Die Liebe in der Kultur des Todes, oder unkonventionelle Gedanken zu Weihnachten

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Wenn ich einen anderen diffamieren will so brauche ich nur zu behaupten, er liebe nichts so sehr wie sich selbst. Die Selbstliebe hat einen ausgesucht schlechten Ruf und eignet sich gut für rhetorische Angriffe. Aber warum? Was hat ihr dieses schlechte Image verpaßt?

„Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst“ heißt es bei Paulus im Neuen Testament (Gal. 5, 14). Wie dich selbst! Man muß sich also erst selbst lieben, bevor man einen anderen lieben kann – oder gar den Nächsten. Und genau hier liegt das Problem der sogenannten christlichen Nächstenliebe: durch den Erbsündegedanken lernt der Christ nämlich zunächst keine Eigenliebe, denn was sündig ist, kann (oder soll) man nicht lieben. Und die der Eigenliebe nächstliegende Gefühlsäußerung, der Egoismus, wird ebenfalls systematisch diffamiert, obwohl er doch eine der mächtigsten Triebfedern menschlichen Handelns und der Motor der Wirtschaft ist. Dennoch hat jeder Mensch die Eigenliebe, denn sie gehört zum natur- oder gottgegebenen Überlebenstrieb: ich kann nicht überleben wenn ich nicht schütze, was ich am meisten liebe, und das bin ich nun mal selbst. Ob das gesellschaftlich begrüßt wird oder nicht.

Kein Wunder also, daß die Nächstenliebe fehlt, denn ihr mangelt es mit der Eigenliebe an einer wichtigen Voraussetzung. Wer sich selbst nicht lieben kann, der liebt auch nicht den Nächsten – aber vielleicht den Fernsten, der uns von Plakatwänden schwarz, arm und großäugig anschaut, mitleid- und spendenerregend. Die Fernstenliebe ist damit ein Symptom für unsere Unfähigkeit zur Liebe, denn der Fernste ist kein wahres Liebesobjekt, sondern eine Projektionsfläche für das, was wir für Liebe halten, was aber längst keine Liebe mehr ist. Amerikanische Teleprediger, die längst auch über Europa herfallen wissen, was ich meine.

Der solcherart verschüttete Zugang zur Liebe verschüttet aber gleichermaßen auch den Zugang zu Gott, denn Gott ist die Liebe, deus caritas est, 1. Joh. 4, 8 und 16, und wer nicht lieb hat, der kennt Gott nicht. Der Satz von der Gottesliebe, der als Titel über der ersten Enzyklika des neuen Papstes Benedikt XIV steht, ist zugleich das verbindende Glied aller Religionen der Welt, die jedenfalls in ihrer mystischen Tiefendimension alle die Gottesliebe zum zentralen Thema und damit zur Heilserfahrung machen: sei es die indische Bhakti, das Leiden des Bodhissatvas am Kreuz, die Trunkenheit der Sufis oder das unaussprechliche Einswerden der mittelalterlichen Mystiker, es ist immer die Liebe, auf die man in der Tiefe stößt. Und die man nicht erfahren darf.

Es wundert daher nicht, daß wir in einer zutiefst lieblosen und gottlosen Gesellschaft leben, in der jeglicher Zugang des Menschen zur Liebe und damit zum Licht unterbunden wird. Gott darf nicht unter uns wohnen, einst nicht zur Zeit da das berühmte Gebot vom Kaiser Augustus ausginge, daß alle Welt geschätzet werde (Luk 2), und heute auch nicht, da Merkel Landpflegerin unserer Provinz des Neuen Römischen Reiches ist. Kein Wunder also, daß das Fest, das wir heute abend feiern, seinen wahren Sinn längst verloren hat und zu einer Konsumorgie verkommen ist. Das ist schade, denn in Weihnachten steckt ein tiefes Mysterium.

Und wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat. Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm“ (1 Joh 4, 16). Ohne Liebe also, so lernen wir hier im Umkehrschluß, bleibt Gott uns fern, und das aber ist die Hölle, denn diese ist nicht ein feuerspeiender Ort voller gabelschwingender Teufelchen, sondern der Anus mundi, ein gottferner, gottloser Ort, also ein Ort ohne Liebe, wofür sich wahrlich genug praktische Beispiele finden lassen – alle aber genau hier, in unserer Kultur des Todes. Das aber ist die Botschaft des Konsumfestes: wir leben in Wirklichkeit in einer Kultur des Todes, am Arsch der Welt.

Dies aber ist zum Glück nicht das letzte Wort: „Also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab“, Joh 3, 16. Wie lieben nicht, aber wir werden geliebt. Wir handeln ohne Liebe, aber Gott handelt aus Liebe, denn echte Liebe läßt sich nicht erbittern, sie erwartet keine Gegenleistung. Unser Wissen ist Stückwerk, „wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören“, 1. Kor. 13, 10. Jetzt sehen wir wie durch einen dunklen Spiegel in unserer karmischen Verblendung, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Die Welt, so die frohe Botschaft, ist im Kern der Dinge Liebe, ob wir dies glauben mögen oder nicht. Dies aber ist mein Weihnachtsgruß an alle Leser, »deus caritas est«.

Literatur: Papst Benedikt XVI, „Gott ist die Liebe: die Enzyklika »Deus caritas est«“, Herder, Freiburg 2006, ISBN 3-451-29191-6

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