Leading und Lagging, oder nur ungern nimmt der Handelsmann…

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…statt baarem Gelde Stuhlgang an: Der Zeitpunkt, zu dem eine Zahlung geleistet wird, kann zur Steuerung von Fremdwährungsgewinnen verwendet werden. Durch besonders frühe Zahlung ("Leading") oder Zahlungsverzögerung ("Lagging") lassen sich Wechselkurse ausnutzen. Das gilt besonders im Konzernrechnungswesen, wo solche Terminstrategien sich in der Konzernbilanz ohnehin ausnullen. In Prüfungen zu IHK-Lehrgängen, in denen das Konzernrechnungswesen mit keiner Zeile im Rahmenstoffplan vorkommt, ist eine Frage danach gleichwohl wenig fair, auch wenn es nur um sechs Punkte geht.

Schauen wir uns das mal an einem Beispiel an: die Deutsche Linearmotoren AG erhalte eine Bestellung der chinesischen Eisenbahnen über Motoren für neue chinesische Transrapid-Fahrzeuge für die Strecke von Peking über Hangzhou nach Shanghai. Fakturiert wird wie international üblich in US-Dollar. Steigt der Dollarkurs relativ zum Yuan Renminbi, so kann der chinesische Geldschuldner durch frühestmögliche Zahlung ("Leading") einen Wechselkursverlust verhindern. Sinkt der Kurs, so wird er aus gleichem Grund so spät wie möglich zahlen ("Lagging").

Das ist zunächst nicht nur trivial, sondern auch stark beschränkt, denn zu lange Verzögerungen werden dem deutschen Lieferanten nicht schmecken. Anders wird das erst, wenn die Chinesen sich erfolgreich in Mehrheitsbesitz an der Deutschen Linearmotoren AG gebracht haben. Diese wird also zu einer Konzerntochter der chinesischen Staatsbahnen. Die deutsche Forderung und die chinesische Verbindlichkeit bestehen jetzt nur noch auf der Ebene der Einzelgesellschaften, nicht mehr aber im Konzernabschluß. Dort nämlich sind sie herauszurechnen (IAS 27.24). Spätere oder frühere Zahlungen wirken sich also nicht mehr aus. Sie werden damit zu einem flexiblen Währungsmanagementinstrument, insbesondere dann, wenn Termingeschäfte zur Absicherung der Währungsrisiken nicht möglich oder nicht erwünscht sind.

Noch häufiger ist dieses Instrument, wenn zwei Geschäftspartner einander wechselseitig Zahlungen schulden, also beispielsweise die Chinesen den Deutschen Geld für die Transrapid-Motoren schulden, die Deutschen hingegen nach Schließung aller Zechen im Ruhrgebiet (um im zeitgemäßen Beispiel zu bleiben) den Chinesen für Steinkohlelieferungen Geld zahlen müssen. Hier könnten die gegenseitigen Schulden einfach aufgerechnet werden, aber dies geschieht wiederum durch Dollarwerte – und ist wiederum Gegenstand wechselkurspolitischen Terminkalküls.

Die Sache ist im Rechnungswesen interessant, z.B. hinsichtlich IAS 27 (Konzernrechnungslegung) oder im Rahmen von IAS 21 (Währungsbuchführung). Natürlich ist das auch eine konzernstrategische Frage, denn durch geschickt gewählte weltweit tätige Verrechnungsmodelle können Konzerne immer verdienen, ganz gleich, ob der Dollar gerade steigt oder fällt – und zugleich noch vor der Besteuerung in Hochsteuergebieten flüchten, denn nur ungern nimmt der Handelsmann statt baarem Gelde Stuhlgang an. Das aber gilt auch für IHK-Teilnehmer, die nach alter (!) Verordnung die Prüfung "Betriebswirt/IHK" absolvieren: dort nämlich stehen weder IFRS/IAS noch das Konzernrechnungswesen im Rahmenstoffplan. Dafür aber stand eine Frage nach Leading und Lagging am Ende der Prüfung vom 6. Juni 2007. Sogar ich mußte erstmal ein wenig googeln bis ich es wirklich wußte; ob ich das aus dem Stand hätte richtig beantworten können, weiß ich nicht. Und ich kenne die Kammerbetriebswirte-Prüfung seit ihren Anfängen. Wenig fair, finde ich, aber gleichwohl nicht neu in solchen Prüfungen…

Link zum Thema: Skript zu IAS/IFRS (interner Link)

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