Prüfer-Dummdeutsch: Sag mir, wo Du stehst…

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Jemand schreibt mir im Ton der Verzweiflung, er müsse im Rahmen des Studiums eine "Standortbestimmung" für das "Artikelspektrum" machen. Er habe bestimmte Daten für die letzten 26 Wochen und suche nun verzweifelt nach Hilfe zu "Standortbestimmung" und zum "Artikelspektrum". Nirgendwo sei etwas dazu zu ergoogeln. Was aber kann man hier raten?

Es ist erstaunlich, wie leicht sich manche Leute aufs Glatteis führen lassen, denn viele Prüfungen sind nicht wegen ihres Inhaltes schwer, sondern nur weil ungewöhnliche (oder selbstgestrickte) Begriffe für eigentlich ganz alltägliche Sachverhalte verwendet werden. Prüfungsteilnehmer scheitern dann oft obwohl sie wissen, was sie wissen sollen, es im entscheidenden Moment aber nicht anwenden können. Man muß also, bevor man an die eigentliche inhaltliche Arbeit geht, erstmal die Äußerlichkeiten klären: zum Bleistift, was zum Teufel denn eine "Standortbestimmung" sein könnte, und was man unter dem "Artikelspektrum" zu verstehen habe.

Natürlich ist mit dem Standort hier nicht der geographische Standort gemeint, denn man will ja nicht in die Ukraine auslagern, sondern gemäß Aufgabe zu hohe Bestände (und damit eine zu große Kapitalbindung) abbauen. Man muß den Standortbegriff also im übertragenen Sinne anwenden – und die entsprechenden materialwirtschaftlichen Optimierungstechniken damit assoziieren. Ein Standort kann nämlich auch ein Benchmarking oder ein Rating sein, also ein Vergleich mit Dritten, mit dem Branchenbesten oder mit einem gegebenen oder noch zu findenden Ziel. Das liegt hier viel näher: man will ganz offenbar die Kapitalbindung minimieren und sehen, wie weit man damit gediehen ist. Sag mit wo Du stehst… bei Kapitalbindung und Lagerkosten! Auch das ist ein Standort! Das aber sollte eine ganze Armee roter Fähnchen auf dem weiten Schlachtfeld der betriebswirtschaftlichen Optimierung hochploppen lassen, zum Beispiel das Fähnchen der Kostenartenrechnung, denn diese begründet überhaupt erstmal die Lagerkosten, die Flagge der Bestellmengenoptimierung, auf der "Andler", "Groff", "WWA" und andere Namen stehen, das Banner der ABC-Analyse oder die Siegesfahne der Lagerstatistik. Letztere bot sich dem Fragesteller übrigens geradezu an, denn er hatte die Zahlen für das "Artikelspektrum" per Excel rübergereicht bekommen, also sortimentsbezogene Daten. All diese Verfahren der "Stadortbestimmung" sollen also auf alle Artikel (das Sortiment, also das "Artikelspektrum") angewandt werden.

Erst jetzt beginnt die eigentliche inhaltliche Arbeit, nämlich die Klärung, welche Methode hier geeignet sein könnte, und welche Daten man ggfs. noch braucht. Das ist, was der Prüfungsteilnehmer (hoffentlich) weiß, aber zuerst muß er mal drauf kommen, daß das "Spektrum" einfach das Sortiment ist und der "Standort" einfach der relative Stand hinsichtlich relevanter Großen. Dies aber setzt begriffliche Orientierung voraus, und wenn es daran mangelt, dann endet die Prüfung, bevor sie eigentlich begonnen hat.

"Sag mir wo Du stehst" war bekanntlich einst ein Titel des roten Oktoberklubs aus der DDR, heute in Zeiten der ergrünten Wirtschaft so aktuell wie eh und je, nur halt unter neuem Vorzeichen. Damals wie heute muß man die Kunst der Sprache beherrschen, also wissen, was mit Begriffen wirklich gemeint ist. In der Politik ist die Wahl der Worte die Wissenschaft von der Lüge, die in der Diplomatie ihre höchste Ausprägung erfährt. In der Betriebswirtschaft und ihren Prüfungsveranstaltungen wird die Sprache nur genutzt, um die Adepten der höheren betriebswirtschaftlichen Weihen ein wenig aufs begriffliche Glatteis zu führen. Das aber gelingt leider manchen Prüfern noch immer viel zu gut, denn nur wer auf den Begriffen nicht ausrutscht kommt an das sichere Land der Zahlen, Daten und Fakten. Das aber ist der Weg, den wir gehen wollen.

Links zum Thema: Wissen, Können und Erkennen, oder von der Treppe, die zum Prüfungserfolg führt | Prüfungsstrategie: Warum der Mitschreiber durchfällt (interne Links)

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