliche Themen, die Ihnen gefallen könnten