Die neuen Verordnungen der Kämmerlinge, oder des Kaisers neue Kleider

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Nachdem schon im vergangenen Jahr erste Erfahrungen mit den sogenannten Waschkorb-Prüfungen gesammelt wurden, liegen inzwischen etwas mehr Prüfungen nach neuer Verordnung vor – jedenfalls solche der Geprüften Technischen Betriebswirte. Die Geprüften Betriebswirte müssen da noch etwas warten, denn da werden vermutlich diesen Herbst erst die ersten Prüfungen nach neuen Regeln geschrieben. Dennoch ist Zeit, eine erste Wertung zu versuchen – ohne Gewähr, ohne Garantie aber wie immer auch ganz ohne Respekt.

So haben sich die Inhalte gewiß verschärft – IAS/IFRS, viel mehr Bilanzanalyse und Steuerrecht, das fällt den Technikern schwer. Diese Verschärfungen aber sind auch durchaus wünschenswert, denn die das Rechnungswesen unterliegt wie auch die Technologie einer Fortentwicklung. Interessant ist am Ende aber nicht (nur) der Rahmenstoffplan, sondern auch das, was die Prüfungspoeten daraus machen.

Da nämlich sind nach bisheriger erster Erfahrung die Neuerungen beiweitem nicht so heftig, wie das bislang oft befürchtet wurde. Daß man beispielsweise in einer Frage vom 6. Oktober 2005 die Herstellungskosten nach HGB mit denen nach IAS/IFRS vergleichen sollte, ist nicht wirklich eine Hürde. Mit dem HK-Begriff muß man sich ohnehin herumschlagen – oder hat auch nach alter Verordnung u.U. ein Problem. Der neu hinzugekommene IFRS-Vergleich ist dabei weniger eine Erschwernis als eine Vertiefung. Und alte Bekannte wie die Maschinenrechnung, die dynamische Investitionsrechnung oder diese unsägliche Engpaßanalyse, zu der wir uns hier schon verschiedentlich verbreitet haben, werden noch immer in allen Varianten durchdekliniert. Wer hier Mut zur Lücke beweist, ist selber schuld – nach alter wie nach neuer Verordnung.

Hinzu kommt, daß die Aufgabenlyriker ihre Handschrift offenbar nicht verändert haben. Sie denken noch immer in den gleichen Bahnen, schreiben noch immer in neuer Schlechtschreibung und machen sogar noch die gleichen sachlichen Fehler wie früher. Das erhöht nicht nur die Vorhersagbarkeit der Prüfungsinhalte, sondern mindert auch die Auswirkungen der Änderungen, die nunmehr eingetreten sind. Dadurch werden die Prüfungen zwar nicht gerade leichter, aber auch nicht wirklich so viel schwerer, wie oft befürchtet wurde.

Des Kaisers neue Kleider also, hier wie schon so oft. Für den Lehrgangsteilnehmer ergibt sich daraus eine eindeutige Konsequenz: es ist jetzt so leicht oder so schwer wie zuvor, aber man muß etwas dazu beitragen, daß es am Ende gelingt. Das meint nicht nur die bekannten Zeitprobleme, sondern auch die Kontrolle des Dozenten durch seine Schützlinge: wer lehrt muß nämlich nicht nur die alten Prüfungen bis zurück in die Steinzeit kennen (denn sie sind ja öffentlich zugänglich), sondern auch den neuen Rahmenstoffplan auswendig möglichst rezitieren können (oder ersatzweise auf dem Schreibtisch herumlungern haben). Und sich nach beidem richten. Erste Pflicht der Lehrgangsteilnehmer ist zu prüfen, ob dies erfüllt ist, denn sonst lernt man nicht für den alten Rahmenstoffplan, sondern für die Katz.

Ein Haken freilich bleibt am Ende, und das sind die äußeren Bedingungen: wenn jeder zweite Prüfungskandidate mit einem fahrbaren Bücherregal aufläuft, und während der Prüfungsveranstaltung rundum mit Gesetzbüchern geraschelt und in Lehrbüchern geblättert wird darf man sich nicht wundern, wenn man keinen klaren Gedanken mehr fassen kann. Es wundert daher nicht, daß meines Wissens für die erste Betriebswirte-Prüfung nach neuer Verordnung noch nicht bekanntgegeben wurde, ob diese wie jetzt schon bei den Geprüften Technischen Betriebswirten mit allen Hilfsmitteln geschrieben wird – denn das nervt wohl doch etwas zu viel. Immerhin lernen die Techniker dann spätestens in der Prüfung die Sprache, die alle Programmierer weltweit längst können: das Fluchen.

Links zum Thema: Stöber, Raschel, Blätter: bald mit dem Waschkorb zur IHK-Prüfung? | Technischer Betriebswirt: Erste Erfahrungen mit der neuen Verordnung | Fehler in IHK-Prüfungen: wieder eine neue Knallschote | Vom Wochenende in den Opportunitätskosten, oder die Zeitnöte der berufsbegleitenden Fortbildungen (interne Links) W. Bertelsmann Verlag (externer Link)

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