Der frühe Gockel, oder was ein »Technischer Betriebswirt« wert ist

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Während heute am Himmelfahrtstag kaum noch wer Jesu Aufstieg zum Vater feiert, dafür aber Horden mehr oder weniger betrunkener Väter von Kneipe zu Kneipe ziehen, bevorzugt der BWL-Bote eher Wein, Weib und Gesang (in der Reihenfolge) als Bier, Mann und Gegröhle (in jeglicher Anordnung). Das sind gute Rahmenbedingungen, sich den Kopf der heute möglicherweise nicht immer voll einsatzfähigen Technischen Betriebswirte über Karrierestrategien und den Wert des Abschlusses an sich zu zerbrechen, denn diese Debatte taucht kürzlich im Forum auf. Was also ist ein TBW-Abschluß am Arbeitsmarkt wert?

Die Bewertung eines Abschlußzeugnisses ist eine Markteinschätzung, wie die jedes immateriellen Wirtschaftsgutes. Hier fällt auf, daß einige Personalverantwortliche die IHK eher abwertend betrachten ("IHK-Niveau"), andere aber zunehmend mit Anerkennung davon sprechen, was in diesen Prüfungen alles verlangt wird. Meiner Beobachtung nach sind Negativurteile eher über Erstausbildungen zu hören und eher von Leuten, die keine IHK-Prüfung selbst bewältigt haben. Wer eine Kammerprüfung selbst überstanden hat, insbesondere eine Fortbildungsprüfung wie Bilanzbuchhalter, Geprüfter Betriebswirt/IHK oder Geprüfter Technischer Betriebswirt der weiß, wie heftig das sein kann. Die Neufassung der diversen Prüfungsordnungen, denen im kommenden Jahr die Bilanzbuchhalter folgen sollen, könnte eine gezielte Strategie der IHK zu Erhöhung des Marktwertes ihrer Zertifikate sein.

In einem Arbeitsverhältnis, also im Rahmen eines Gefolgschaftsverhältnisses, hängt der eigene Erfolg stets auch vom Nutzen für andere ab. Doch nicht nur Politiker wollen die Menschen dumm und arm halten, auch Arbeitgeber versuchen dies mit ihren Arbeitnehmern. Sie wünschen daher keine Fortbildung ihrer Mitarbeiter, weil dies zusätzliche Lohnforderungen begründen und die eigene (oftmals dünne) Kompetenz bedrohen kann. Wer seinen Abschluß u.U. sogar gegen den Willen des Arbeitgebers gemacht hat, sollte sich hernach möglichst einen anderen Arbeitgeber suchen. Das ist jetzt ja angeblich nicht mehr so schwierig – falls der Aufschwung nicht doch mit der Bahn kommt.

Nicht unwichtig sind natürlich auch die eigenen Defacto-Qualifikationen, denn Papiere dienen oft nur der Risikoabsicherung des Personalers. Der macht alles richtig, und schützt damit seinen eigenen Schreibtisch, wenn ein eine Stelle mit der Person besetzt, die die formal richtigen Dokumente auf den Tisch legen kann. Ob der dann aber auch wirklich der Richtige ist, zeigt sich oft erst nach einer Weile – wenn beispielsweise gerade die gesuchten Fähigkeiten geboten werden. Traditionell erhöht sich der Marktwert eines Kaufmannes durch technische Fähigkeiten und eines Technikers durch kaufmännische Kompetenz, denn beides ist noch immer weithin geschieden. Aber da immer mehr Abläufe digitalisiert werden sollte der angehende Absolvent sich frühzeitig um Digitalkompetenz bemühen, denn daran mangelt es auch zu Zeiten von Windoofs Vista noch immer vielerorts. Wer jedenfalls schon in der Studienarbeit solche Fehler macht und auch mit Datenbanksystemen und Programmiersprachen keine kaufmännischen Probleme abbilden kann, verbaut sich lukrative Betätigungsfelder im Dunstkreis von Microsoft® Navision® oder SAP® R/3.

Schließlich sind, auch das sollte man anmerken, IHK-Abschlüsse kaum etwas für Selbständige, denn die müssen Dinge können aber meist nicht dokumentieren. Mein eigenes Universitätsdiplom aus dem Jahre des Heils 1988 ruht sanft im Frieden einer dunklen Ledermappe, aus der es nie entsteigt, weil keiner die eigentlich ausgezeichneten Noten darauf sehen will, denn ich habe viele Verhältnisse aber kein Arbeitsrechtsverhältnis. Ich muß als Selbständiger nichts beweisen. Dafür bin ich (als freier Dozent) der, derfristlos fliegt, wenn meine Verkäufertruppe keine Lust hat, die Prozentrechnung zu lernen.

Natürlich kann man zur Abwechslung auch mal versuchen, positiv zu denken. Das ist in der Ökodiktatur gerade für Techniker gewiß nicht einfach, besteht aber auch für diese im Schreiben von Initiativbewerbungen möglichst schon vor Erreichen des begehrten Beleges erfolgreichen Lernens, denn man kann auf diese Weise seinen eigenen Marktwert testen – und bei Erfolg den bisherigen Arbeitgeber unter Druck setzen. Es wird ja immer wieder behauptet, daß das jetzt besser als früher gehe, aber es erfordert in aller Regel eines: Mobilität. In einer globalisierten Wirtschaft wird gerade von Technikern geographische Beweglichkeit verlangt: Dubai würde kaum ohne deutsche Techniker funktionieren, und zwischen Shanghai und Pudong gäbe es keinen Transrapid. Wer also bereit ist dahin zu gehen, wo Genehmigungsverfahren deutlich weniger als 24 Jahre dauern, der endet also nicht in Stuttgart Obrigheim, und überhaupt nicht in Deutschland, wohl aber u.U. in der Kerntechnik, die nämlich im Rest der Welt überall ausgebaut wird. Wer aber durch Haus und Hof am Ort gebunden ist, verringert seinen Marktwert drastisch. Jedenfalls im Arbeitsverhältnis.

"Der frühe Gockel", so (oder so ähnlich) weiß ein altes Sprichwort, "kriegt den Sex". Das gilt auch für IHK-Abschlüsse, denn an sich sind die gar nix wert. Sie haben nur einen Marktwert, und wenn der Markt nix (mehr) wert ist, dann kommt der Kammerpreisträger eben zu einem wertvolleren Markt. Bayern oder Beijing, Bonn oder Bombay – wer das kann, der macht was draus. Wer es nicht kann, der bleibt und schreibt. So einfach ist das: Wettbewerb endet nicht mit dem Zertifikat, sondern beginnt da erst. Selbst im ordnungsgemäß betonierten deutschen Arbeitsmarkt…

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