Lehrbetrieb: warum Kurssysteme in der Erwachsenenbildung nicht funktionieren

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In den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts begann man, Schülern allgemeinbildender Schulen in den letzten Jahren ihrer Schulkarriere Wahlrechte hinsichtlich der Lehrinhalte einzuräumen. Dies findet seither in Gestalt von Kurssystemen aus Wahl- und Wahlpflichtveranstaltungen statt. Was jedoch in der Schulausbildung Sinn macht, ist nicht ohne weiteres auf die Erwachsenenbildung zu übertragen.

So liegt dem Schulcurriculum ein einheitlicher Lehrplan mit bestimmten aufeinander abgestimmten Wahloptionen zugrunde, aber diese wurden einheitlich und für homogene Schülergruppen geplant. Ganz anders ist es aber wenn versucht wird, so unterschiedliche Lehrgänge der Erwachsenenbildung wie "Bilanzbuchhalter" und "Geprüfter technischer Betriebswirt" in ein gemeinsames Kurssystem zu fassen: hier begegnen sich nämlich vollkommen unterschiedliche Basiskonzepte, die auch in oberflächlich ähnlichen Teilen der jeweiligen Rahmenstoffpläne im Detail sehr unterschiedlich bleiben. So sollte ein Buchhalter im Zusammenhang mit der Volkswirtschaft ganz andere Dinge beherrschen als der Technische Betriebswirt. Beide in einen Kurs zusammenzuführen ist also nur ein scheinbares Sparpotential: in Wirklichkeit vermindert es Lernerfolge, erschwert den Prüfungserfolg und frustriert Dozenten wie Teilnehmer.

Auch auf menschlicher Ebene bestehen große Unterschiede, die kaum überbrückbar scheinen. Jeder Dozent, der schon mal im Bilanzbuchhalter-Lehrgang unterrichtet hat bestätigt aus eigener Erfahrung, daß die Teilnehmer dort ganz anders "ticken" als Techniker oder Manager. So unterschiedliche Menschen in eine Veranstaltung zusammenzufassen ist daher auch auf menschlicher Ebene ein Risiko, das bei einem möglichen Scheitern durch unweigerlich entstehende Konflikte die scheinbare Kostenersparnis kaum rechtfertigt. Und man bedenke nie, daß Teilnehmer der Aufstiegsfortbildung keine Zwangsteilnehmer der Arbeitsverwaltung sind, sondern teuer zahlende Kunden…

Ähnliches gilt auch gleichsam "vertikal": müssen Geprüfte Betriebswirte etwa im Fach Recht schon regelrechte Gutachten verfassen, bleibt es bei den Fachwirten meist bei Kenntnisfragen. Auch die Anforderungen im Controlling-Bereich sind in diesen beiden Lehrgängen drastisch unterschiedlich. Eine Zusammenführung scheinbar gleichartiger Fächer in einen Kurs würde also notwendig einen Teil der Teilnehmer über- und den anderen Teil unterfordern, aber in keinem Fall den Prüfungserfolg erhöhen.

Bleibt der Klassenverband, der bei Erwachsenen mindestens so wichtig ist wie bei jugendlichen Schülern: diese nämlich haben, wenn sie so ca. in der 10. Klasse mit einem Wahlpflicht-Kurssystem anfangen, das Lernen schon ein Jahrzehnt trainiert, aber Erwachsene, die mit vierzig oder mehr Jahren noch ein IHK-Zertifikat erwerben wollen, haben es zuvor seit zwanzig Jahren wieder verlernt. Sie müssen sich also gegenseitig stützen – durch Lernzirkel, Übungstreffen und andere Formen gemeinsamen Vor- und Nachbereitens. Was sich stets als Erfolgsfaktor in Prüfungen erweist, wird durch die "Atomisierung" des Lehrbetriebes in einem Kurssystem aber erschwert, denn wer ständig auf neue Mitstreiter trifft hat kaum eine Chance, regelmäßige Lerngemeinschaften zu bilden.

Und gleiches gilt zumeist auch für Fahrgemeinschaften, die nämlich oft ebenfalls in Zeiten völlig überzogener Energiekosten bedeutsam sind. Gerade die Verfechter von Kurssystemen argumentieren nämlich oft mit der standortübergreifenden Zusammenlegung von Kursen, was aber auch meist weitere Fahrtstrecken für Teilnehmer bedeutet – die dann kaum noch Fahrgemeinschaften bürgerlichen Rechts bilden können, weil jeder plötzlich zu einer anderen Zeit und woanders hin muß. Nicht nur eine praktische, sondern auch eine finanzielle Erschwernis.

Letztlich sollte der Bildungsträger auch seine eigene Dozentenschar anschauen, denn nach langjährigem Einsatz sind die Lehrkräfte zu Spezialisten geworden: sie kennen ihre Prüfungen, ihre Rahmenstoffpläne und ihre Teilnehmer, nicht aber die anderer Aus- und Fortbildungsgänge. Die Erfahrungen aus einem Bildungsgang sind oft auf die einer anderen Lehrveranstaltung nicht zu übertragen, schon weil die zu erwartenden Fallen in den typischen Prüfungen, die jeder gute Dozent bis zurück in die Steinzeit auswendig rezitieren können muß, meist ganz andere sind. Wer dennoch Lehrgänge zwangsvereint, begeht einen großen Fehler.

Kurssysteme, so lernen wir, funktionieren nur bei einer sehr einheitlichen Klientel – höchstens also in der Erstausbildung, an Schulen und Universitäten. IHK- und andere Lehrgänge der Aufstiegsfortbildung sollten stets isoliert betrieben werden, also ohne kursübergreifende Vermischung der Teilnehmer. Scheinbare Sparpotentiale des Lehrgangsanbieters werden durch große Nachteile bei Stoffvermittlung und Prüfungserfolg nicht gerechtfertigt.

Links zum Thema: Schwarze Schafe: Hinweise zur Wahl der richtigen Bildungsfirma | Notprogramm und Gegenrevolution: alternative Vorschläge zur Schulreform | Latein in der Schule: vom modernen Nutzen einer alten Sprache (interne Links)

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