Die Sendung ohne Maus, oder wie wir den Anschluß mutwillig verpassen

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Angeblich werden Milliarden in die Bildung investiert, doch das viele Geld läßt sich bislang kaum blicken. Jedenfalls nicht in der akademischen- und der Erwachsenenbildung. Aber es ist nicht nur ein Problem der Finanzmittel: auch in zeitgemäßere Lehrpläne und angemessene Prüfungen müßte investiert werden, und das ginge ganz ohne Milliarden. Schauen wir mal, wie das gehen könnte.

Legende ist der Tag, an dem mich der leitende Professor einer mir wohlbekannten höheren Lehranstalt, zugleich auch Vorsitzender des Prüfungsausschusses dabei erwischte wie ich mit einer Fünfmeter-Verlängerungssteckdose in der Hand auf dem Parkplatz der genannten Institution meinem Auto entstieg. Auf die Frage, was ich denn mit der langen Leitung in der Prüfung wolle erklärte ich wahrheitsgemäß, daß mein Laptop-Computer schließlich irgendwo Anschluß suche. Und prompt gab er also kund und zu wissen, daß Computer in Prüfungen nicht erwünscht seien. Diese seien Sendungen ohne Maus.

Diese Institution, deren Namen oder Standort ich natürlich hier nicht nenne, denn ich bin dort ja seit Jahren Auftragnehmer, vermittelt auch bis heute keinerlei Digitalkompetenz an ihre Studis, die selbst in Diplomarbeiten oft noch die gröbsten Anfängerfehler im Umgang mit der Software machen. CI-Schemata, Programmiersprachen, Datenbanken – alles Fehlanzeige. Aber mehr noch, auch die eigenständige Erarbeitung digitaler Elemente im Rahmen der Diplomarbeit darf offiziell nicht gewertet werden: wer also seine Diplomarbeit auf CD abgibt, oder gar als Teil der Diplomarbeit eine Programmiersprache selbständig erlernt und damit etwas für seinen Betrieb Nützliches herstellt, so wie kürzlich einer meiner Schützlinge aus Bad Salzungen, darf dafür nicht positiv bewertet werden, jedenfalls nicht offiziell: ein anachronistischer Zustand bedenkt man, wie teuer die kundenspezifische Anpassung ("customization") von ERP-Systemen auf dem freien Markt nun mal ist.

Das unzeitgemäße Bild setzt sich in anderen Teilbereichen fort, beispielsweise im Rechnungswesen. Diplomkandidaten einer ganz ähnlichen ebenso öffentlichen Ausbildungsinstitution, die auf FH-Niveau auszubilden beansprucht, könnte ich mit Prüfungsfragen aus IHK-Prüfungen locker kippen. Von internationalem Rechnungswesen haben die nach sechs Semestern noch kein Sterbenswörtchen gehört: die Dozenten lehren nur das HGB, und auch das eher oberflächlich. Selbst die IHK, die gebunden ist nach amtlichen Verordnungen und staatlich abgesegneten Rahmenstoffplänen zu unterrichten, ist da inzwischen viel näher an der Zeit. Ein mittelprächtiger Bilanzbuchhalter steckt seine spätere Führungskraft locker in die Tasche.

Die Globalisierung ist eine Tatsache, ob wir das wollen oder nicht. Wir müssen uns dem also anpassen, und das ist einerseits ein digitaler Vorgang, denn der einzige Ort, wo in den Betrieben heute etwas ohne Computer flüssig erledigt wird, ist die Toilette. Andererseits ist die weltweite Standardisierung des Rechnungswesens ebenfalls ein Faktum, dem wir uns anpassen müssen – schon weil Deutschland wieder mal Exportweltmeister ist, vor China, vor den großen USA, aber immer noch mit altdeutschen Rechnungslegungsvorschriften. Wer die Auszubildenden von heute nicht auf die Zustände von morgen vorbereitet, begeht einen schweren Fehler. Der Wandel muß in den Köpfen beginnen, aber dort ist er noch immer nicht angekommen. Kein Wunder also, daß der Exportweltmeister in Sachen Bildung im internationalen Vergleich immer weiter zurückfällt – eben auch im akademischen Bereich.

Links zum Thema: Bessere Bildung ohne Milliarden: So einfach geht's! | Gravierende Schwächen in Studien- und Diplomarbeiten: wie man es nicht machen sollte | Geprüfter Betriebswirt: neue Verordnung, neue Prüfung – neues Spiel, neues Glück | Geprüfter Betriebswirt: Hinweise zum neuen Rahmenstoffplan (interne Links)

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