Die brüllende Heizung, oder von der Geringschätzung der Bildung

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Während die Lippenbekenntnisse der Politik so scheinen als hätte man die Bedeutung von Bildung und Qualifikation für Wirtschaft und Gesellschaft endlich erkannt, sprechen die Taten der Verantwortlichen eine andere Sprache. Mittelkürzungen und bisweilen nachgerade lächerliche Honorarangebote von wahrlich üppigen vier bis fünf Euro pro Stunde (!) für den Dozenten bei mancher privaten Bildungsfirma sind mit jedem Qualitätsanspruch offensichtlich unvereinbar. Aber auch der äußerliche Rahmen stimmt oft nicht. Schauen wir mal etwas näher hin:

Alle diese Bilder wurden in dem Gebäude aufgenommen, in dem eine bekannte öffentliche Institution einer deutschen Landeshauptstadt Räume für einen Lehrgang "Geprüfter Technischer Betriebswirt" angemietet hat (für einen, wie mir bekannt ist, nicht geringen Preis). Anscheinend seit wilden Wendetagen unsaniert bereiten sich hier die Teilnehmer auf eine der anspruchvollsten Prüfungen vor, die die Kämmerlinge zu bieten haben:

 

Abgebrochene Fensterhebel: Lüften unmöglich!   Der wohnlich eingerichtete Pausenraum   Drangvolle Enge: viel zu kleine Klassenzimmer

Das aber wird nicht gerade durch die Rahmenbedingungen erleichtert, denn während sich draußen im schönsten Frühsommer unzählige Singvögel brüllend austoben, brüllt drinnen nur die Heizung. Und die kann man trotz hoher Außentemperaturen nicht abschalten, weil die Ventile unzugänglich sind. Man muß einen Notdienst anrufen. Der aber ist am Samstag nicht erreichbar. Das Problem, über das wir schon mal berichtet hatten ist den Verantwortlichen seit Jahren bekannt, aber es ändert sich nichts. Dafür muß man mit der Rohrzange auflaufen, will man die Fenster öffnen (und einen hitzebedingten Herzmax vermeiden), denn alle Griffe an den Fenstern sind abgebrochen. Das schult immerhin die manuellen Fähigkeiten, die bei den Betriebswirten ja angeblich manchmal unterentwickelt sind. Dafür kommt im Aufenthaltsraum anheimelnde Gemütlichkeit auf. Na ja, fast. Immerhin sorgen die Verhältnisse im Unterricht für engen persönlichen Austausch, denn die Räume sind offensichtlich viel zu klein. Von zeitgemäßer technischer Ausstattung wie Beamer oder Computer mal ganz zu schweigen. Alle auf dem Bild zu sehenden Notebooks gehören den Teilnehmern selbst.

Noch erstaunlicher ist, daß die hier gegebenen Rahmenbedingungen nichtmal sein müßten, denn ein ganz neues Schulungszentrum steht dem Vernehmen nach längst zur Verfügung. Es kann aber nicht genutzt werden, weil niemand zur Verfügung steht, der am Freitag abends und am Samstag tagsüber schließt und wacht. Dafür fehlen das Geld und/oder der Ein-Euro-Jobber.

Die Sache ist kein Einzelfall: die Bildung in der Baracke ist auch fast zwei Jahrzehnte nach der Wende alles andere als ein Einzelfall, jedenfalls hier im Osten. "An ihren Taten sollt ihr sie erkennen" weiß ein altes biblisches Sprichwort. Die Taten der Bildungsverantwortlichen lassen jedoch erkennen, daß man die Bedeutung der Bildung für Wirtschaft und Gesellschaft noch beiweitem nicht erkannt hat. Das aber könnte durchaus gewollt sein, denn wenn man das Volk dumm und arm hält, ist es leichter zu regieren. In einer Zeit, da schon der Fernseh-Wetterbericht politische Propaganda betreibt, ist dies aber nötiger denn je.

Links zum Thema: Vom deutschen Wesen, oder Heizkosten mitten im Sommer | Notprogramm und Gegenrevolution: alternative Vorschläge zur Schulreform (interne Links)

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