Die zingelsche Unschärferelation, oder wenn die Prüfung Grenzen überschreitet

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Auf meinem Schreibtisch liegt eine Prüfung, die ihrem Titel nach was mit Rechnungswesen und Controlling zu tun hat. Doch zwischen vielen Fragen über Kennzahlen und Kostenrechnung wollen die Aufgabenlyriker plötzlich auch was zur Lagerreichweite und Lagerumschlagshäufigkeit wissen. Teilnehmer haben sich beschwert, das habe nichts mit dem Prüfungsthema zu tun – zu unrecht, wie ich meine.

Immer häufiger überschreiten Prüfungen Grenzen – die zwischen Stoffgebieten. Sie werden damit gleichsam „unscharf“, denn auch da, wo „Controlling“ draufsteht, kann Material- und Lagerwirtschaft drin sein – jedenfalls ein bißchen. Legende und Urahn dieses Problems ist die berühmte BSC-Frage: das Balanced Scorecard Konzept ist gerade seinem Wesen nach grenzüberschreitend, denn es sucht betriebsweit nach Wechselwirkungen, Zusammenhängen und Maßzahlen – die keine Abteilungsgrenzen respektieren. Damals mußten zudem noch eigene auf die Situation passende Kennzahlen entwickelt werden, ein Graus für viele Kandidaten – denn Auswendiglernen hilft nix. Ganz wie im richtigen Leben.

Auch im eigentlichen Rechnungswesen ist das Phänomen nicht unbekannt: schon 1998 wurde mit dem damaligen KonTraG das Risikomanagement als Pflichtveranstaltung eingeführt, und spätestens seit dem BilRefG, das 2005 in Kraft trat, ist der Lagebericht nach §289 HGB zu einer interdisziplinären Veranstaltung voller nichtfinanzieller Leistungsindikatoren und Portfolio-Übersichten geworden. Seither müssen Bilanzanalytiker nicht nur die horizontalen und vertikalen Bilanzkennziffern kennen, sondern auch die Boston Consulting Matrix, SWOT, Ansoff und den Rest. Na lecker. In meinem Buch „Bilanzanalyse nach HGB“ ist das übrigens im Detail demonstriert.

So ist es mit der Prüfung wie mit dem richtigen Leben: alles hängt mit allem zusammen, nichts existiert aus sich selbst heraus. Daß Prüfungen immer öfter die Grenzen eines Fachbereiches überschreiten, ist damit zwar gewiß eine Erschwernis, aber ganz sicher auch zu begrüßen, ist es doch in der Realität nicht anders. Auch hier müssen oft Konzepte und Daten aus unterschiedlichen Sachbereichen kombiniert und grenzüberschreitend ausgewertet werden.

Die Betriebswirtschaft ist nicht nur eine Wissenschaft, sondern auch eine Kunst, denn sie hat was mit Können (und nicht etwa mit Wollen) zu tun. Man muß unterschiedliche Sichten beherrschen und scheinbar oder tatsächlich widersprüchliche Konzepte richtig anwenden. Das kennt keine Grenzen, sondern nur Erfolg und Nichterfolg. Wir reden von Geld, und davon, wie aus Geld mehr Geld wird. Der Betriebswirt ist in seiner höchsten Inkarnation als Geschäftsführer oder Vorstandsvorsitzender stets der Verwalter von Kapitalmassen, und hier gibt es keine Sachgebietsgrenzen. Also gibt es diese auch nicht in Prüfungen. Deren Teilnehmer werden sich in Zukunft auf mehr interdisziplinäre Fragen einstellen müssen, ob ihnen das schmeckt oder nicht. Nützen wird es ihnen (und den von ihnen verwalteten Produktionsfaktoren) aber auf jeden Fall.

Links zum ThemaPrüfung Betriebswirt/IHK vom 11. Juni: Die BSC-Frage | Neuregelungen im Lagebericht ab 2005 |Kundenzufriedenheit und Qualitätsmanagement im Bildungsbetrieb (interne Links)

Literatur: Zingel, Harry, „Bilanzanalyse nach HGB“, Weinheim 2006, ISBN-13: 978-3-527-50251-6, Amazon.de | BOL

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