Vom Niedergang der ISO 9000: zum Beispiel ein Zertifikat vom TÜV Süd

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Qualitätsmanagementsysteme, so könnte man meinen, sind Garantien für seriöse Geschäftstätigkeit. Das ist leider nicht immer so. Ein Unternehmen mit der Zertifikat-Nr. 12 100 29494 TMS, ausgestellt vom TÜV Süd, ist ein Beispiel für den Niedergang des Systems zertifizierter Qualitätsmanagementsysteme, den wir derzeit beobachten.

So wurde der Inhaber mindestens zwei Mal wegen unbezahlter Waren verurteilt. Strafrechtliche Vorwürfe, die vorgebracht wurden, umfassen Betrug, Bedrohung, Beleidigung und Nötigung. Mindestens von 2002 bis 2005 hat derselbe Gründer sein Startup schwarz betrieben, ohne IHK, ohne Gewerbeamt, ohne Finanzamt. Und das auch noch unter einem fremden Markenzeichen, was sich jedoch als ziemlich teuer herausstellte als der wahre Markeninhaber einen Tip bekam. Und selbst eine solche Karriere ist anscheinend kein Widerspruch zu einer ISO-Zertifizierung.

Kein Wunder, daß die ernsthafte Wirtschaft inzwischen nach neuen Ufern sucht – Business Excellence ist so ein Stichwort. Und die Qualitätspreise wie der Ludwig Erhard Preis oder der European Quality Award setzen, wohl aus gutem Grund, in aller Regel ein ISO-Zertifikat nicht mehr voraus. Der mit den hehren Total Quality Management Zielen ursprünglich beabsichtigte Verhaltenswandel ist offensichtlich gescheitert. Daß man Menschen nicht umerziehen kann, hätte man vorher wissen können, denn in der Vergangenheit sind genug entsprechende Versuche gescheitert. Doch daraus hat man nichts gelernt, so daß man diese Erfahrung wiederholen muß. Doch wenigstens auf minimale Anforderungen an Seriosität und Rechtskonformität bei den Zertifizierungspartnern hätte man bei der Vergabe und Aufrechterhaltung von ISO-Zertifikaten achten können.

Denn es sind längst nicht mehr nur die großen Unternehmen wie Bahn und Telekom, die Qualitätszertifikate haben aber keine erreichbare Hotline: inzwischen kann sich offenbar jeder unseriöse Geschäftemacher zertifizieren lassen. Der Wettbewerbsvorteil, den die Zertifizierung einst erbrachte, ist damit längst hinfällig und das QM-Handbuch dient, trotz seines hohen Anspruches, nur noch der bürokratischen Aufzeichnung von Prozessen – und meist dem Marktzutritt, denn ohne QM-System keine öffentlichen Aufträge.

Das haben auch die Industrie- und Handelskammern bemerkt, und das Fach "Qualitätsmanagement" beispielsweise in der neuen Prüfungsordnung zum Geprüften Betriebswirt erheblich reduziert.

Wir haben den TÜV und den verantwortlichen Auditor übrigens lange vor Erscheinen dieses Artikels über die hier beschriebenen Mißstände in Kenntnis gesetzt. Zu einer von außen erkennbaren Reaktion sah man sich nicht genötigt. Auch das ist ein offensichtliches Zeichen des Niederganges: Beschwerden der Stakeholder werden nicht ernstgenommen. Ganz offenbar ist daher das ganze Stakeholder-Konzept wohl nicht sehr ernst zu nehmen. Das ist schade, aber nur der Zustand, der eigentlich schon immer geherrscht hat. Nur daß jetzt offenbar wird, was zuvor durch die QM-Lüge verdeckt gehalten wurde.

Links zum Thema: »Economy Consult« oder wie man ein virtuelles Unternehmen führt | Geprüfter Betriebswirt: Fach "Qualitätsmanagement" im Niedergang und die Konsequenzen | Geprüfter Betriebswirt: Hinweise zum neuen Rahmenstoffplan | Geprüfter Betriebswirt: neue Verordnung, neue Prüfung – neues Spiel, neues Glück | Skript zu QM, TQM und ISO 9000 (interne Links)

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