Eine neue Alleinstellungsstrategie bei den IHK-Prüfungen?

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Schon vor einiger Zeit haben wir uns an dieser Stelle Gedanken darüber gemacht, warum Prüfungen immer schwerer werden müssen. Hinsichtlich der Prüfungen der Industrie- und Handelskammern scheint sich im Zusammenhang mit den neuen Prüfungsverordnungen und Rahmenstoffplänen der Lehrgänge "Geprüfter Betriebswirt" und "Geprüfter Technischer Betriebswirt" jetzt eine neue Qualitätsstrategie abzuzeichnen.

So wurde bisher der "Kammerbetriebswirt" in der Wirtschaft geringgeschätzt. "IHK-Niveau" war bisweilen beinahe ein Schimpfwort, das nur noch von "Arbeitsamt" getoppt wurde. Ganz offensichtlich will man von diesem schlechten Ruf weg. Die inhaltliche Aufwertung der Rahmenstoffpläne, will heißen deren erhebliche Verschärfung, ist zweifellos von diesem Motiv diktiert.

Gleichzeitig wurden aber auch sicher nicht mehr zeitgemäße Inhalte endlich entfernt, so beispielsweise Lehrinhalte wie "Bloedschirmtext", die sich allen ernstes noch im alten Rahmenstoffplan "Technischer Betriebswirt" fanden. Aber auch sonst wurde vieles zeitgemäßer. Die Logik dahinter scheint einfach zu sein: ist das am Ende zu ergatternde Papier seltener, so steigt sein Marktwert. Das ist fast wie im richtigen Leben.

Aber ganz sicher scheinen sich die Kämmerlinge selbst nicht zu sein: so hat man für den Geprüften Technischen Betriebswirt die "Waschkorb-Prüfung" eingeführt: alles, was kein Betriebssystem hat, darf als erlaubtes Hilfsmittel mitgebracht werden. Einer ist schon mit einem Bücherregal auf Rädern aufgelaufen. Das scheint aber nicht nur positiv aufgenommen worden zu sein, denn das Rascheln und Fluchen hektisch suchender Prüfungsteilnehmer stört wohl doch mehr als man erst wahrhaben wollte, hat sich doch sogar schon wer über das "Krrrchchrrpft!" beschwert (Krrrchchrrpft??).

Beim Geprüften Betriebswirt, der jetzt erst zum ersten Mal mit der neuen Verordnung startet, hält man sich daher offenbar was Prüfungen angeht noch bedeckt. Jedenfalls scheint es noch kein definitives Statement zu geben, ob und inwieweit Bücher, Skripte und IHK-Textbände in den Prüfungen zugelassen werden sollen. Möglicherweise waren die diesbezüglichen Erfahrungen eben doch nicht optimal. Man darf also gespannt sein, wie es hier weitergeht.

Ebenfalls ungewiß ist auch, ob die IHK sich als Quasi-Fachhochschule etablieren will – aber naheliegend wäre das, nähern sich die neuen Rahmenstoffpläne in ihrem theoretischen Anspruch doch dem FH-Niveau an: Entscheidungstheorie, kulturtheoretische Grundlagen, viel mehr Rechnungswesen. So muß es sein. Dauerhaft werden sie sich jedoch in ihrer Klientel unterscheiden, die nämlich mit FH- oder anderen Studenten nicht vergleichbar ist. Da genau liegt aber der sprichwörtliche Hase im Pfeffer.

So kann sich ein Student ganztägig dem Studium widmen, während Kammerteilnehmer typischerweise erst nach einem meist eher langen Arbeitstag zur IHK-Veranstaltung auflaufen. Sie haben es daher auf eine Art schwerer, wenn die eigentliche Arbeit schon alles an Kräften und Nerven gefordert hat. Andererseits aber haben sie auch einen großen Vorteil, den nämlich der unmittelbaren Realitätsnähe. Ist bei Studenten beispielsweise Marketing oft ein ungeliebtes Fach, weil Studierende kaum eine Chance haben, die dort relevanten strategischen Konzepte selbst anzuwenden (oder auch nur zu beeinflussen), so daß sie nur auswendig gelernt und daher nicht geliebt werden, können berufstätige Teilnehmer theoretische Konzepte unmittelbar in die Wirklichkeit bringen. Dies aber ist ein Alleinstellungsmerkmal der Kammern. Das ist, was den IHK-Lehrgang von allen anderen Studiengängen unterscheidet.

Hier zeichnet sich meines Erachtens nach eine konsistente Strategie der Kammern an: akademische Abschlüsse ohne die diesen sonst leider eigene Realitätsferne: Hochschulniveau ohne akademischen Elfenbeinturm. Es wird, in einem Wort, härter aber auch besser. Das kann in die Hose gehen; es kann aber auch einen ganz neuen Typ von Abschluß schaffen, der eine ganz eigene Bewertung am Markt erzielen könnte. Warten wir's ab. Spannend wird es auf jeden Fall. Der BWL-Bote wird weiterhin praxisnah berichten.

Links zum Thema: Erstens kommt es anders zweitens als man denkt: warum Prüfungen immer schwerer werden | Geprüfter Betriebswirt: Hinweise zum neuen Rahmenstoffplan | Technischer Betriebswirt: Erste Erfahrungen mit der neuen Verordnung | Geprüfter Betriebswirt: Fach »Qualitätsmanagement« im Niedergang und die Konsequenzen | Stöber, Raschel, Blätter: bald mit dem Waschkorb zur IHK-Prüfung? | Technischer Betriebswirt: Erste Erfahrungen mit der neuen Verordnung | Marketing, das ungeliebte Fach. Aber warum? (interne Links)

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