Hühner, Gänse und Schweine, oder worum es bei der Hypothekenkrise wirklich geht

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Der Finanzzusammenbruch, den wir auf der Spatzseite schon seit langer Zeit vorhergesagt haben, zeichnet sich nunmehr auch in den Tagesnachrichten ab. Wurden wir einst noch für unsere Hypothekenprognosen verlacht, ist den Spöttern inzwischen das Lachen im Halse steckengeblieben. Dabei sagen uns die staatsgesteuerten Medien noch immer nur die halbe Wahrheit.

So wurde gestern bekannt, daß die EZB die Kleinigkeit von erst 95 Mrd. Euro und dann noch mal 61 Mrd. Euro in den Markt geschossen habe, angeblich ca. 10% der Bargeldmenge M1. An sich schon ein außergewöhnlicher Vorgang, verrät die Meldung doch nicht die Brisanz der Lage. Hierzu bedarf es einiger Grundkenntnisse in Geldtheorie, und einiger Bereitschaft zu selbständigem Denken. Beides ist nicht immer vorauszusetzen.

So sind die nunmehr zusammenbrechenden minderwertigen "Subprime"-Hypothekenforderungen der US-Banken, die durch globalisierte Finanzverflechtungen weltweit so viele andere Banken ins Taumeln bringen, ja stets langfristig, also Teil der Geldmengen M3 und M4. Dort können sie sozusagen keinen Schaden anrichten, denn ihnen stehen nach dem Grundsatz der Fristengleichheit von Bank zu Bank und von Spekulant zu Spekulant ja auch immer nur langfristige andere Geschäfte gegenüber. Das merkt man dann nicht an der Milchtheke.

Und dabei geht es nicht nur um die Hypotheken: schon 2001 liegt beispielsweise das Eigenkapital der Deutschen Bank kontinuierlich unter 4%, und hinzu kommen noch gewaltige Eventualverbindlichkeiten (IAS 37.10) – und das ist bei nahezu allen Kredithäusern so, eine volkswirtschaftliche Sprengladung erster Güte. Bisher lag die gut verpackt im Trockenen, aber das kann sich jetzt schnell ändern.

Verlieren nämlich die Teilnehmer langfristiger Spekulationsgeschäfte das Vertrauen, und genau das ist derzeit zu beobachten, dann werden sie so schnell wir möglich versuchen, ihre noch verbliebenen Gelder zu retten. Die sicherste Art, das zu tun, ist sich aus dem Geschäft zurückzuziehen, auch mit Verlust. Hierdurch werden mittel- und langfristige Gelder aus M3 und M4 zu Bar- oder kurzfristigen Buchgeldern. Sie werden realisiert. Geschieht dies plötzlich und in Panik, setzt eine Art Kettenreaktion ein. Auslöser hierfür könnte ein Bankzusammenbruch sein, den die EZB derzeit so dringend zu verhindern sucht. Gelingt ihr dies nicht, könnten plötzlich in sehr kurzer Zeit sehr viele Leute versuchen, ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen – eine Kettenreaktion. Die Buchgeldmenge würde, trotz der Verlustmitnahme, explosionsartig ins Uferlose steigen, und mit ihr die Nachfrage nach scheinbar sicheren Sachwerten, aber mit ihr nicht die Gütermenge. Das Ergebnis wäre eine Hyperinflation, gegen die die Inflation 1922/23 ein Sonntagsspaziergang wäre, die finanzpolitische Kernschmelze.

Lassen wir uns mal auf ein Gedankenspiel ein von dem ich hoffe, daß es keine Prognose sein möge: nach dem Zusammenbruch einer Bank bricht Panik los, und die Leute stehen an den Schaltern nach Bargeld Schlange. Die Scheine gehen aus, aber die Banken schreiben gerettete Spar- und Fluchtgroschen den Girokonten gut. Die sind auch nicht sicher, also wird versucht, was immer möglich zu kaufen. Die Flucht in die Sachwerte. Milch ist nach einem Tag nicht 50% teurer, sondern 50.000 mal so teuer. Die Lebensersparnisse eines Arbeitnehmers reichen nicht mehr für ein Abendessen. Der Goldpreis explodiert, ein untrüglicher Indikator – denn Gold paßt in jedes Fluchtgepäck.

Geldbesitzer sind aber nicht die Hartz-IV-Empfänger, denn denen hat man das ggfs. verbliebene Geld ja schon vorher weggenommen. Geldbesitzer sind zwar die wenigen Reichen, aber die haben auch Sachwerte. Da tut der Verlust der Konten weniger weh. Ausschließlich mit Geld in Gestalt von Spar- und Anlageverträgen abgesichert ist dagegen der Mittelstand. Was wir erleben könnten ist also eine Defacto-Enteignung des Mittelstandes: Arbeitnehmer, Unternehmer, Freiberufler verlieren ihre Spargroschen, Lebensversicherungen, Altersrenten. Ihre Existenz. Genau das hatten wir 1923 ja schon einmal, damals aber als Erbe von Versailles.

Geld aber ist das Blut der Welt, und mangels Zahlungsfähigkeit gehen Betriebe Pleite und ohne Konto kann man nichts mehr kaufen. Also setzt der Run auf Arbeitsverhältnisse und den Tauschhandel ein, aber der Wert der Arbeit geht durch Überangebot gegen null. Massenarmut bricht aus und die derzeit noch einigermaßen funktionierende soziale Absicherung bricht in wenigen Wochen zusammen. Menschen verhungern, kennen wir auch – aus den 1930er Jahren. Eine neue Weltwirtschaftskrise, diesmal aber wirklich globalisiert.

Das aber bringt uns zum erschreckenden Ergebnis dieser Analyse, denn aus der Geschichte kann man lernen, auch wenn Ewiggestrige diese Lektion mit großem Starrsinn verweigern. Die nämlich bei der großen Inflation nach dem Zwangsfrieden von Versailles ihre Sparguthaben und damit ihre Absicherung verloren haben sind auch diejenigen gewesen, die am 18.02.1943 bei Goebbels Sportpalast-Rede nach dem Totalen Krieg brüllten. Ohne Inflation, so kann mindestens vermutet werden, wäre das mit Hitler und dem Dritten Reich ganz anders gekommen. Wir aber wiederholen gegenwärtig den gleichen Fehler wie damals, wenngleich aus anderem Grunde.

Das ist, worum es wirklich geht: nicht der gleichsam abstrakte Zusammenbruch irgendwelcher US-Hypothekenbanken ist Gegenstand der Nachrichten, sondern das Ende der (in Mitteleuropa) seit 1945 andauernden Friedensphase. Wir reden nicht wirklich über Geld, sondern über den Dritten Weltkrieg. Es geht nicht um Zwangsversteigerungen und Insolvenzen, also private Katastrophen Einzelner, sondern um die Gefahr eines globalisierten Krieges, der diesmal wirklich ein Weltkrieg wäre, denn Banken sind heute grenzenlos untereinander verknüpft. Stürzt ein Kreditinstitut ein, folgen alle anderen, und das wäre der finanzielle Overkill. Armut, Anarchie – die Straßen des Libanon wären ein Ruheraum im Vergleich zu dem, was hier droht. Kein Wunder also, daß die hohen Herren auf den Direktorensesseln der EZB derzeit wie Espenlaub zittern. Sie haben allen Grund dazu, und wir mit ihnen.

Eine gute Vorsorge besteht nicht mehr in Sparbüchern und Festgeldanlagen, und das nicht nur wegen der Abgeltungsteuer. Sie besteht in Hühnern, Gänsen, Enten und Schweinen, im Garten zwischen der Kartoffelplantage und dem Gemüsebeet zu halten. Wenn Bund, EU und die EZB den inzwischen sogar für Fernsehzuschauer sichtbar drohenden Zusammenbruch nicht mehr abwenden können, werden bald all die Hunger leiden, die sich solch gute Dinge mangels Garten oder mangels Tauschobjekten nicht leisten können.

Links zum Thema: Kapitalmarkt-Magie: Das Wertpapier ohne Rückwärtsgang, oder wie Verluste nachhaltig verhindert werden | Wo es rückwärts vorwärts geht: über Produktivität, Knappheit und Herrschaft | Unternehmensteuerreform 2008: wie Kleinanleger abgezockt werden (interne Links)

[Update 12.08.]: Die Medien berichten, daß der US-Hypothekenfinanzierer HomeBanc mit Schulden i.H.v. 5,9 Mrd. US-Dollar und einem Vermögen von nur 5,1 Mrd. Dollar pleite sei (Überschuldung). Zu den Gläubigern gehört u.a. die Deutsche Bank. Die Höhe der Ausreichungen an HomeBanc ist aus der Bilanz 2006 der Deutschen Bank nicht ersichtlich, wohl aber die Eigenkapitalquote der Deutschen Bank: ganze 2,91%.

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